Thumbs up für die Viennale 2010

Viennale 2010, mein Resumé:

***** Life during wartime
TODD SOLONDZ, USA 2009
Einer meiner heurigen Favoriten. Herrlich morbide Charakterstudie einer Familie mit all ihren Spleens und Perversionen, vom pädophilen Vater bis zur suizidverfolgten Schwester. Oder wie Lakritze sagen würde: „Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.“ 🙂
Ein Film mit Charakteren, die man lieben oder hassen muss. Skurril, komisch und abstrus.

***** Cyrus
JAY DUPLASS, MARK DUPLASS, USA 2009
Mein zweiter Frühstücksfilm und Favorit dieser Viennale. Ein wunderschöner, sensibler und anrührender Film über das fast zu gute Verhältnis einer Mutter zu ihrem erwachsenen Sohn und der Geschichte eines Mannes, der anstatt sich aufzugeben doch beschloß sich der Herausforderung zu stellen, diese enge Symbiose zu durchbrechen. Fantastische Schauspieler. Tränen und Lachen garantiert. Manchmal gleichzeitig.


** Simon Werner a disparu…
FABRICE GOBERT, F 2010
Mysteriöser Krimi um verschwundene SchülerInnen einer Pariser Vororteschule. Überzeugendes Schauspiel, aber mäßig spannende Story und entbehrliche Auflösung.

*** Vincere
MARCO BELLOCCHIO, I/F 2009, im Beisein des Regisseurs
Die dramatische Liebesgeschichte Benito Mussolinis mit seiner Geldgeberin und verleumdeten Mutter seines ersten Sohnes Ida Dalser. Epochale Inszenierung mit überströmendem Pathos (Arieneinlagen neben brennenden Bücherbergen) und mindestens einer erinnerungswürdigen Szene (Mussolinis Herausforderung Gottes vor sozialistischen, doch nicht minder katholischen Parteifunktionären). Liebhabern italienischen Kitsches sei der Film ans Herz gelegt. Frauen, die sich gerne für einen Mann aufopfern, auch.

**** Leaves of Grass
TIM BLAKE NELSON, USA 2009
Mein erster Frühstücksfilm.
Ein begnadeter Edward Norton in der Doppelrolle des Zwillingsbrüderpaares Bill & Brady. Bill, der erfolgreiche Universitätsprofessor und Brady, Drogendealer in Little Dixie. In der Originalfassung mit tiefstem Oklahomaslang und ohne Untertitel oft schwer zu verstehen. Trotzdem (oder deshalb?) ausgesprochen witzige & intelligente Kifferkomödie.

***** Le Boucher
CLAUDE CHABROL, F 1970
Die seltene Gelegenheit, diesen Klassiker im Gartenbaukino zu sehen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Zur Erhöhung des Vergnügens empfehle ich Reihe 2, das garantiert sehfeldübergreifende Leinwand mit integriertem Augenyoga.
Krimiszene, die Filmgeschichte schrieb ab 6:21:

**** Sensation im Diamantenclub
Hans Brückner, Österreich 1929
Skurriler Cine noir Stummfilm aus der Serie Silent Masters mit Frau im Psychostarrkrampf (zu komisch!). Geniale Life Musikbegleitung durch Richard Deutsch und Lars Stigler.

** Caterpillar
KOJI WAKAMATSU, Japan 2010
Ein japanisches Dorf im 2. Weltkrieg. Der Soldat Kyuzo wird als „God of War“ hochdekoriert, aber leider nur mehr als lebender Torso zu seiner braven Gattin Shigeko nach Hause gebracht. Shigeko zwischen Verzweiflung, Heldenruhm und Rache an dem Gatten, der sie nun nicht mehr schlagen kann.
Psychopathische, voyeuristische, kriegskritische Story. Leider teilweise billige Umsetzung und schlechtes Schauspiel.

Fazit: Der Viennale 2010 kann ich guten Gewissens meine bisherige Bestnote verleihen.

Natürlich brachen auch heuer wieder Samstags pünktlich um 10h die Online Ticketsysteme zusammen. Doch das gehört dazu. Und ja, ich gebs zu: an dem Tag, an dem der Kampf um die Viennale Karten in konfliktfreien 10 Minuten vom Frühstückstisch aus abgehackt sein wird, werde ich mit Sicherheit enttäuscht sein und Gefahr laufen Vorträge über die ‚guten alten Zeiten‘ zu halten.
Anders als in der Vergangenheit zeigten sich dem systemvernichtenden Userandrang 2010 jedoch eine verblüffend vernünftige Fehlermeldung, die sogar der Cineasten-DAU verstehen konnte. Und – man staune: die mit Flüchen in den Absturz begleiteten Warenkörbe wurden vom System gesichert und 2 Tage lang reserviert.
However – meine heurige Frontstrategie setzte ohnehin auf alle Pferde gleichzeitig. Und so fand ich mich gleich mit zwei Wartenummern von der Parkring UND Gartenbau Vorverkaufsstelle in der adrenalinverschwitzten Hand im Cafe Prückel wieder, um von dort aus bewaffnet mit großen Schwarzen und Apfelstrudel am Laptop die Viennale Onlinefront zu knacken. Am Nebentisch saß … Herr Hurch. Wie jedes Jahr um diese Zeit so zerknautscht wie seine Ticketserver. Wie jedes Jahr um diese Zeit so entspannt, wie es nur ein Mann sein kann, der auch heuer wieder sein Festivalprogramm pünktlich unter Dach und Fach gebracht hat. Der drohenden Erwürgung wütender FestivalticketkriegerInnen bringt so einer nur mehr ein schulterzuckendes ‚Was soll mir noch passieren …‚ entgegen.

Was mich persönlich aber wirklich gefreut hat, wie ein kleines Kind vorm Lolli: Die „Gute Projektion“ ist wieder im Rennen und hat bei kaum einer Vorstellung gefehlt! DANKE DAFÜR!

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9 Kommentare to “Thumbs up für die Viennale 2010”

  1. „Gute Projektion“ klingt herrlich. Sensaiont im Diamantenclub hätte ich unglaublich gerne mal gesehen. & Schön, hier wieder zu lesen!

    • Ja, der Stummfilm war super, das Metro Kino dazu im passenden Ambiente. Aber Stummfilmprogramme mit sehr anspruchsvollen Musikbegleitungen (von den Wr. Symphonikern bis zu Avantgarde Solisten) gibts auch 4 mal pro Jahr im großen Saal des Konzerthauses. Ich kanns garnicht oft genug empfehlen, jedes mal ein Erlebnis!

  2. Beneide Dich von ganzem Herzen! Habs dieses Jahr zu keinem einzigen Film geschafft 😦

  3. ich finde es wirklich bewunderswert, dass du es schaffst, in der früh ins kino zu gehen.
    ich glaube, ich war noch nie bei der viennale, weil ich gar nicht den nerv habe, mir dafür karten zu besorgen.
    eigentlich weiß ich gar nicht, wann ich zuletzt im kino war!?

    du bist meine kino-heldin!
    dein kinomuffel smaug

  4. Danke Jou,
    damit hätte ich meinen Viennale-Besuch aus der Ferne quasi abgehakt.
    Auf die „Gute Projektion“.

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