The Unterolberndorf Manifesto

Preisfrage:
Das Unterolberndorfer Programm ist …
a) ein Programm zu Förderung der Weinviertler Jugend-Blasmusikkapellen
b) eine Initiative zur Eindämmung der massiven Landflucht Niederösterreichs
c) die Verfassung von Uganda

Wer nun Antwort c) zielsicher als lausigen Versuch der Autorin entlarvte, eine hahalustige Juxantwort zur Auswahl zu stellen, den – EIEEIEEEE – muss ich enttäuschen. Antwort c) ist richtig!

Es begab sich in den seligen 80er Jahren Österreichs, also einer Zeit in der Herrn und Frau Österreicher beim Anblick einer AfrikanerIn noch nicht reflexartig die Alarmsirene ‚Drogendealer! Drogendealer! Drogendealer!‚ durch die Gehirnwindungen schrillte, sondern jenen noch die reinsten Exotenbonus-Bananenröckchen Assoziationen entgegengebrachten. Am Faktor Objektivität hat sich seither nichts geändert.
Es begab sich also zu jener Zeit, als eine bunte Gruppe schwarzafrikanischer Intellektueller aus den Bereichen Medizin, Recht und Medien auf ihrer Suche nach einem sicheren Konspirationstreffpunkt auf den Gasthof Leopoldine Bayer (dem heutigen „Gasthof zum grünen Jäger„) im verträumten Weinviertler 800 Seelen Dorf Unterolberndorf stieß:

unterolberndorf

Unterolberndorf - die Perle des Weinviertels

Ob der grünen Jägerin bewußt war, dass sie die führenden Rebellen des National Resistance Movement bewirtete, allen voran deren „Reiseleiter“, niemand geringeren, als den späteren und immer noch amtierenden Präsidenten Ugandas Yuweri Kaguta Museveni, möchte ich bezweifeln. Dass die Stammtischgespräche der exotischen Gäste nicht der Lobpreisung der Schönheit der umliegenden Weinberge galt, sondern ein 10 Punkte Regierungsprogramm ihres Schattenkabinetts festlegten, hätte die Kreutalerin sicher auch für einen seltsamen Scherz gehalten. Doch in Unterolberndorf wurde Nägel mit Köpfen gemacht!

Museveni, Sohn eines Viehhirten und Absolvent der Wirtschafts- Rechts- und Politikwissenschaften, war bereits 1970 Assistent des ersten Kabinetts Milton Obotes. 1978 beteiligte er sich an der Vertreibung of His Excellency, President for Life, Field Marshal Al Hadji Doctor Idi Amin Dada, VC, DSO, MC, Lord of All the Beasts of the Earth and Fishes of the Seas and Conqueror of the British Empire in Africa in General and Uganda in Particular Idi Amin (der Schlächter, der einige Hunderttausend Menschenleben auf dem gewissen hat, ließ sich zu Lebzeiten tatsächlich so nennen!). 1979 Verteidigungsminister der Übergangsregierung wurde er in der darauffolgenden getürkten Wahl von seinem früheren Arbeitgeber Obote ausgebootet, begab sich fortan in den Untergrund, gründete das National Resistance Movement und fand sich in dieser Mission 1984 bei Kraut und Knödel der grünen Jägerin wieder.

museveni

Yuweri Kaguta Museveni

Lags am Kraut? Lags an den Knödeln? Das Schicksal setzte Museveni einen dicken Strich durch die Rechnung: als er sich schon kurz vor dem Sieg wähnte und sich vor seinem geistigen Auge als Befreier Ugandas und Vertreiber des nicht minder grausamen Diktators Obote sah, kam ihm ein anderer zuvor: Tito Okello. Aber durch solche Kleinigkeiten ließ Museveni sich nun auch nicht mehr aufhalten (Lags am Kraut? Lags an den Knödeln?) und stürzte eben kurzerhand jenen.

Die Zeit des neuen Präsidenten Ugandas Yuweri Kaguta Musevenis war angebrochen! Und Unterolberndorf jubelte! Das 10 Punkte Programm wurde zum The Unterolberndorfer Manifesto und somit zur Verfassung Ugandas und die grüne Jägerin zehn Jahre später samt Weinviertler Hofstaat als Staatsgäste zum Gegenbesuch geladen.
Sis was se begining of a beautiful friendship!
Soweit der romantische Teil der Geschichte …

Museveni darf sich aufgrund dieser Geschichte einer außergewöhnlich starken Uganda Lobby in Österreich sicher sein. Die auffällig kritikscheue Österreich-Ugandische Freundschaftsgesellschaft wurde gegründet, in Unterolberndorf selbst wird fleißig Entwicklungshilfe betrieben und die Österreichische Forschungsstiftung für internationale Entwicklung hat Uganda einen Schwerpunkt gesetzt.

Lange Zeit galt Museveni ja auch wirklich als der Vorbild Demokrat Schwarzafrikas. Die ugandische AIDS Rate konnte von rund 30% der Bevölkerung durch weitreichende Aufklärungsmaßnahmen auf unter 5% gesenkt werden und die Lage des Landes wurde weitgehend stabilisiert.

Doch von einer wahren Demokratie ist Uganda nach wie vor weit entfernt. Erst 10 Jahre nach Amtsantritt ließ Museveni neben der NRM überhaupt eine andere Partei zu (Demokratie?) und nach Ablauf seiner von der Verfassung vorgesehenen zwei Regierungsperioden änderte er kurzerhand die Verfassung, ließ den Oppositionsführer Kizza Besigye wegen Landesverrats und Vergewaltigung festnehmen und erst kurz vor der Wahl wieder frei, und ließ sich erneut für 5 Jahre wählen. Museveni zeigt alle Anzeichen zum nächsten, wenn schon nicht Diktator, so zumindest Herrscher auf Lebenszeit werden zu wollen. Oder wie Bob Geldof es ausdrückt: „Get a grip Museveni. Your time is up, go away!„.

Auch sein ehemaliges Parlamentsmitglied Okwir Rabwoni, der schon als Kindersoldat für Museveni kämpfte, wurde als Kritiker eingekerkert und gefoltert und lebt mittlerweile im Exil in London. Er wirft Museveni vor ein Drittel der Spendengelder für Kriegshandlungen auszugeben. Die Verwicklungen im Kongokrieg, Rekrutierung von Kindersoldaten und der immer noch schwelende Konflikt mit der Lord’s Resistance Army im Norden Ugandas lassen den Traum einer demokratischen Auferstehung der Perle Afrikas in weite Ferne rücken.

Joseph Kony - (c) Billie O’Kadameri

Joseph Kony - (c) Billie O’Kadameri

Kony ist dabei sicher die größte Geißel Ugandas. Der völlig durchgeknallte spirituell inspirierte Rebellenführer der LRA erhält seine Marschbefehle direkt vom heiligen Geist (…). Seiner Mission, einen Staat auf Basis der 10 Gebote der Bibel gründen, versucht er durch Soldaten zum Sieg zu verhelfen, denen er eintrichtert, die Kugel des Gegners könne ihnen nichts anhaben, wenn sie sich mit sea shell oil ein Kreuz auf Brust, Schultern und Gewehr zeichnen. Und wenn doch einer fällt, hat er halt nicht fest genug geglaubt?! Im Namen Gottes massakriert er die Zivilbevölkerung der Acholi, den Dorfbewohnern schneidet er Lippen, Ohren und Nasen ab und entführt ihre Kinder, um sie zu Killermaschinen umzufunktionieren.

2003 haben sich drei junge, etwas naiv anmutende Amerikaner aufgemacht, das Abenteuer zu suchen. Was sie fanden, waren tausende ugandische Kinder, die Familien und Obdach im Kampf gegen die göttliche Armee verloren hatten. Die Reportage dieser Reise „Invisible children“ ist nicht nur sehenswert, sie hat auch viele Menschen weltweit mobilisiert, diesen Kindern wieder eine Zukunft zu geben.

Musevenis Kampf gegen die LRA sieht aktuell hingegen so aus, dass er jeden LRA Kämpfer, der die Waffen niederlegt, Straffreiheit garantiert. Das Angebot gilt sogar für Joseph Kony. Doch Kony bleibt stur, er unterschreibt den Friedensvertrag nicht, solange das Gerichtsurteil des Den Haager Gerichtshof gegen ihn nicht aufgehoben wird.
Und so steckt die Krise wieder fest zwischen der Auffassung europäischer Rechtssprechung und afrikanischen Rechtsempfinden. Den Haag verlangt Recht vor Frieden, Museveni Frieden vor Recht.

Nach dem ugandischen Ritus Mato Oput würde Frieden übrigens so geschlossen werden: Kony müsste mit einer weißen Ziege aus dem Busch kommen (Zeichen des Schuldeingeständnisses) und mit den Vertretern der Opfer, also z.B. eines Dorfältesten, aus den Wurzeln des Oput Baumes und dem Blut des Tieres einen bitteren Trank brauen. Daraufhin müssen beide mit hinter dem Rücken verschränkten Armen aus der Schüssel diesen Trank trinken. Somit wäre Versöhnung und Frieden beschlossen (siehe Spiegel 3/2009).

Und wer sich nun Adolf Hitler mit einer Ziege aus dem Schwarzwald kommend und mit dem Obersten der jüdischen Kultusgemeinde Fichtenwurzeln ausgrabend vorstellt … der soll das gleich wieder vergessen. Wir können das garnicht nachvollziehen – und sollten uns am Besten auch garnicht einbilden deshalb richtiger zu liegen.

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13 Kommentare to “The Unterolberndorf Manifesto”

  1. Danke für neues Wissen und neue Einsichten.

  2. Wenn solch komplexe geschichtliche Themen so ansprechend und amüsant vermittelt werden, wenn es dann noch um Afrika geht, dass die meisten von uns eh nicht groß schert solange die nicht rüber machen, wenn es mit solch begnadeter Kompetenz geschieht und dann noch ohne die übliche eurozentrische Überheblichkeit, dann bleibt nichts, als den Hut zu ziehen: Danke für diesen großartigen Text.!

  3. Das Thema ist niederdrückend – der Artikel klasse!

  4. Das 1. Kaptel dieser ungeheuren Story gehört ganz dringend verfilmt – und der Hader gibt den Jägerwirt. Ich kann schon Bild für Bild vor mir sehen.

    Das 2. Kapitel ist so kompliziert, wie die gesamte vermaledeite Geschichte des Kolonialismus, die blutige Befreiung davon und die Errichtung der nächsten Schreckensherrschaft.Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie leidensfähig die Menschen auf diesem Kontinent anscheinend sind.Und mit wie viel Würde manche von ihnen dieses Drama ertragen.

  5. Afrika ist ein Kontinent, der wohl nie zur Ruhe kommen wird. Ich will den hervorragenden Artikel von Jou jetzt nicht im Einzelnen kommentieren. Dazu fehlen mir auch die Sachkenntnisse. Also kann ich das gar nicht. Tatsache ist aber, dass wir Europäer eine normale Entwicklung afrikanischer Staaten durch die Kolonialisierung unterbunden haben. Der Weg von der Stammesgesellschaft zu einem nach westlichem orientierten Demokratiemuster war nicht möglich. Ist sie wichtig? Ich denke ja, denn wir wachsen auf der Erde immer näher zusammen. Ungleichheit wird uns global noch schwer zu schaffen machen. Nicht nur finanziell, sondern auch kulturell. Versuchen wir andere Menschen und ihre Herkunft zu verstehen. Versuchen wir ihnen die Möglichkeit zu bieten, Diktatoren abzuschaffen. Das geht nur über Politik, indem wir die richtigen Parteien wählen. Wenn überhaupt. Ich unterstütze nur noch NGO´s. Bei denen ist einigermassen sicher, dass die überreichten Gelder auch tatsächlich ankommen.

    • Das Konklusio, dass sich mir nach einem ganzen Haufen Recherche geboten hat, war, dass es mir (und wahrscheinlich auch noch manch anderen mitteleuropäischen Hirn) unmöglich ist, den african way of life nachvollziehen zu können. So viel Gräuel man auf der einen Seite findet, soviel Herzlichkeit und unbändigen Willen sich nicht unterkriegen zu lassen auf der anderen.

      Dass die Ursache dieses Elends in der jahrhunderte langen Unterdrückung und Ausbeutung durch die Kolonialisierung liegt, hat sicher seine Richtigkeit. Wie sich Afrika entwickelt hätte, wenn es der Gier der Europäer nicht ausgesetzt gewesen wäre, werden wir allerdings nie erfahren. Leider.

      Doch eines sollte klar sein: Bloß weil ichs nicht verstehe, heißt das noch lange nicht, dass meine Art zu denken und zu handeln besser ist. Das wollte ich im Schlußsatz nochmal ausdrücken.

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