Prückelbrainstorm

Eigentlich hab ich ja Urlaub. Und eigentlich wollte ich ja schnurstracks wieder zurück zur Kuh, das hab ich ihr schließlich versprochen. Doch der Wetterbericht sieht für Berge gerade etwas unbeständig aus, also wird die Kuh vertröstet und der präzise ausgefeilte Urlaubsplan B hervorgekramt, der da lautet: „ein Bein vor das andere setzen und gucken, was dabei raus kommt„.

Raus kam … ein Besuch im Kaffee Prückel. Interessant, diese subtilen Nuancen, in denen sich der Urlaubsplan vom schnöden Alltagsplan unterscheidet. Treibt mich jener doch ansonsten nur feierabends ins Prückel, sitz ich nun schon im schönsten Vormittagslicht hier. Mein Herr Ober von gestern ist auch wieder hier und geleitet mich unauffällig zu meinem bevorzugten Tisch, jenem an dem ich die Steckdose – aka Wasserschüssel für meinen Elektrowaldi – in Reichweite und an glücklichen Tagen einen gut geübten Seitenblick auf meinen derzeitigen Lieblingsjournalisten, Herrn M., habe. Die Lage der Nation lässt sich dabei wunderbar an seiner Mimik ablesen, wenn er – den Blick nicht aus der Zeitung lassend – nachlässig sein Schnitzerl verzehrt. Dann bereitet es mir eine unbändige Freude mir auszurechnen, wem seine nächste literarische Abrechnung gilt. Manchmal wütet er dabei wie Karl Kraus, oft schwingt der soziale Gerechtigkeitssinn eines Max Winter mit und meist beende ich die Lektüre seiner Artikel mit einem zufriedenen „gut gebrüllt, Löwe!„.

M. bleibt hier mit Verlaub einfach nur M. – ich mag ihn verstohlen beobachten und meine Freude dran haben, das ändert jedoch nichts daran, dass M. im Prückel Privatperson ist und bleiben soll. Denn auch das schätze ich an meiner Stadt – die Unaufgeregtheit mit der man Personen des öffentlichen Lebens begegnet. Für lautstarke Sympathiebekundungen sind die WienerInnen ohnehin zu grantig, das kommt so manchem Promi hier zugute. Egal, ob der Herr Bundespräsident am Nebentisch zu Mittag ist – was mir schon mehr als einmal passiert ist – oder die eingebürgerte Operndiva (die niemand nach ihrer Integrationsfähigkeit fragt) durch die Stadt flaniert.

Nun, so manchem Star der Kategorie „Promis sind die Kotze Gottes“ ist die großzügige Privatsphäre garnicht sooo recht. Einen der heimischen Stars von Taxi Orange sah ich anno dazumal geschlagene 5 mal in der Innenstadt an mir vorbeigehen, sein Gesichtsausdruck am Rande der Verzweiflung ob der Nichtbeachtung seiner volksnahen Starpräsenz. Ich hab ihn dann mit einem „Sind sie nicht der… “ aus seiner misslichen Lage erlöst und einen Schwall Dankbarkeit geerntet.

Aber ich schweife ab und nun tunlichst wieder retour ins Prückel. Eines ist jedenfalls sicher: sollte ich meinen Job mal an den Nagel hängen, wäre Kaffeehausliteratin eine wünschenswerte Alternative. Jetzt müsste ich bloß noch am Talent feilen … :-/

Jenen Kaffeehausliteraten, die sich in Wien immer recht wohl gefühlt haben, mangelte es daran jedenfalls nicht. Davon zeugt eine lange Liste an Belegexemplaren: Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Joseph Roth, Peter Altenberg, Hermann Bahr, Egon Friedell, Karl Kraus, Adolf Loos, Richard Beer-Hofmann, Alfred Polgar, Robert Musil, Franz Werfel, Friedrich Torberg, Oskar Kokoschka, Ernst Polak, Felix Salten usw.

Das Klima, das Literaten in Wiener Kaffeehäusern so gut gedeihen ließ, basierte ursprünglich wohl auf der Kombination ’schlechtes Einkommen‘ und der Möglichkeit bei einem kleinen Schwarzen stundenlang im geheizten Raum sitzenbleiben zu können, ohne vom Ober belästigt zu werden. Ein „darfs noch was sein?“ wird hier eher als unhöflich empfunden, die Rechnung zu bekommen kann auf der anderen Seite aber auch zur zeitraubenden Qual werden. Die geübte Kaffeehaustante weiß daher: hast du in den nächsten 2 Stunden noch einen Termin, bestellst du zum letzten Mokka lieber gleich die Rechnung dazu. Das spart Nerven. Und noch ein Tipp: Ganz schlecht kommt hektisch mit den Händen fuchteln oder quer durchs Lokal schreien. Das wird in der Regel mit eiskaltem Ignorieren belohnt. Gefragt ist hingegen ein sensibles Gespür für Augenkontakttiming. Dann klappts auch mit dem Herrn Ober.

www.prueckel.at

Advertisements

6 Responses to “Prückelbrainstorm”

  1. Du wärest als Frau die erste, mindestens aber eine Seltenheit in der Reihe der Kaffeehausliteraten.

  2. Mich wundert es, warum das Prückel im Moment so modern ist. Vor Jahren rümpften die Wiener die Nase als man das Prückel erwähnte. Es war alt, staubig und unmodern. Damals waren die glatten ferrariroten Segafredos mit latte macchiatto so modern.
    Und jetzt hocken die Bobos dort und heben das Prückel zum Kult hoch, als hätten sie es gerade erfunden.
    Verrücktes Wien!

  3. Da scheint mir eine neue Brillenmode im Angesicht platziert!

  4. Ein herrlicher Bericht, wie geschaffen Erinnerungen an Karl Kraus und andere Literaten aus diesem produktiven Land zu wecken. Und natürlich an meine Kronenhalle in Zürich, die eine ähnliche Funktion hatte und teilweise immer noch hat wie das Kaffee Prückel.

    Eine talentierte Kaffeehausliteratin bist du ohne Zweifel schon. :o)

    • Danke, Lenz! Ich war vor ein paar Jahren in Zürich und will bald wieder mal dahin zurück. Dann steht die Kronenhalle definitiv auch auf dem Programm.

Trackbacks

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: