Das Reich der alten Mädchen


Ein bisschen Nirgendwo haben sie besessen, die Damen des Klosters zur schmerzhaften Mutter. Hinter Wäldern und sanften Hügeln lag ihr Paradies. Breitegrad 48.11556, Längegrad 15.78926 … irdische Bemessungen, Schall und Rauch. Die Ansässigen nennen die Gegend hier jedenfalls stolz Elsbeerreich.



1895 überlässt die Familie Grundböck ihren Besitz dem Orden der Töchter der Göttlichen Liebe. Eine landwirtschaftliche Bildungsstätte für Mädchen soll hier gegründet werden, so lautet die Auflage. Und so wird aus der Göttlichen Liebe die Schmerzhafte Mutter.

Kein gutes Omen? „jetzt kommen die katholiiiken, die wollen gerne fiiii …. sche sehen„, trällert der Mann an meiner Seite vor sich hin, als wir das Gelände durchforsten. Kirche & Kinder … Schmerz & Liebe … gar zu populäre Assoziationen. Ich wische sie lieber wieder weg, nichts deutet darauf hin, Gedanken dieser Art sind also erstmal nicht mehr als Vorurteile.

Das Areal beflügelt die Fantasie jedenfalls ausreichend. Der Gang durch steinerne Hallen, wars Werkstätte, wars Lehrsaal? Einige veraltete landwirtschaftliche Geräte stehen noch im Raum, wie vergessene Boten einer Revolution. Der einst sicher penibel geschrubbte Boden ist bedeckt mit buntem Laub. Und doch kann man sich den hellen Klang der Schülerinnen noch lebhaft vorstellen. Oder wurde zwischen klösterlichem Gehorsam und Disziplin doch jedes mädchenhafte Kichern im Keim erstickt? Wie mag der Alltag hier ausgesehen haben?

Eines ist jedenfalls gewiss – das Leben im Kloster war kein Honiglecken, schon gar nicht für die Nonnen. Zu ihren besten Zeiten waren es an die Hundert. Neben dem Unterricht bewirtschafteten sie das gesamte Klosterareal selbst. Anbau, Forstarbeit, Reparaturen und Bauarbeiten bis hin zum Abbau im Steinbruch. Und sie gaben sich Namen wie Adolfa und Sebastiana, Theodolinde und Engelberta. Die Kreuze am Waldfriedhof gedenken der maskulinen Schwestern  …


Zwischen 1897 und 2009 wurde hier unterrichtet, dann schloß die Schule endgültig ihre Pforten. Vor zwei Monaten verließen nun auch die letzten alten Damen ihr Domizil.

Das Ende einer langen matriarchalen Ära im Nirgendwo.

Was bleibt ist Verfall …

10 Kommentare to “Das Reich der alten Mädchen”

  1. Schöner Eintrag und tolle Fotos!
    Vielleicht interessiert euch ja was daraus geworden ist 🙂
    http://www.refugium-hochstrass.at/de/

  2. Oh, ein typischer Jou-Ausflug. Klasse. Und schade drum; der Ort hat was. Hoffentlich wird’s kein Golf-Resort.

  3. Ich wäre gerne dabei gewesen. Danke fürs teilen dieser Entdeckung.

  4. So schnell geht Verfall? Und was wird jetzt damit passieren?

    • na ja, die Schule ist seit 3 Jahren geschlossen und die verbleibenden alten Damen werden seither nicht mehr viele der Gebäude in Schwung gehalten haben.
      Was damit passiert steht in den Sternen. Es gibt schon einige Interessanten, die das Gelände kulturell oder sozial nutzen möchten. Bisher gab es aber keine Entscheidung. Hoffentlich findet sich bald eine Lösung. Die ersten Fensterscheiben sind schon eingeschlagen. Das mag ein Gebäude im Winter garnicht …

  5. Großartiges Fundstück… Dachte bisher immer, im Wald leben nur die Hexen, die sich voin buckligen Zwergen bedienen lassen.

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