Fanal für den Unbekannten Idioten

Aus der (wie immer legendären) Radiosendung „im Sumpf“, FM4, 17.7.2011:
Camillo Meinhardt, Mitbegründer des bio:fiction Festivals, fasst zusammen, was endlich mal erkannt und ausgesprochen werden wollte:

Er sitzt in Vorstandsetagen und Ämtern,
in Architekturbüros und der Verkehrsplanung.
Er baut Atomkraftwerke, Schulen, Seilbahnen,
Opernhäuser und Scheißhäuser

Er managt Unternehmen und Aktienfonds
Er schreibt Gesetze, Verordnungen und Speisekarten;
setzt Normen fest, erläßt Bescheide.
Er plant Straßen, Eisenbahnen, Kreisverkehre und Kreuzungen
legt Zugsverbindungen fest und lahm.

Er tötet Nerven im Kleinen und Menschen im Großen,
hat tausende Namen, spricht sämtliche Sprachen der Welt.
Seine Werke sind allerorten Manifest,
mancherorts besonders häufig.

Sie verbergen sich nicht selten hinter schillernden Pseudonymen:
Design, Innovation, Effizienz, Einsparung, Tradition, Gerechtigkeit, Mode oder Alternativlosigkeit.
Es gab ihn einst, es gibt ihn jetzt
und auch in Zukunft wird man ihm nicht begegnen.

Er fordert immer seine Opfer – unabsichtlich, unpersönlich, unvermeidbar!
Wir mahnen, trauern und gedenken wegen jeder Kleinigkeit,
doch wer hat seine Opfer jemals beweint?
Millionen haben sein Wirken mit dem Leben bezahlt,
andere nur mit leichten Verletzungen, Magengeschwüren,
mit Geld oder dem Verlust von Gliedmaßen.

Niemals aber wurde ihm eine Rede gehalten
oder gar ein Denkmal gesetzt.
Seine Werke werden nicht signiert,
seine Opfer nicht entschädigt.

Niemand kann ihn stoppen.
Gleich einer Hydra entwachsen ihm zu jeder Zeit,
in jeder Gesellschaft, Tausende an Helfern und Handlangern,
IHM, dem Unbekannten Idioten!

Gedenken Sie ihm, wenn Sie am Sonntag um 3 Uhr morgend mutterseelenallein an einer rot geschalteten Ampel stehen,
die Einbahnen und Radwege der Stadt durchfahren,
sich im hermetisch geschlossenen Zugabteil an einer Klimaanlage verkühlen,
ihr Designerwaschbecken benutzen,
durch eine automatische Drehtüre gehen,
ihr Betriebssystem hochfahren
oder der Kassiererin im Supermarkt beim Kampf mit dem Barcode zusehen.

Erkennen Sie seine Macht, wenn Sie sich in einem Gebäude verlaufen,
einen Amtsweg haben,
eine Gebrauchsanweisung durchlesen,
an einem Möbel verletzen,
sich beim Essen anpatzen
oder auf einer Website etwas suchen.
Irgendwie hatte er sicher die Hände im Spiel,
irgendwo war er und schritt zur Tat.

Und glauben Sie ja nicht, dass es sich dabei um ein Versehen handelt,
einen Fehler ihrerseits oder gar einen Einzelfall.
Nein!
Ihr ganz ganz persönliches Unglück verdanken Sie ihm so wie Millionen ihrer Zeitgenossen.
Es war kein Mißgeschick, nein, es war ein IDIOT.
Und SIE, Sie sind nicht sein erstes Opfer.

Woher kommt er aber? Wie entsteht er, der Unbekannte Idiot?
Während der durchschnittliche Idiot in kleinen Systemen und flachen Hierarchien rasch identifiziert und sein Handlungsspielraum auf unbedenkliche Tätigkeiten eingeschränkt werden kann, begünstigen große Systeme und steile Hierarchien die Entwicklung eines durchschnittlichen Idioten hin zum Idioten höherer Ordnung und Wirkung: Dem Unbekannten Idioten eben. Besonders im Bereich der Verwaltung und großer Unternehmen, aber auch an Universitäten ist die Genese eines Unbekannten Idioten beinahe unvermeidbar.
Fatalerweise existiert in komplexen Organisationsformen eine nahezu unbegrenzte Anzahl an Nischen, in denen sich solche Idioten festsetzen und entfalten können.
Unbekannte Idioten findet man nicht nur in Führungspositionen, auch in niederen Stellungen kann ein Idiot Jahre, sogar Jahrzehnte unbeschadet überdauern und tausenden Menschen Schaden zufügen.
Neben der Primär- oder Grundblödheit eines Unbekannten Idioten, die sich nicht selten in Ignoranz ausdrückt, kann seine Schädlichkeit durch die Vorarbeit eines anderen Idioten bekannt, unerkannt oder unbekannt exponentiell gesteigert werden.
Regeln und Vorschriften (idealerweise bereits selbst vom Geist der idiotie durchsetzt) bilden dabei nicht selten einen Chitinpanzer, der dem Unbekannten Idioten sowohl als Tarnung, wie auch als Waffe dient. Ein Unbekannter Idiot ist aber auch durchaus in der Lage grundsätzlich positive Sachverhalte, Dogmen oder Vorschriften durch seine Primärdummheit in ihrem Sinn umzukehren und fatale Katastrophen damit auszulösen. Speziell politische, religiöse oder gesellschaftliche Dogmen erschließen hier dem/der Unbekannten IdiotInnen nahezu grenzenlose Möglichkeiten zu schaden. Deus vult!

Wenngleich der Unbekannte Idiot in der Praxis nicht aufzufinden ist, so sollte man doch seine Werke erkennen können und entsprechend kennzeichnen. Als Mahnmale, als Hinweise, als Gefahrenschilder. Man klebt Blitze auf elektrische Geräte, man klebt Zeichen der Radioaktivität, Infektiosität, Entflammbarkeit, bei Gefahr für kleine Kinder und ordinären Texten.
Ich fordere ein Warnzeichen für Trottelei!
Staatlich geprüft, jedenfalls aber auf all die Trotteleien appliziert, die unseren Alltag seit Urzeiten beeinträchtigen!

Chapeau, Camillo!
Und danke an Fritz Ostermayer, der wie immer das richtige Gespür für die richtigen Gäste hat.
Die ganze Folge gibts (jetzt noch) hier anzuhören: FM4 Im Sumpf, vom 17.7.2011.

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8 Kommentare to “Fanal für den Unbekannten Idioten”

  1. Woher kennt dieser Typ unsere Stadtspitze?

  2. Die Idioten sind überall da braucht es keine Warnung.

  3. Das erinnert mich an die Idee vom unbekannten Vorgesetzten. Will meinen, dass Menschen in bedeutenden Positionen sich immer noch so verhalten, wie wenn sie einen Vorgesetzten hätten. Nicht frei und mit Herz und Vernunft entscheiden, sondern ängstlich nach oben schielen. Die Idee vom unbekannten Idioten ist aber noch allumfassender und allgegenwärtiger interpretierbar. Schön.

    😮

  4. fuu, ganz schön ausufernder strudel vom herrn österreicher!

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