Posts tagged ‘Tod in Venedig’

Montag, 16. August 2010

Venice, spooky, #8


»Sie bleiben, mein Herr; Sie haben keine Furcht vor dem Übel.«
Aschenbach sah ihn an.
»Dem Übel?« wiederholte er.
Der Schwätzer verstummte, tat beschäftigt,
überhörte die Frage, und als sie dringlicher gestellt ward,
erklärte er, er wisse von nichts und suchte
mit verlegener Beredsamkeit abzulenken.

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Sonntag, 15. August 2010

Venice, spooky, #7

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Es war unwirtlich dort.
Herbstlichkeit, Überlebtheit schien über dem einst so farbig belebten,
nun fast verlassenen Lustorte zu liegen, dessen Sand nicht mehr reinlich gehalten wurde.
Ein photographischer Apparat, scheinbar herrenlos,
stand auf seinem dreibeinigen Stativ am Rande der See,
und ein schwarzes Tuch, darüber gebreitet, flatterte klatschend im kälteren Winde.

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Samstag, 14. August 2010

Venice, spooky, #6


Er mußte stehen bleiben, wenn sie sich verweilten, mußte in Garküchen
und Höfe flüchten, um die Umkehrenden vorüber zu lassen; er verlor
sie, suchte erhitzt und erschöpft nach ihnen über Brücken und in
schmutzigen Sackgassen und erduldete Minuten tödlicher Pein, wenn er
sie plötzlich in enger Passage, wo kein Ausweichen möglich war, sich
entgegenkommen sah. Dennoch kann man nicht sagen, daß er litt. Haupt
und Herz waren ihm trunken, und seine Schritte folgten den Weisungen
des Dämons, dem es Lust ist, des Menschen Vernunft und Würde unter
seine Füße zu treten.

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Freitag, 13. August 2010

Venice, spooky, #5


Unter den verwitterten, unregelmäßig hohen Häusern in der Runde
erschien eines palastartig, mit Spitzbogenfenstern,
hinter denen die Leere wohnte, und kleinen Löwenbalkonen.

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Donnerstag, 12. August 2010

Venice, spooky, #4


Noch lagen Himmel, Erde und Meer in geisterhaft glasiger Dämmerblässe;
noch schwamm ein vergehender Stern im Wesenlosen …

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Mittwoch, 11. August 2010

Venice, spooky, #3


Er hatte nicht anders gedacht, als daß dies geschehen müsse, denn
stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer
blieben trüb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und
er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu
erreichen, als er, zu Lande sich nähernd, je angetroffen hatte.

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Dienstag, 10. August 2010

Venice, spooky, #2


… im leeren, ungegliederten Raume
fehlt unserem Sinn auch das Maß der Zeit,
und wir dämmern im Ungemessenen.
Schattenhaft sonderbare Gestalten …

– Thomas Mann, Tod in Venedig –

Montag, 9. August 2010

Venice, spooky, #1

Er floh aus den drangvollen Geschäftsgassen über
Brücken in die Gänge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die
üblen Ausdünstungen der Kanäle verleideten das Atmen. Auf stillem
Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Örtlichkeiten,
die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,
trocknete er die Stirn und sah ein, daß er reisen müsse.

Thomas Mann, Tod in Venedig

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