Bis Salzburg und darüber hinaus

Zugfahren. Ein guter Weg den Körper von A nach B – fallweise von Wien nach Salzburg – zu bringen, Zeitung im Speisewagen zu lesen und den Gedanken dabei auch zu gestatten auf Reisen zu gehen. Mit jedem trok-tok-trok-tok des Zuges drei mal um die Welt und wieder zurück…

Meine Gedanken landen über den Berichten der Unruhen in Thailand, setzen sich in die Rikscha, die uns im Morgengrauen eines Dezembertages 2000 vom Flughafen in den Zoo brachte, um die Kinder ausschlafen zu lassen. Sie erinnern sich an den langsam erwachenden Tiergarten, der sich langsam mit Menschen füllte und an die irritierende Erkenntnis nach Stunden der stillen Beobachtung – was war es bloß, dass das Gesehene so fremd wirken ließ? Die säuselnd leise Musik aus den Lautsprechern? Die orange gewandeten Priester, die hin und wieder leuchtend aus der Menge herausstachen? Nein, das war es nicht. Es war die völlige Abstinenz jeglicher lauter Worte, keine Mutter, die einem Kind hinterher brüllte, kein Streit, keine Gehässigkeit in den Gesichtern. Die Menschen schienen so ungewohnt friedlich und freundlich – der reinste Kulturschock für jemanden, der gerade erst jäh aus dem Wiener Alltagsgrant gerissen wurde. Der Eindruck hielt sich 4 Wochen lang. 4 Wochen bar der Notwendigkeit Grenzen aufzeigen zu müssen.

Die Gedanken wandern – trok-tok-trok-tok –  zurück in den Zug, zurück zu den Bildern in der Zeitung. Zuerst bluteten die Rothemden freiwillig, nun unfreiwillig. Wie wenig passt dieses Bild zu meinen Erinnerungen. Der Wunsch nach Demokratie ist mächtig, er verwandelt die friedlichsten Menschen.

trok-tok-trok-tok – St. Blöden zieht vorbei …

Die Gedanken ziehen über den nächsten Artikel erneut zu einem gebeutelten Land, zu den nächsten Massenaufständen, nach Griechenland. Sie ziehen durch 18 Jahre in die Vergangenheit und landen auf der Insel, die mir das Glück eines Jobs bescherte, der mangels Touristen in dieser Saison mit Fug und Recht bezahlter Urlaub genannt werden kann. 4 Monate Entspannung, Ruhe, Muse und Kultur. 4 Monate unter Griechen, für die die Zeit in anderen Maßstäben tickte. Ein Luxus, den kaum ein Mitteleuropäer erleben darf, sind wir doch getrimmt dazu zu funktionieren. Kindergarten -> Schule -> Uni oder Ausbildung -> Job. Tag für Tag, Pausen gibt es häppchenweise. Gerade genug, den Körper zu regenerieren, nicht aber den Geist. Der bleibt fest verankert zwischen Reizüberflutung und bruttosozialproduktfreundlichem Konformismus. Keine Zeit, um weiter zu denken. So funktionieren wir am besten – stubenrein und pflegefreundlich. Das freut die Wirtschaft und ‚gehts der Wirtschaft gut, gehts‚ – bekanntlich – ‚uns allen gut‚. Ein Slogan, so wirkungsvoll wie Bittersalz.

Ich erinnere mich an die Fernsehbilder vor zwei Tagen, an den Reporter, der berichtet, wie die Unruhen auf den Straßen sich in kürzester Zeit in Luft auflösen, als ein Rumoren durch die Menge zieht, das von Toten in einer brennenden Bank erzählend von Ohr zu Ohr geht. Eine Bank, die sinnbildlich brennen sollte für die gesichtslose Anonymität der Schuldigen an der Krise. Ein Reporter in gespenstisch leeren Straßen. Das Bild prägte sich mir ein. Die Masse, dieses wilde Tier, gerade noch bereit sich aufzubäumen gegen das Unrecht für das es zahlen soll, zieht sich erschrocken zurück angesichts neuen Unrechts. Vielleicht interpretiere ich auch zuviel hinein. Mag sein. Aber das Bild des wilden Tieres mit Gewissen gefällt mir einfach.

trok-tok-trok-tok – Linz zieht vorbei …

Die Griechen haben die Demokratie erfunden, sie haben unserem Kontinent den Namen gegeben, sind Europas philosophische, naturwissenschaftliche und literarische Wegbereiter. Mal ehrlich, wir schulden den Griechen verdammt viel mehr, als ein paar Milliarden. Doch hilft das überhaupt aus dem Dilemma?

Angesichts der Krise jetzt gegen die Marktwirtschaft zu wettern, das große Gespenst des Kapitalismus an die Wand zu malen, wäre natürlich der einfachste Reflex. Das halte ich für zu kurz gegriffen. Jedes System wird im Endeffekt so gut oder schlecht funktionieren, wie die Summe ihrer Partizipanten.
Das Argument der Kapitalismusgegner „es gibt kein unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt“ ist dabei natürlich einleuchtend. Die Kurve steigt immer nur bis zu einem gewissen Punkt. Um die Illusion des unbegrenzten Wachstums aufrecht zu erhalten, kommt es notwendigerweise zu regelmäßigen blutigen Einbrüchen in Form von Krisen und Kriegen, die die Spitzen der Kurven kappen und einbrechen lassen. Und schwupps können wir von vorne beginnen mit unserer schönen Wachstumsillusion.

