Fabelhafte Mischpoche II – Vetter Friedel und Vetterin Mitzi

Mein Cousin Friedel war der jüngste Sproß einer deutschsprachigen Familie, die mit den ersten Wiener Auswanderern nach der Niederschlagung des Krakauer Aufstandes 1846 nach Krakau kam. Es war jedoch weniger die Kaisertreue, die diesen Zweig der Familie nach Polen rief, als die Liebe zur Wissenschaft und die Ambitionen Friedels Vorfahren gegen die Schließung der ruhmreichen Jagiellonen-Universität tatkräftig einzustehen. Eine Leidenschaft, die in der Familie weitergegeben wurde und so kams, dass Friedel schon in vierter Generation die wertvollen Bestände der Biblioteka Jagiellońska archivierte und katalogisierte.

Friedel war nicht gerade der schnellste Bibliothekar Krakaus. Zu sehr ließ er sich von seinen Büchern verführen, diese und jene Seite aufzuschlagen und ein paar Sätze zu lesen. Und nach den Sätzen noch ein paar. Und danach lockten wieder neue … und oft hielt er dann inne und blickte versonnen in die Ferne, um über das Gelesene nachzudenken und in einem ewigen inneren Monolog zu hinterfragen (auf die Art schaffte er es auch ganz prächtig mit sich selbst in Streit geraten). Und so konnten Stunden vergehen, in denen er nur einen einzigen Titel in sein Register eintrug.
Ja, der Schnellste war er nicht, mein Vetter, aber eine wandelnde Lexika Koryphäe. Wann immer ein Student ein bestimmtes Buch suchte und nur fragmentarisch beschreiben konnte, worum es in dem Buch gehe, wußte er schon Bescheid.
Jenseits der Buchstaben war Friedel ein heilloser Träumer. Weder Frauen noch Politik konnten ihn erreichen. Er bekam zwar mit, dass sich düstere Wolken über der Stadt verbreiteten, als die deutsche Armee im Vorjahr das Land vereinnahmte und dabei von ‚Schutz‘ sprach. Friedel verstand es nicht. Blanke Ratlosigkeit brachte er deshalb auch der anfänglichen Euphorie seines Vaters entgegen. Doch bald schon dämpfte sich diese ohnehin gewaltig, und als er einen Kollegen nach dem anderen verhaftet und abgeführt vorfand, begann sich Friedels Vater leise seines Enthusiasmus zu schämen. Es war die Zeit der Gegensätze. Der Jubel der einen war das Entsetzen der anderen. Die einen bereicherten sich, die anderen verloren ihre Existenz. Und viele das Leben. Das Gewicht lag nur auf einer Seite der Waagschalen.
Und Friedel? Der blieb in Watte gehüllt, folgte seinen inneren Monolog über Poesie, Philosophie und Wissenschaft und murmelte leise vor sich hin.
Doch genau diesen Zwigesprächen versetzte die sogenannte neue Herrenrasse ein abruptes Ende.
Anfang November verkündete Herr Muczkowski, sein Vorgesetzter, mit kreidebleichem Gesicht und heiserer Stimme die Schließung der Universität und die angeordneten Maßnahmen zur Säuberung der literarischen Bestände von „polnischem Schmutz“. „Schmutz?“ dachte Friedel, „meine Bücher, Schmutz? Und ihr nennt Euch ‚Herren‘? Eine feine Rasse seid ihr!„.
Eine unbändige Wut überkam ihm und rot vor Zorn wandte er sich an den nächsten Uniformierten, ihm klar zu machen ‚was er da Schmutz nennen möge und was nicht‘. Doch da hielt ihn etwas zurück. Eine kleine Frauenhand hielt ihn fest. Die Hand Mitzi Mayers, der Tochter des Hausmeisters. Dunkel erinnerte er sich an sie. Mitzi hatte sich von ihm schon des öfteren Bücher ausgeliehen, die er ihr gedankenverloren überließ.
Jetzt blickte sie in seine Augen und sie schien alles zu fühlen, was er empfand und alles zu denken, was er auch dachte. Die kleine Hausmeisterstochter mit dem vorlauten Mundwerk und der verträumte Bibliothekar. Herz und Hirn. In diesem Moment waren sie eins. Und im nächsten zog Mitzi Friedel schon hinter sich her durch die langen Korridore…

