Lost in Ivanje


Here you get nowhere, there is nothing, better turn …„, sagt uns die Frau mit den slawischen Gesichtszügen und dem auffallend amerikanischen Akzent, „… just an old village, but they are all dead now, better turn.„, fügt sie noch hinzu.

Wir wundern uns über die Frau, aber umkehren? Den Teufel werden wir tun!

Und der steinige Weg durch den Zauberwald lohnt sich bald. Zuerst erscheinen einzelne verwaiste Häuser und zweidimensionale Bäume auf alten Steinmauern. Mit viel Phantasie lässt sich ein Steinlabyrinth am Boden erahnen. Im Unterholz findet sich Hausrat, den sich die Natur zurückholt, wie der Wald rund um Dornröschens Schloss.

Und dann entdecken wir die Wiese mit den friedlich grasenden Schafen und auf einer Anhöhe das kleine verlassene Dorf mit einer Handvoll Häuser aus groben Steinquadern. Ivanje stand auf dem Wegweiser der Hauptstraße, dem wir nach Gutdünken gefolgt sind. Ivanje – das muss es sein!

Wären da nicht die Dachstühle, die ihre Balken einem zu groß geratenen Mikado gleich im Inneren der Häuser verteilen und nun den blauen Himmel durch die Fensterläden blitzen lassen, würde man sich nicht wundern vor der nächsten Eingangstüre ein paar Dorfbewohner bei einer Flasche Wein sitzen zu sehen. Jene Flasche jedoch – dickes grünes Glas früherer Tage – liegt nun zwischen den Mikadobalken und der letzte Dorfbewohner hat wohl auch schon des längeren Ivanje Lebewohl gesagt.

Wie mag er ausgesehen haben? Ledergegerbte Haut mit tiefen Furchen – vor allem dort, wo herzliches Lachen, aber auch dort, wo Sorgen und Kummer ihre Spuren hinterlassen haben. Und weiße, buschige Augenbrauen. Vielleicht fehlt auch schon der eine oder andere Zahn. Oder war einer gar in Gold gefasst? Schwarzer Tabak hat die Stimme rau und brüchig gemacht und das herzliche Lachen von einst endet immer öfter in röchelnden Hustenanfällen. Die meisten seiner Nachbarn haben das Dorf bereits verlassen, die Straße ist einfach zu weit weg von hier. Und die, die hier geblieben sind, sterben langsam aus. Er blickt über die Wiese im Sonnenlicht und weiß, dass auch er bald gehen wird…

So stelle ich ihn mir vor, den letzten Bewohner von Ivanje – und schelte mich dabei gleich selbst heillose Sozialromantikerin.

Aber wer mag wirklich hier gelebt haben? Die Häuser wirken durchaus nicht armselig, mit pittoresken Arkaden und steinernen Treppen. Der Verputz der Zimmerwände lässt grelle Farben aufblitzen, satte Rot und Blautöne. Wer seine Zimmer in solchen Farben streicht, scheint mir kein trister Geist zu sein.

Wieder daheim lassen mich die Erinnerungen an Ivanje noch lang nicht los. Ein paar Informationen spuckt das Netz über diesen wunderbaren Platz aus. Die Google Übersetzungen aus dem Kroatischen gefallen mir ausnehmend gut. Demnach bedeutet Ivanje „Hochsommer„. Und weiter „Es gehört zu den Post-Office-Nummer 51559. Laut der Volkszählung von 2001 th Jahren hat das Resort drei Bewohner.„. Und das Kroatische Statistikamt verrät über die demographische Entwicklung:

Übersicht über die Zahl der Einwohner pro Jahr
1857 1869 1880 1890 1900 1910 1921 1931 1948 1953 1961 1971 1981 1991 2001
0 0 83 83 80 97 0 0 108 49 41 17 9 9 3

Reges Treiben also in den letzten Jahrzehnten kakanischer Herrschaft über Cres, dann nach dem Vertrag von Rappalo 1920 und dem Beginn der Italienischen Hoheit ist Ivanje ein Jahrzehnt lang so tot, wie jetzt auch. Was ist da passiert? Haben hier vorher nur Donaumonarchisten gelebt, die vertrieben wurden? Oder sind alle im ersten Weltkrieg gefallen? Nach dem zweiten Weltkrieg erlebt Ivanje in der jungen kroatischen Teilrepublik Jugoslawiens einen kurzen Höhenflug und sprengt die 100 Mann Grenze. Gefolgt von einem jähen wie kontinuierlichen Absturz …

Tja, meine neuen Erkenntnisse haben mich eher angefixt, als meine Neugier befriedigt. Der letzte, der mir wohl noch Auskunft geben könnte, ist Igor, den ich auf Panoramico entdeckt habe. Da kommentiert er:

igor 8 schrieb am 27. August 2009:
Ha, these are the remains of the house of my father Velčić Nikola. Greeting.

Ich würde nur zu gerne mehr von Igor erfahren, aber Igor antwortet mir bislang leider nicht auf meine Nachricht auf Panoramico. Vielleicht findet er auf seinen Wegen durchs große Netz, das so viel weiß, ja auch hierher und stillt eines Tages meine Neugier.

*** Igor, gdje si ti? ***

15 Kommentare to “Lost in Ivanje”

  1. dass sind doch alles unterschiedliche dörfer!

  2. Thank you for sharing your wonderful photos and captions. My father and his family are from Ivanje. I have not been to visit since I was a child. I am hoping to learn more of the history/ancestry of my father’s side of the family and hope to visit Ivanje soon, although I realize there is not much left there if anything at all. If there is any additional info or insights you can share with me, I’d be happy to receive it.

    • Hello Rosemary! Nice to hear from you and what a coincidence, that we are goring to Cres next week again. I will for sure make a walk to Ivanje as well – that’s a MUST anyway. I will keep you informed about any changes.
      Do you know, if any of he buildings above is your fathers house?

  3. Sehr schöner Artikel. Bild und Text haben mich verzaubert und in Bann gezogen.
    So sehr, dass ich ein wenig recherchiert habe. Ein Igor Velcic ist ein Mathematiker, scheint mir aber zu jung, für das verfallene Haus seines Vaters. Sehr interessanter Text über Geschichte der Insel Cherso/Cres: http://www.comunitachersina.com/THE_HISTORY_Of_CHERSO_upto_n_80.pdf

    • Oh danke für die akribische Recherche! Das bereichert mein Cres-Wissen ungemein!
      Und entschuldige meine ungebührlich späte Antwort. Manchmal scheint mir Momos Zeitdiebe haben einen Narren an mir gefressen:-/

  4. Wunderbare Bilder einer Gegenwelt oder „Außen“welt. Dort würde ich auch gerne mal herumstreifen. Sehr schön.

  5. Wunderbare Geschichte – tolle Fotos, vor allem die schwarzweißen.

  6. Ist das toll. Das Dorf, Deine Bilder und Deine Neugier!

  7. Hier eine Nachricht von einem, der leider nicht Igor heisst. Unglaublich schön fotografiert und erzählt.

  8. das ist ja mal ein füllhorn an bildern und geschichten.
    ich bin fasziniert! danke fürs erzählen und teilen!

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