Herrn Gsellmanns Weltmaschine

Franz Gsellmann, ein Bauer aus Kaag in der Oststeiermark, lebte 48 Jahre lang das Leben, dass für ihn vorgesehen war. Als ältester Sohn und somit Hoferbe eines Uhrmachers und einer Bäuerin begrub er früh seine Träume ein Ingenieur zu werden. Er übernahm den Hof seiner Mutter, heiratete, zeugte einen Sohn und eine Tochter, bestellte mehr schlecht als recht die Felder und kümmerte sich ums Vieh. Sonntags stieg er pünktlich wie ein Uhrwerk hinab ins Dorf, ging fromm in die Kirche und speiste beim Dorfwirt zeremoniell seine Beuschelsuppe und las die Regionalzeitung. Die wöchentlichen Höhepunkte im harten, kargen und bescheidenen Leben eines einfachen Bauern.
So war das auch an jenem Sonntag des Jahres 1958, als er bei seinem Süppchen in der Zeitung den Bericht über die Brüsseler Weltausstellung und dem Bau des Atomiums las. Was mag im Kopf des Herrn Gsellmann in diesem Moment vorgegangen sein? Erfüllte die Erinnerung alter Kindheitsträume seine müden Augen wieder mit Licht? Klopfte sein Herz plötzlich schneller? So muss es wohl gewesen sein, denn der kleine hagere Mann sprang wie vom Blitz getroffen auf, sputete hinauf zu seinem Hof und rief, kaum dass er die Stube betrat seiner Frau zu „I foar aufd Wödausstellung noch Brüssel!„. Frau Gsellmann wußte kaum, wie ihr geschah, da war er mit einer Aktentasche bestückt und den Ersparnissen der Familie auch schon wieder aus dem Haus, nicht ohne ihr noch barsch zu verbieten auch nur ein Wort darüber den Nachbarn gegenüber zu verlieren. Und fort war er, nahm den Zug nach Brüssel, blieb dort gerade lang genug, um das Atomium abzuzeichnen und fuhr ohne in Brüssel zu nächtigen auch schon wieder nach Hause in die Oststeiermark.
Von diesem Moment an war nichts mehr wie zuvor. Er vernachlässigte den Hof, schloß sich stundenlang in die Kammer ein und begann ein Modell des Atomiums nachzubauen. Fieberhaft widmete er sich nur noch dieser Aufgabe und hütete sein Schaffen vor neugierigen Blicken. Und als das Atomium fertig war baute er einfach weiter – mit Hula-Hoop Reifen eine Kugel um das Atomium rum, einen Vogelkäfig obenauf und dann begann er Stück für Stück seine Maschine an den Stromgenerator des Hofes anzuschließen.

Die Pläne zu seiner Maschine entstanden und existierten ausschließlich in seinem Kopf. Von Zeit zu Zeit, wenn ihm das Rohmaterial ausging, sagte er zu seiner Frau, er müsse nun wieder „ins Land einihorchen“ und machte sich tagelang mit einer grob geschnitzten Schubkarre auf dem Weg zum Sachensuchen. Die gute Frau Gsellmann verfluchte ihren Gatten in der Zeit wohl nur allzu oft, die gesamte Arbeit des Hofes blieb schließlich an ihr und ihren Kindern hängen, während ihr Gatte immer eigenartiger und rätselhafter wurde. Auch die Schwiegertochter entpuppte sich als scharfe Kritikerin des „Spinners„, sie drohte ihm später oft ihn vom Hof zu jagen und den „ganzen Krempel“ hinterher zu schießen.
Doch Herr Gsellmann ließ sich nicht beirren, der tiefgläubige Mann erwiderte den Geschimpfe nur „Ich baue, weu da Herrgott mir de Gabe geben hot“ – sonst sprach er nicht viel. Seine Berufung ließ sich jedoch nicht lange geheim halten. Als er seine Konstruktion das erste Mal in Betrieb nahm, legte er den Stromkreis der ganzen Ortschaft lahm…

Von da an war Franz Gsellmann nicht mehr nur im Kreise der Familie „der Spinnerte“, auch die Dorfbewohner und Bauern der Umgebung begegneten ihm mit Unverständnis und Kopfschütteln. Man spottete über die Gsellmanns und schloß sie aus der Dorfgemeinschaft aus. Für „so an Schmarrn“ ist schließlich kein Platz. Das alles ließ Herrn Gsellmann natürlich nicht kalt, oft grämte er sich und weinte und suchte dann Trost in der Kornkammer am Dachboden, wo er seine Decke direkt auf den Weizenhaufen ausbreitete und sich in den Schlaf weinte. Seine Familie kannte diese Phasen schon, man ließ ihn dann halt in Ruhe…


Aufhalten ließ er sich ob der Widrigkeiten jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Der Bauer, der selbst ja nur die Ausbildung von 4 Jahren Volksschule besaß und ansonsten nur wußte, wie man den Ochsenpflug führte eignete sich die nötigen technischen und mechanischen Fähigkeiten an, indem er ins benachbarte Edelbach und fernere Feldbach marschierte und sich von jeden Mechaniker und Techniker genau erklären ließ, wie Motoren, Schaltkreise und Transistoren funktionierten, wie man lötet und schweißt und Drähte verbindet und mit diesem Wissen angereichert ging er wieder heim und experimentierte und bastelte. Mit den entsprechenden Fehlschlägen natürlich… Und so wuchs die Maschine schließlich bis an die Decke und füllte bald den eigens errichteten Anbau des Hofes vollständig aus, so dass die Seitenwand wieder niedergerissen werden musste und der Anbau erweitert.

