Früchte der Schubhaft

Schon als es noch ganz klein war, ist es mir aufgefallen, dieses Pflänzchen.


Inmitten der Betonwüste schien es jeglicher Unwirtlichkeit zu trotzen. Und als würde es sich selbst seines frechen Wagemutes wegen verspotten wollen, setzte es sich kurzerhand selbst ins Gefängnis.


Geboren hinter Gittern …
Gerade mal knöchelhoch war er damals noch, der kleine Photosynthesejunkie. Ich musste ein wenig in die Knie gehen, um ihn genauer zu betrachten und ich murmelte: „Nanu, du armes Ding, wer bist denn du?


Und so beobachtete ich den Grünling von nun an jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Jeden Tag wurde er kräftiger. Wie ein Wunder strotzte er der Urbanität und leistete dort hinter dem Bahnhof so manchem Alki und Obdachlosen Gesellschaft. Ob sie es zu schätzen wußten?

Und dann eines Tages überraschte mich mein grüner Freund. Große Augen machte ich, als ich die gelben Blüten an seinen lang gewordenen Armen entdeckte. Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Hier wächst ein Exote heran! Potzblitz! Aus dem hässlichen Entlein wird doch noch ein Schwan!


Angesichts dieser sinnbildlichen „Demonstration gelebter Integration auf österreichisch“ kam ich dann doch ins Grübeln. Die Natur ist doch eine wahre Lebenskünstlerin. Philosophin. Rebellin.
Setzt sich stillheimlich ins Grau des Pratersterns und hält unserer feinen Gesellschaft einen Spiegel vor Augen.

Und ich musste an all die Schubhäftlinge denken, die in kaum besseren Verhältnissen hausen. Weniger sichtbar vielleicht, als dieser Paradeiser hier, weggesperrt vor den Augen wohlstandsgenährter InländerInnen. Weggesperrte teilen halt auch ihre Früchte nicht mit jenen, die sie misshandeln.

Auch ihr Verbrechen ist selten mehr, als den Stempel „zu exotisch für dieses Land“ aufgedrückt bekommen zu haben. Und ich frage mich: Geht es wirklich nicht anders?
Aber ich bin ja auch bloß eine unverbesserliche Sozialromantikerin.

UNHCR Österreich Bericht: „Monitoring“ der Schubhaftsituation von Asylsuchenden (PDF)

Profil Artikel 2009:Tote statt Worte in der Schubhaft

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4 Kommentare to “Früchte der Schubhaft”

  1. Tja, einmal die falsche Abbiegung genommen, und schon ist man ein Denkmal!
    Gefällt mir sehr, Dein Bericht.

  2. Konnte man denn ernten?

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