Was bin ich?

Und noch einmal möchte ich den St. Marxer Friedhof zum Thema machen. Denn nicht nur Bruno „He-Man“ Kraska müsste eigentlich seine helle Freude an den Grabinschriften haben, sondern auch Robert Emil Weichselbaum, dessen Todestag sich heute zum 21. mal jährt und der einst den passenden Satz „Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.“ von sich gab. Die Erfindung des WWW hat er zwar auch nicht mehr erlebt, aber in dieser Runde ist er, der für mich von klein auf den personifizierten alten Mann verkörperte, ein richtiger Jungspund!

Zur Feier des Tages möchte ich Herrn Lembke mal posthum ein paar Tipps für eine jenseitige Runde „Was bin ich“ geben, mit denen er Anneliese, Guido & Co. in die Verzweiflung treiben wird und die Schweinderl, die mittlerweile wohl auch schon das Zeitige gesegnet haben, endlich satt werden.

Da hätten wir z.B. den Flecksieder, vertreten durch dessen junge Gattin Theresia.

Wicki sagt:

Flecksieder (auch „Kuttler“ oder „Kaldaunenkocher“) war eine mittelalterliche Berufsbezeichnung für einen Menschen, der seinen Lebensunterhalt mit der Reinigung und Verarbeitung von tierischen Gedärmen verdiente.
Die Flecksieder verarbeiteten im Mittelalter Därme von Wiederkäuern, indem sie die Gedärme reinigten, brühten und aus den Mägen Kutteln herstellten. Wegen der „Unreinlichkeit“ ihres Berufes mussten sie sich, ähnlich wie die Gerber, außerhalb der Städte ansiedeln.

Oder aber Herrn Lux:
Ein Fragner ist nichts anderes als die mittelalterliche Bezeichnung für einen Händler. Die mussten offenbar auch viel fragen.

Tja, was ein Gelbgüsser ist bzw war konnte mir das ganze große WWW nicht sagen. Einzig die Erkenntnis, dass sich diese Berufsgruppe in der „rektifikatorischen Steuerklasse 1 des Jahres 1757“ befand, will man mir verraten. Na ja, den Fiskus hat ja noch selten interessiert, womit man eigentlich seine Brötchen verdient, solange der Steuersatz stimmt.

Oder aber Herr Strak, kurz und bündiger Hof-Canzlei-Canzlist von Adel. Uh, das riecht nach Bürokratie in Reinform …

Einen k.u.k. Hof Friseur hätte ich auch gerne kennengelernt. Wenngleich „Hof Friseur“ heute eigentlich mehr nach der politisch korrekten Bezeichnung für Hausmeister klingt. Den besten Tratsch kennen aber sicher beide.

Obacht, hier ruht ein ganz hohes Tier. Der rund 700 Seiten starke Wälzer vom „Hof- und Staats Schematismus des österrichischen Kaiserthums“ weiß zwar benebst anderen seltsamen Einrichtungen auch von zwei Holzverschleißämtern zu berichten, was genau dort aber verrichtet wurde darf ich mir selbst aussuchen. Ein weiterer Adelsbrief gibt zumindest vage Hinweise darüber:

Im Jahre 1809 hat er bei der erfolgten Beschlagnahme aller waldämtlichen Gefälle, durch Vorbildung ämtlicher Erlagsscheine die mehreren bürgerlichen Schifmeistern, blos zur Ablieferung nach Wien, zugewiesenen sehr zahlreichen waldämtlichen Brennhölzer, als bereits vor dem Einrüken des Feindes verkauft, ausgegeben, und auf solche Art dem aerarium gerettet; dann hat er ungeachtet der bereits durch den feindlichen domänen General Director geschehenen Untersuchung der Journäle des Holzverschleißamtes am waldämtlichen Holzrechen nachst Baaden dennoch den Muth gehabt, aus der dortigen Holzverschleißkaße einen Betrag von 2333 Gulden, zur geheimen Verrechnung für das oestereichische aerarium zu nehmen, und überdieß den kontrolierenden Beamten daselbst mit Erfolg überedet, eine bedeutende Guantitat von den, schon in den feindlichen Besitz übergegangenen waldämtlichen Brennhölzern, an die davon verständigten Ortsrichter, gegen Bezahlung nach hergestelten Frieden zu übergeben,welche Bezahlung auch richtig erfolgte.

Und ich dachte immer, ich hätte eine Schwäche für Schachtelsätze. Der hier zieht sich über ganze 3 Seiten des Briefes!

Lohnkuscher gefällt mir ganz außerordentlich! Professioneller Schweigegeldbezieher? Na, wahrscheinlich doch nur ein Taxler…

Der saure Münzaufseher – ich seh ihn bildlich vor mir!

Die übrigens auch.

Schmalzhändler und Hausbesitzer in Hütteldorf. Eine gute Partie für Rapidfans!

Google sei Dank weiß ich jetzt auch, dass ein Stärkmacher mitnichten ein mittelalterlicher Bodyguard war, sondern wie die Lektüre mit dem knappen Titel „Gegenwärtiger Zustand der k.k. Residenzstadt Wien oder Beschreibung aller Merkwürdigkeiten der k.k. Ämter, der Akademie, Universität, Großhändler, Niederläger, Fabriken, Künstler, Handelsleute, Handwerker, aller Gasthöfe nach alphabetischer Ordnung“ berichtet: ein Kosmetikproduzent.

Und als prominenten Gast würde ich Robert Lembke schlußendlich noch den hier ans Herz legen:

Damit er nicht allzu oft auf solche Kaliber zurückgreifen muss:

So, damit wären mir ein paar Folgen „Was bin ich“ tempore post mortem gesichert.

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14 Kommentare to “Was bin ich?”

  1. Wunderbar.
    Neidlos: Kraska, bgl. Querulantenzigeuner

  2. Lohnkutscher’s Sohn ist herrlich. 🙂

    Was wir wieder lernen müssen: Welches Ansehen man damals hatte, ein solides, gutes Handwerk erlernt und ausgeübt zu haben.

    • Das Ansehen in der Gesellschaft ist glaub ich schon gegeben. Bloß der Bedarf stark gesunken und damit auch der Lohn. Ziemlich traurig. Ich wünschte mir oft einen handwerklichen Beruf ausüben zu können und davon mindestens ebenso gut leben zu können, wie jetzt…

      und – Lohnkuschers Sohn ist noch besser 😉

  3. Was für ein wunderbarer Spaziergang! Ich bin ganz sicher, dass ich mich hier beim nächsten Wienbesuch umschauen werde…

    Ach.. übrigens: der Gelbgüssermeister ist ein Meister des Messings resp. Messinggießer. Aber „Gelbgüssermeister“ hört sich viel interessanter an!

  4. Sehr schön! Bislang hatte ich ja immer nur gehört von den Wiener Grabsteininschriften, nun kann ich bei dir wenigstens schon mal ein wenig „reinschnuppern“. Und ich hätte doch glatt gedacht, der Flecksieder sei für die Kuttelsuppen zuständig gewesen.

  5. St. Marx ist großartig – ein spaziergang durch die k.u.k.Herrlichkeit und eine einzige Fundgrube.
    Herr Strak und Frau Kabelka sind ab sofort mein neues Traumpaar.
    Nur eine Frage: was habt ihr gegen Roy Black ?

  6. und der Calafati wurde auch schon besungen

  7. Calafati! In Freising gab es mal ein Kaffeehaus dieses Namens. Gute Pastagerichte hatten sie da.

    Und zu Roy Black weiß die Wikipedia: „Roy Black wurde als „Schnulzensänger“ vielfach kritisiert, seine Schlager waren im Österreichischen Rundfunk aufgrund des gegen ihn gerichteten Schnulzenerlasses verboten.“

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