In einer vernünftigen Welt wären nicht Kriege und Katastrophen die Triebfeder für den Fortbestand des Spieles, sondern eine rechtzeitige, regelmäßige und im besten aller Fälle freiwilligen Umverteilung der finanziellen Mittel. Doch wer soll die Spieler dieses Spieles zur Vernunft bringen? Es gibt – wie Armin Thurnherr es so schön formuliert – schließlich ‚keine Weltregierung, es gibt nur ein Weltzockertum‚.

Im Endeffekt steht und fällt jedes System mit der Vernunft der Menschen, die an den Fäden ziehen. Zuerst Banken und nun Staaten zu retten ist dabei nur ein verzweifelter Versuch auf Zeit zu spielen, um der Vernunft vielleicht doch noch eine Chance zu geben. Wäre diese Hoffnung nicht, ist der Versuch nicht mehr als ein ohnmächtiges Prolongieren des Leides mithilfe der wahnwitzigen Umverteilung der Reichtümer von arm zu reich.

Vernunft kann aber nur dann fruchten, wenn wir uns auch die nötige Zeit gönnen, vorwärts zu schauen. Hinter die nächste Bilanz, hinter die nächste Regierungsperiode, hinter die Sintflut nach uns.
Nachhaltigkeit ist das Stichwort.
Und Zeit ist Mangelware.
Die Katze beißt sich in den Schwanz.

In diesem Sinne: trok-tok-trok-tok

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9 Kommentare to “Bis Salzburg und darüber hinaus”

  1. „Man darf geradezu von einer endemischen Verlogenheit des griechischen Volkes sprechen, gegen die ein paar Ausnahmemenschen immer vergeblich und übrigens ziemlich schüchtern angekämpft haben. Überhaupt war eine individuelle und soziale Ethik nur bei einigen weltabgewandten Philosophen, bei allen übrigen aber nicht einmal im Ansatz vorhanden… Auf den Erwachsenen … wirken die Griechen wie schöne Raubtiere, die man rein ästhetisch wertet… Und im übrigen bestand die versunkene griechische Kultur auch zur Zeit des Perikles im Gehirn eines Durchschnittsatheners aus demagogischen Geschwätz, strategischen Kannegießereien, sportlicher Fachsimpelei und Zwiebelpreisen.“

    – so grantelte einer meiner Lieblings-Wiener, Egon Friedell, über den ich grad einen Vortrag halten mußte. Freilich, er meinte die „alten Griechen“, denen wir angeblich „alles verdanken“.

    PS: Mir sagten gestern meine griechischen Gewährsleute, die achteinhalbtausend Hauptschuldigen an der heutigen griechischen Misere seien keineswegs „anonym“, sondern sehr wohl bekannt – sie schulden gemeinsam dem Staat 23 Milliarden Euro Steuern…

    • Mit 23 Milliarden ist Griechenland nun aber auch nicht saniert. Anhand welcher Kriterien wurden diese Hauptschuldigen denn ausgemacht? Sind das Anleger, die ihren Finanzberatern vertrauten? Oder ebenjene Banker, die schwindlige Hedgefonds verscherbelten? Oder doch eher bilanzfälschende Regierungsmitglieder, denen nun kein Investor mehr Kredit gewähren möchte? Wer sind diese achteinhalb Tausend?

  2. Ich kenn das auch – Zugfahren ist gefährlich ! Man kommt entweder darauf, die Welt zu revolutionieren, und sei es nur in gescheiten aber bösen Gedanken.
    Oder man kommt auf den bösen Gedanken,die Vorstandschefs der Bahn mal in ihre eigenen Züge und damit in die Knie zu zwingen.
    Oder auf den Gedanken, bei der Wettzockerei an der Börse mitzumachen.Ich setzte 1000 € darauf, dass diese ganze Mischpoke innerhalb von zwölf Monaten in die Luft fliegt.
    Und dann setzte ich noch 10 000 € darauf, dass der Steuerzahler das wieder reparieren darf.
    Komisch, ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Wette nicht viel Gewinn machen werde.

  3. Warum hört nur keiner auf weise Worte?

    • weil schnö gscheit dahergredt is? ^^

      • Ja, aber man kanns doch mal versuchen, den weisen Worten zu folgen. ich sehe nicht mal Ansätze.

        • s’is halt alles sehr kompliziert 😉 Das Problem ist halt, dass alle gleichzeitig beginnen müssten sich an neue Regeln zu halten, sonst ist jeder ders allein versucht nur der Gelackmeierte, der im Druck der Konkurrenz untergeht. Und so einen großen runden Tisch hat noch niemand gefunden.

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