Über die Jahre und Jahrzehnte wurde Franz Gsellmann auch immer wählerischer im Ankauf seiner Rohstoffe. So bezahlte er einmal sogar 1000.- Schilling, also ein wahres Vermögen, für eine japanische Plastik-Spielzeugrakete, die er bei einem spielenden Jungen sah. Der Zorn der Familie war ihm dafür wieder für Wochen gewiß…

Doch er war beseelt vom festen Glauben, dass die Maschine einmal „etwas PRODUZIEREN“ werde, dass die Maschine ein Eigenleben besitzt und er nur lang genug weiterbauen müsste, damit eines Tages der Sinn der Maschine aus ihr selbst heraus entspringen werde. Diese fixe Idee lässt sich auch an den angebrachten Sinnsprüchen in Teilen der Maschine lesen, die Gsellmann aus ausrangierten Inschriften der Dorfkirche mit kleinen Schräubchen anbrachte. So steht z.B. geschrieben „Mit Müch und Blarg harb ich gebaut. Für das so kurze Leben. Gott wirt mich in der antern Welt eine schönere Arbeit geben.“ Eine schönere Arbeit kann ich mir eigentlich garnicht vorstellen…


Letzten Sonntag führte mich mein Weg jedenfalls zu dieser Weltmaschine, die von der Schwiegertochter (eben jener, die dereinst so kritisch war und nun selbst eine gebückte alte Dame ist) im breitesten Stoasteirisch genauestens erklärt wird. Zu jedem Einzelteil gibt es Anekdoten und dazu alte Fotos vom Franz an den Wänden.
Und wenn sie die zehn Schalter drückt, die die Maschine zum leuchten, drehen, rattern und lärmen bringt und im großen Finale noch ohrenbetäubend pfeifen lässt, blitzt etwas Schelmisches in ihren alten Augen auf und es scheint, als hätte der alte Geist des Franz Gsellmann schlußendlich doch noch von ihr Besitz ergriffen.

Geschichten wie die des Franz Gsellmann, dieses eigensinnigen kleinen Hutzelmännchens mit Visionen, dieses Bauern mit dem Herz eines Daniel Düsentriebs, sind doch strahlende Lichtblicke, die mich mit einer Welt voller langweilig genormter Reglen und Konventionen wieder versöhnen lassen.

Auszüge aus den Bestandteilen der Weltmaschine:
200 Glühbirnen (gefärbt)
25 Motoren
64 Vogelpfeifen
1 Raumkapsel
4 Raumfahrer
1 Obstschüssel aus Japan
1 Pokal aus Persien
1 Windmühle aus Holland
2 venezianische Gondeln
1 Dynamo
2 Blitzableiter
1 Merzedesstern
14 Glocken
5 Zündkerzen
4 Wasserhähne
1 Schiffsschraube
25 Hula-Hopp Reifen
560 Holzperlen
1 Infrarotlampe
1 Trockenhaube
1 Roulette
1 Weihwasserbehälter
1 Jesusfigur
2 Marienstatue
5 Kruzifixe
3 Blaulichter
5 Auto Luftfilter
1 Salz & Pfeffergarnitur
1 Sauerstofflasche
1 Kirche aus 1000 vergoldeten Holz-Legosteinen
1 Metronom
1 Dampfmaschinenmodell mit Spritusbrenner
2 Kronen
1 Mixer mit Ventilator
1 Telefonläutwerk
1 Tischgong
400 Goldbuchstaben
und und und

Weltmaschine
Hof Gsellmann
Kaag 12
A-8332 Edelsbach
www.weltmaschine.at

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14 Kommentare to “Herrn Gsellmanns Weltmaschine”

  1. Wenn ich mir diesen Beitrag durchlese merke ich dass mein Leben ärmer geworden wäre, hätte ich nicht auch manchmal eine „Weltmaschin“ gebaut. Wie meine aussehen, ist egal, der Geist des Franz Gsellmann aber hat auch von mir einiges mit Beschlag belegt. Arm jeder, der nicht auch in seinem Leben einmal etwas völlig „Unnötiges“ zusammenbaute.
    Herrlich…
    Danke für ein schönes Gespräch vor einem Konzert – W. aus Schattendorf

    • Hallo!
      Wie schön, dass du hier her gefunden hast! Und ich bin zu großem Dank verpflichtet für die Schattendorfer Geschichtsnachhilfe. Das hat den gestrigen Abend gleich doppelt so spannend gemacht.
      Und ja – alle, alle die Verrückten und Kreuz- & Querdenker, sie sollen hochleben. Dafür dass sie unser Leben bunter und schräger machen, inspirieren und irritieren. Da zähle ich einen Herrn Gsellmann in der Steiermark genauso dazu, wie einen Florian Berndl, Helmut Seethaler oder Edwin Lipburger-Kugelmugel in Wien. Oder Armand Schulthess in der Schweiz. Und irgendwie reiht sich dann auch ein Fritz Ostermayer aus Schattendorf in die Reihe dieser illustren Gesellschaft 🙂
      Bis bald in Schattendorf!
      J

  2. Welch netter Besuch in meiner bescheidenen Stube, alter Weggefährte! Ich bleibe auch dabei: selten eine sinnvollere Konstruktion gesehen, als die des Herrn Gsellmann 😉 Hey, sie leuchtet, sie fiept, sie tut niemanden weh (sofern er den unisolierten Kabeln nicht zu Nahe kommt) – was will man mehr?

    schubidu,
    Jou

  3. Hallo Joulu-Schatz,

    ich bleibe dabei, der Herr hatte einen Sprung in der Schüssel,…wenn auch einen ganz reizenden, der mich durchaus fasziniert.

    LG
    ein alter Weggefährte

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