Aunt Mary with the silver knee

Das Verhältnis zu meiner Mutter gestaltet sich ja üblicherweise ziemlich schmerz- und konfliktreich. Doch hin und wieder gibt es dann doch goldene Momente trauter Gemeinsamkeit, die heilsam wirken und irgendwann einmal hoffentlich jene sind, die in der Erinnerung erhalten bleiben und viele andere verblassen lassen.

So einer war der gestrige Nachmittag, an dem wir gemeinsam über Bergen alter Fotoalben saßen. Fotos aus ihrer Kindheit am Nußdorfer Bahnhof, wo mein Opa (der mit dem charismatischen Blick) Bahnhofsvorsteher war und die glücklichsten Momente meiner Mutter das gemeinsame Weichenstellen mit dem Papa darstellten. Fotos von Opa und Oma als Statisten beim Sissi Film, meine Mutter an der Seite des jungen Karl Heinz Böhm, mit dem alten 60er Jahre Volvo auf Reisen durch Österreich, der erste Urlaub in Rimini …

Und die andere Seite – Fotos von der psychopathischen Oma, die meine Mutter regelmäßig als kleines Mädchen mitten in der Nacht aus dem Bett zerrte mit den Worten „Jetzt gemma uns in der Donau dasaufen“ und sie dann Rotz und Wasser heulend auf einen „Spaziergang“ zum angrenzenden Nußdorfer Donauufer zerrte. Den Dachschaden, den meine Mutter durch diese und ähnliche Praktiken erhalten hat, hat sie nie überwunden. Die Auswirkungen habe auch ich noch ausbaden müssen. Aber darum soll es hier nicht gehen. Generationstraumata müssen irgendwann zu Ende sein und ich habe mir schon früh geschworen: Bei mir ist Schluß damit.

Nein, darum geht es nicht. In den Unmengen papierner Zeitzeugen fanden wir nämlich noch unser Familien-Irrlicht: Die Tante Maria, Schwester meines Bahnhofsvorsteher Opas. Tante Maria, die eiserne Jungfrau, durfte jedoch nie ‚Tante Maria‘ genannt werden. Sie bestand auf „Aunt Mary“ und hinter ihrem Rücken verpasste ihr die Familie immer den Zusatz „with the silver knee„.

Meine Aunt Mary war nämlich eine jener Wienerinnen, die in den Nachkriegsjahren die in London so begehrten Viennese Maids darstellten. Und so widmete sie ihr halbes Leben der möglichst effizienten Haushaltsführung eines spleenigen Lords. Und die Spleens des Lords färbten auch unübersehbar auf Aunt Mary ab. Die köstlichsten Momente späterer Familientreffen lieferte die alte Dame, wenn sie den klavierspielenden Lord imitierte, auf den Esstisch hämmerte und „Mäsch Mäsch Mäsch on se heidi“ sang. Das war das Lieblings-, viel mehr das einzige Stück des Lords, dass er regelmäßig zum Besten gab. Wer um alles in der Welt ‚Heidi‘ war, wissen wir jedoch bis heute nicht.

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Cheers!

Meine erste Erinnerung an Aunt Mary stellt jedoch das überlebensgroße Horrorbild einer roten Schwechater-Bier Kiste dar. Das war Aunt Marys Spielzeugsammlung for „se Kindel“ (nämlich mich). Eine Sammlung seltsamen Nippes, den sie offensichtlich noch aus den Trümmern der zerbombten Stadt gerettet hat. Das blanke Entsetzen überfällt mich noch heute, wenn ich sie in der Erinnerung mit ihrer schrulligen Stimme „Come play, Kindel“ rufen höre. Die Kiste enthielt neben mottenzerfressenen Teddybären nämlich noch eine Unmenge riesiger Spinnen. Hitchcockähnliche Augenblicke waren das! Die Alternative dazu, Aunties Kisses-Lawinen extrafeucht, waren im Vergleich dazu schiere Augenblicke der Wonne.

Aunt Mary and lil Jou, se Kindel

Aunt Mary and lil Jou, se Kindel

Auffällig an Aunt Mary war auch ihr Äußeres. Very British war die Devise. Dazu zählten biedere Kleider mit seltsamen Mustern und große Broschenklunker, die sie vom dankbaren Lord vermacht bekommen hatte. Very British empfand sie auch ihre Schläfenlocken, die sie sich täglich mit dem Brennstab formte. Ihrer Ästhetik fühlte sie sich bis ins hohe Alter verpflichtet. Dass der Brennstab üblicherweise zu heiß eingestellt war, sodass die Schläfenlocken immer etwas angekokelt aussahen (und rochen) störte sie dabei keineswegs.

Aunties Yummie Birthday Cake

Aunties Yummie Birthday Cake

Die grantigen Wiener Straßenbahnfahrer drohten übrigens bald mit Streik, weil Aunt Mary sie mit untragbaren Verzögerungen in den Stationen geiselte. Von schrillen „Just a moment“ Rufen begleitet, pflegte sie nämlich sehr langsam und behäbig ausschließlich im Rückwärtsgang auszusteigen, stets bereit mit den allzeit präsenten Damenschirm dabei einige Augen auszustechen. Die wüsten Flüche der Mitreisenden überhörte sie natürlich ladylike.

Aunt Mary & lil Jous Mum

Aunt Mary & lil Jous Mum

Der Gewalt der Wiener Verkehrsbetriebe weichend, entdeckte Aunt Mary sodann ihre Vorliebe für Taxifahrten, die ihr ja auch viel nobler erschienen. Nur mit der neumodischen Bestellprozedur konnte sie sich nicht anfreunden. Bis zuletzt debatierte sie jedes mal aufs Neue entrüstet mit dem Tonbandgerät „Hello? … Yes, Dear, I’m waiting … ja, ich habe Sie schon verstanden … hello? … Yes, I said … ich warte doch, ich warte, dear … „. Die darauffolgende Prozedur, Aunt Mary in das Taxi zu hieven gestaltete sich dann ähnlich traumatisch für die Taxifahrer, wie für ihre Bim-Kollegen. Dabei mussten sie ein Dutzend mal ums Taxi rumlaufen, um sie abwechselnd von der Fahrerseite reinzuziehen und dann von Vorne ihre Stützstrumpfbeine nachzuschieben begleitet von gellenden „My silverknee, my silverknee!“ Schreien.

Ach ja, the silverknee, eine Kniescheibe aus „echtem Silber“. Aunt Marys ganzer Stolz! Die hat sich meine Tante noch in London zugezogen, als sie in den Pater Noster fiel …

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24 Kommentare to “Aunt Mary with the silver knee”

  1. Meine Tante Liesel kann allenfalls mit ihrer schrillen Stimme und ihrer Silberlocke glänzen.

  2. Splendid!

    Deine Tante ist ja wirklich eine tolle Tante und der Einblick in dein Fotoalbum ist auch klasse!

    Ich könnte ein ganzes Rudel an Tanten anbieten, von denen zwar keine bei einem Lord diente, aber auch für einige komische Geschichten gut sind.
    Keine von ihnen trug allerdings jemals solch hochherrschaftliche Löckchen… nicht mal Tante Olly..

  3. Schön, daß es solche Tanten gibt! Bekommen wir eine Fortsetzung?
    (Und: die Frisur, die von Klein-Jou, die hatte ich auch mal.)

  4. Here’s to you, jou. Fine story, these tales of a maiden. Spleenqueen Mary is such a cute one!

  5. Das ist eine wunderschöne Geschichte !

  6. so eine tolle tante! und du bist ja entzückend auf dem foto! sehr schöne und lustige geschichte!!!

  7. Verzeihung – ich habe beim ersten Losschicken die Meldung bekommen, dass ich den Kommentar schon mal geschrieben hätte (virtuelles dejavu sozusagen). Deshalb habe ich es nochmal probiert, so dass ich ihn nun tatsächlich nochmal geschrieben habe. Self fulfilling prophecy…

  8. eine in einen paternoster gefallene tante namens silberknie ist beinah schon die halbe miete für ein literarisches jahrhundertwerk..

  9. Ein Hoch auf skurrile Groß- und andere Tanten und die wunderbaren, in diesem Fall auch bewegenden Geschichten, die sie schreiben lassen.

  10. Jou, dein Kinderfoto ist hübsch. Die Beschreibung der Fotoalben-Rückblicke interessant. Das regt doch an für eigene Rückblick auf die Kindheit.

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