Wie öffentlich ist der Raum?

Die Temperatur steigt langsam aber sicher wieder auf menschenfreundliche Höhen. Wurde aber auch allerhöchste Zeit! Und kaum ein Thema wächst und schrumpft derart synchron mit der Quecksilbersäule, wie die Diskussion um den öffentlichen Raum. Letzten Samstag begegnete mir diese Thematik auf Schritt und Tritt.

Im Prater sprießen die Picknicks wie Schwammerl aus dem Boden. Das eigene dabei zu finden, ist garnicht so einfach, würde ich die Gruppe nicht unverkennbar an ihren bleichen Gesichtern erkennen. Jetzt im Sonnenlicht fällt mir auf, dass ich diesen Freundeskreis bislang eigentlich immer nur nachts gesehen habe, bei Konzerten, Kunstaktionen und in Clubs. In dieser sichtbar ungewohnten Umgebung blinzeln sie erstmal aus kleinen Maulwurfsaugen in die Runde. „Picknick der Vampire“ könnte dieser Szene als Untertitel dienen. Doch Wiese, Sonne und eine Million Erdwespen hin oder her – der Haufen hier war schon immer ein Garant für schräglustige Atmosphäre und er enttäuscht mich auch heute nicht. Der öffentliche Raum ist schließlich für alle da, selbst für die, die manchmal garnicht soviel davon haben wollen.

Mitten im feuchtfröhlichen Wiesentrubel rast plötzlich ein Polizeikonvoi mit Dutzenden Autos und Bussen durch die Prater Hauptallee, die sonst ausschließlich Joggern, Bikern, Skatern und Walkern vorbehalten ist. Nicht zu vergessen den alten Damen, die wie immer obligatorisch am Bankerl sitzen und die Vorbeiwackelnden fachkundig beurteilen. Uns ist schnell klar, dass nur einer diese Freizeitidylle so brachial stören kann: „Eh kloar, da Putin!„.

Stimmt, der russische Präsident ist ja auch gerade zu Besuch bei der Judo EM. Die Judokas wurden durch seine Präsenz zwar gleich derart nervös, dass sie prompt aufhörten Medaillen für Russland zu gewinnen, aber das stört keinen großen Präsidentengeist. Nebstbei unterzeichnet er noch rasch ein Abkommen zum Bau der Erdgas-Pipeline South Stream, damit Europa der Willkür ukrainischer Krisen nicht ganz so ausgeliefert ist, hält freundliche Pressekonferenzen solang ungemütliche Fragen nach Menschenrechten bereits im Vorfeld verboten werden, verspricht uns statt läppischer 200.000 gleich eine ganze Million russischer Touristen (wir müssten bloß die Visapflicht absetzen) und legt zum Drüberstreuen noch rasch einen Kranz beim Russendenkmal am Schwarzenbergplatz (ehemaliger Stalinplatz) ab, zu dessen Hege & Pflege Österreich 1955 durch Artikel 19 des Staatsvertrages verpflichtet wurde.

Natürlich wird dafür der ganze Platz großräumig abgesperrt und nur geladene Gäste dürfen Wladimir beim Gedenken zusehen. Aber wie ist es denn hier mit der Öffentlichkeit des Raumes? Ist der Schwarzenbergplatz nicht auch öffentlicher Raum und gehört somit allen? Und wieso kann öffentlicher Raum dann einigen wenigen vorbehalten bleiben? Sind derlei Platzverbote nicht sowas wie Public Space Kidnapping?

Die impertinenteste Public Space Kidnapperin Wiens der vergangenen Jahre war aber definitiv Laura Bush. Weil die Gute sich den Stephansdom ansehen wollte wurde den WienerInnen im Juni 2006 kurzerhand die gesamte Innenstadt geklaut. Wenn die Herren und Damen Mehrwert(-alsandere) es also partout nicht unterlassen können sich Kraft ihres Amtes Todfeinde zu schaffen muss die Bevölkerung dafür Verständnis aufbringen und sich gutmütig wegsperren lassen. Ist doch klar, oder? Ich werde schließlich auch erst freundlich und zuvorkommend von meiner Bank behandelt, wenn ich einmal die nötigen Millionen Schulden angehäuft habe. Und um eine Public Space Kidnapping Genehmigung zu erhalten muss man eben auch über die entsprechende Menge Leichen gegangen sein.

So scheints zumindest. Denn wenn die Gehsteig Guerilla in Wieden ihre Tischerl und Bankerl auf dem Gehsteig platziert und gemütlich frühstückt, wird sie vermutlich von genau denselben Herren und Damen des korrekten Bürgertums mit einem abschätzigen „Da könnt ja jeda kumman“ und „wenn des olle machatn“ berotzt, die Sonntags stundenlang in der Sonne am Absperrgitter brüten um dem russischen Premier zuzuwinken (und darob aufs wählen vergessen).

Aber – auch wenn manche ihren erlustigten Kampf um den öffentlichen Raum bereits an die Sängerknaben verloren zu haben scheinen – es tauchen immer wieder neue Helden aus der Anonymität auf. Wenn Herr P. den Schwarzenbergplatz besetzen darf, darf Frau R. auch die U-Bahnstation Pilgramgasse zum gemeinsamen Gedenken ihres Geburtstages kidnappen.

Unter dem Motto Blut & Arbeit traf sich in diesem Sinne Samstag Abend eine illustre Gesellschaft in Arbeitskleidung zur Flashmobfeier. Da stieß der Pfarrer mit dem Oberst und die Ärztin mit dem Bauhackler auf das Wohl des Geburtstagskindes an. Und jene Gäste, die ohne Arbeitsdress dazustießen, wurden kurzerhand mit Theaterblut und Bandagen dem Anlass entsprechend eingekleidet. Den unfreiwilligen Statisten, auch Fahrgäste genannt, bot sich ein denkbar skurriles Bild.

Und so beendete ich diesen Samstag des öffentlichen Raumes mit einer blutigen Augenklappe … im öffentlichen Raum. Und hatte einen Heidenspaß dabei. Happy Birthday, liebe R!

Advertisements

6 Kommentare to “Wie öffentlich ist der Raum?”

  1. Überaus witzige Idee.
    Nur leider brunzelt es manchmal in U-Bahnstationen, die ich noch immer liebevoll Stadtbahnstation nenne.

  2. Das klingt nach einer gelungenen Feier…

  3. Na, da kann man nur hoffen, das ihr mit so einer Party nicht einen Großeinsatz der Wiener Sanitöter ausgelöst habt.Andererseits: so lustige Großübungen bekommen die Sanka-Fahrer auch nur alle Schaltjahre geboten.

    • Ja, das hätte ihnen vielleicht gefallen. Aber wir wollen doch keine Steuergelder verschwenden oder öffentlichen Schaden anrichten.
      Am schönsten fand ich die Tatsache, dass weder die Wiener Linien, noch die Polizei zum Spielverderber wurde.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: