Spoerris (A)Prillwitze

Fast so schwer zu finden, wie Gsellmanns Weltmaschine, ist auch das Ausstellungshaus von Daniel Spoerri in Hadersdorf.
Man radelt durch Weinberge und Äcker, bergauf und bergab, schiebt sein Rad an der Bahnstrecke entlang und weiß genau „hier irgendwo muss es doch kruzmalifixnochmal sein, dieses Hadersdorf!„, doch weit und breit vermag kein einziger Wegweiser nach Hadersdorf zu zeigen. Und dann – kurz vorm verzweifeln – steht man plötzlich doch wie Harry Potter am Bahnsteig 9 3/4 vorm Ortschild „Hadersdorf am Kamp„.

Warum Daniel Spoerri, Wahlschweizer mit Wohnsitz in Wien, sein Kunstlager ausgerechnet dort eröffnet, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen, fragt sich nicht nur seine treue Mitarbeiterin  Barbara Räderscheidt, die das Ausstellungshaus leitet und regelmäßig aus Deutschland anreisen muss. Vielleicht erinnert es ihn an Rumänien, aus dem er 1942 mit seiner Familie flüchten musste?
Vielleicht ist es aber auch nur Teil seines kauzigen Humors, den ich in fast jedem seiner Objekte hier wiederfinde.
Ein Pferdeskelett im Schuppen, das grinsend in den Kirschgarten raussieht, läßt mich herzlich auflachen. Genauso der mittelgroße Metallschrottwürfel im Garten mit dem schönen Titel „Donauradweg“ (bei genauerer Betrachtung erkennt man die gepressten Fahrradteile). Und dann finden sich in vielen seiner Sammelobjekte kleine Ausreißer, ein Schlumpfenfinger zwischen hunderten Jads (Thorafingern) oder ein Didgeridoo in einem Haufen Spazierstöcken. Kunst zum mitschmunzeln, das gefällt mir!

Die aktuelle Ausstellung Daniel Spoerris „Prillwitzer Idole“ geht allerdings wieder in eine ganz andere Richtung. Zum Teil überlebensgroße Bronzegussobjekte befinden sich am Gelände des ehemaligen Klosters verteilt. Sie sind eine Mischung aus Zufallsprodukten, Fundstücke des Alltags werden zusammengestellt zu Figuren gegossen. Schaurig anzusehen sind manche von ihnen – ein Totenkopf in Boxhandschuhen gebettet steht da in einer Nische, ein Jüngling mit überlangem Ringfinger und Stoßdämpferphallus unter der Trauerweide und Figuren mit bronzenen Skelettarmen im Schuppen.

Spoerris Eigenheit bei diesen Güssen sind die nicht entfernten Gusskanäle. Wie Skelette oder eine Art Aura stehen sie rundherum ab. Der Künstler macht so den Schaffungsprozess der Figur sichtbar, gibt aber auch die Möglichkeit bei Vervielfältigung der Objekte jedem Einzelnen seine Eigenart zu lassen.

Die Idee zu dieser Kunstreihe ist ebenfalls bemerkenswert. Dazu inspiriert wurde Spoerri durch die Prillwitzer Idole, eine Brandenburger Legende rund um den sagenumwobenen Ort „Rethra“. Im 18. Jahrhundert wurden bei Ausgrabungen am Tollenser See eine Sammlung kleiner Bronzefiguren entdeckt. Eingravierte runenartige Zeichen („Rethra“) reichten aus, um Kunsthistoriker jener Zeit im slawischen Heidenkulttraum schwelgen zu lassen. Ein Traum, aus dem es ein Jahrhundert später ein unsanftes Erwachen gab, als bekannt wurde, dass die „Prillwitzer Idole“ Fälschungen der Goldschmiede-Brüder Sponholz waren. Die kleinen Figuren wurden also zu Hitlers Tagebüchern des 17. jahrhunderts.

Für Daniel Spoerri ist der Akt der Fälschung dabei eine Nebensächlichkeit, die der Kunst des Objektes, der kuriosen Ideenvielfalt der kleinen Götterfiguren keinen Abbruch  tut. Spoerris Gussfiguren in Hadersdorf sind daher angelehnt an diese kleinen Götterfiguren der Mecklenburgischen Seenplatte.

Menschen mit einem Hang zu seltsamen Ausflügen möchte ich Spoerris Kunstsammlung in Hadersdorf am Kamp sehr ans Herz legen. Ein wunderliches Kunsterlebnis an einem wunderlichen Ort.

Ausstellungshaus Spoerri
Hauptplatz 23
3493 Hadersdorf am Kamp
Tel. +43/664/88 45 47 87
www.spoerri.at
office@spoerri.at

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10 Kommentare to “Spoerris (A)Prillwitze”

  1. Würde ich hinwollen, dank Deiner Schilder- und Bebilderung.

  2. Klingt nach ‚Sehr sehenswert‘ und ‚da möchte ich auch mal hin‘. Für zweiteres von Interesse: Du kamst mit dem Fahrrad aus Wien? Ich muss ja grob wissen, wo ich einen etwaigen Urlaub planen könnte 😉

    • ja, hadersdorf ist von wien aus ganz gut zu erreichen. man kann das rad ein paar stationen mit der bahn mitnehmen und dann gemütlich seine spurensuche am velo fortführen. Oder den donauradweg nehmen (dabei aber drauf achten, dass der wind von hinten kommt, sonst wirds hart! ich spreche aus erfahrung ^^).
      und urlaub in wien sei dir natürlich ans herz gelegt! ich zeig dir gerne das eine oder andere schöne winkerl in der stadt.

  3. Großartig dieser Beitrag zu meinem geliebten Daniel Spoerri. Kauzig war er ja schon immer. Aber nun das! Irgendwie wird es mich mal nach Hadersdorf verschlagen. Und dann nehme ich deine Wegbeschreibung gerne an:

    Man radelt durch Weinberge und Äcker, bergauf und bergab, schiebt sein Rad an der Bahnstrecke entlang und weiß genau „hier irgendwo muss es doch kruzmalifixnochmal sein, dieses Hadersdorf!„

  4. Rhetra ist immer noch nicht gefunden. Trotzdem lohnt sich eine Reise zum Tollensesee – ich finde, dass der See und die Langschaft um ihn herum zu den schönsten Orten Brandenburgs gehören.

  5. Menschen, mit einem Hang zu seltsamen Ausflügen…

    Da hast du dich gut getroffen ! Sehr schön fotografiert und erzählt.

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