Mitzi und Friedel nutzten die Zeit zwischen Schließung der Jagiellońska und Eröffnung der ‚gesäuberten‘ Staatsbibliothek Krakau auf ihre Weise. Sie vermischten ihr Wissen. Friedel kannte die polnische Literatur wie seine Westentasche und Mitzi von klein auf alle Winkel und Gänge des Universitätsgeländes. Mit der nötigen Portion Bauernschläue schafften sie es Mitzi als hochschwangere Dekansgattin „Hildegard“ auszugeben.

Zur Erinnerung, 'Hildegard' & Friedel, Weihnachten im Krieg 1940

In ihrem Bauch gebahr Mitzi in dieser Zeit Tag für Tag Dutzende literarische Kinder, die sie umgehend dem polnischen Untergrund überließ, der sie für die verbotenen Geheimschulen zu nutzen wußte.
Polnische Kultur würde so leicht nicht zu besiegen sein. Und Kultur und Bildung hat keine Grenzen. Das spürten Mitzi und Friedel dieser Tage nur zu deutlich. Und so waren sie trotz der Gefahr, in die sie sich begaben, voll Elan bei ihrer Mission.
Fast müßig zu erwähnen, dass Friedel und Mitzi in diesen Tagen gemeinsamer konspirativer Rassenbeschmutzung nicht umhin kamen, sich Hals über Kopf ineinander zu verlieben. Sie bewunderte sein umfangreiches Wissen und seinen aufrichtigen Charakter und er war hingerissen von ihrem Mut und ihrer Schläue. Und so kams, dass Friedel und Mitzi just am Tag der Eröffnung der neuen Bibliothek ihren geretteten Büchern in den Untergrund folgten.
Und dort blieben sie bis der Sturm sich legte …

7 Kommentare to “Fabelhafte Mischpoche II – Vetter Friedel und Vetterin Mitzi”

  1. Schööööön… Friedel als Krawattenmodell…

  2. Ja, so sieht er mir aus, mit seiner gestreiften Krawatte! Hast Du tolle Verwandtschaft!

    • Ja, ich habs noch nicht erwähnt, aber als zweites Standbein war Friedel Krawattenmodel. Später dann, als man vom g’scheit sein allein nicht mehr leben konnte…

  3. Waren es nicht die beiden, die sich mit ihrer Beute am Florianstor mit dem honorigen Chefkellner Krzysztof vom
    Café U Literatów getroffen haben und dafür sorgten, dass die Bücher an die richtigen Adressen gelangten ?
    Oder bring ich da was durcheinander ?

    • Nein, nein, das stimmt schon. Das hat alles Mitzi in die Wege geleitet. Bei schlotternden -20 Grad, die hat sie später oft in aller Detailtreue beschrieben. Aber ob der Kellner wirklich Krzysztof oder doch Krystian war, daran erinnere ich mich nicht so genau. Mitzis Deutsch wurde aber auch im Alter nicht mehr besser (daher hab ichs nicht so genau verstanden), sie blieb dem Polnischen halt treu bis in den Tod.

  4. Eine wunderschöne Geschichte, wunderschön geschrieben. Gut, dass die „Fabelhafte Mischpoche“ weitergeht. Kurz hat mich das Thema an den Film „Fahrenheit 451“ von Truffaut erinnert. Rettung von Wissen. Aber dies hier ist natürlich ganz anders. Schon die Liebesgeschichte zwischen einem „der die polnische Literatur wie seine Westentasche kannte“ und einer „der von klein auf alle Winkel und Gänge des Universitätsgeländes bekannt waren“ ist einzigartig. Großartig.

    • „Fahrenheit 451″ – bislang kannte ich den auch nur vom Titel her. Wieder ein Film, den ich mir ansehen muss.

      Und es freut mich sehr, dass dir die kleine Familiengeschichte gefällt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: