Ist das Kunst oder kann das weg?

Wer den Charme des Vergänglichen sucht braucht in Wien nicht erst in den 71er steigen um nach Simmering zum Zentralfriedhof rauszufahren und sich der schwierigen Wahl stellen, welche der 4 Friedhofsstationen man nun nehmen soll. Das Flanieren durchs heimische Viertel führt in den meisten Fällen an jeder Menge todgeweihter Beispiele vorbei.

Da haben wir den aufgelassenen Greißler am Eck, die gähnenden Schaufenster des Schusters vis a vis und die traurigen Ruinen des Weinhändlers am Platz. Wohin das Auge blickt sterbender Kleinhandel. Der Anblick entbehrt nicht einer gewissen Ästhetik: Vergilbte Jalousien, abblätternde Werbeplakate aus dem vergangenen Jahrhundert … das hat schon was.

Ein wahres Juwel von Kleinhandelleiche hab ich kürzlich in der Nähe des Donaukanals entdeckt:

Trösch III

Was für eine 60er Jahre Romantik! Was mag sich hier verborgen haben? Ein Feinkostladen? Ein Fleischhauer? Welche Schicksale verbergen sich hinter diesen verstaubten Fassaden, wer musste hier seinen Traum vom selbstständigen Glück begraben?

Und vor allem: Was wird mit Dir geschehen, Trösch III? Gibts hier bald eine neue No-Name Kette, noch ein Handystore oder wirst Du einfach zum Lager degradiert? Wie trostlos darf das Stadtbild noch werden?

Den Trösch III Effekt hat in Wien rund 5000 leerstehende Geschäftsportale ereilt. Doch woran liegt das, dass der Kleinhandel in Wien zum Sterben verurteilt ist? Klar, große Ketten können ihre Waren billiger verscherbeln, da kann so ein Kleinhändler nicht mithalten. Aber das allein kanns nicht sein. Wenn ich mir die Straßen in Paris und Berlin ansehe, wo der Kleinhandel nach wie vor blüht und kaum ein Supermarkt zu sehen ist, frag ich mich: Wien, was machst Du bloß derart falsch?

Liebe Stadtplaner oder sonstige Verantwortliche, nehmt Euch ein Herz und wirkt dem Disaster entgegen! Und vergesst dabei nicht, dass der Verlust der Warenvielfalt und der Hauch der Verwesung ja auch etwas mit den Menschen in dieser Stadt macht. Wo früher jeder Greißler seine selbstgemachten Schmankerl im Angebot hatte gibts jetzt minimalistischen Einheitsfraß für die Nation. Das erzeugt Einheitsmenschen, beliebig, austauschbar und so fade wie das Billa Angebot.

Ja, liebes Trösch III, was soll aus Dir werden? Könnte ichs mir leisten, würde ich aus Dir ein kleines feines Eckcafé machen. Mit 2 oder 3 hausgemachten Speisen, guter Musik und bequemen Wohnzimmerflair. Reich werden will ich damit garnicht, bloß einen kleinen charmanten Salon führen, in dem ich mich genauso wohl fühlen könnte wie meine Gäste. Aber offenbar reicht so ein Platz in Wien nicht zum Überleben.

Wien, mein Wien, irgendwas muss sich ändern!

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16 Responses to “Ist das Kunst oder kann das weg?”

  1. Soweit ich mich erinnern kann, war das ein milchgeschäft. Kohlenhandlung gegenüber. Gibts sicher auch nicht mehr.

  2. Trösch war ein Milchgeschäft, so wie es früher „Nöm“-Geschäfte oder Milchfrauen gab.
    Warum der Österreicher/Wiener eher Ketten aufsucht, als den Einzelhandel? Weil Geiz geil ist.
    Dafür haben jetzt die Türken den Einzelhandel übernommen. Was ich wiederum „geil“ finde, weil sie nicht so strikt auf die Uhr schauen, um ihre Sperrzeiten einzuhalten. Die Preise halten ggü Billa&Co stand!

    Übrigens, weil ich da das Österreichsackerl am Boller hängen sehe: Wo sind die ganzen Zeitungskolporteure, die sich früher bei Rot wagemutig zwischen den Autos schlängelten, um die Abendausgabe zu verkaufen? Ich hatte einen „Stammverkäufer, der mir die Zeitung auch durchs offene Fenster geworfen hat, wenn ich nicht stehen bleiben konnte. Gezahlt habe ich beim nächsten Mal genau an dieser Kreuzung bei einer Rotphase.

    • Ah, danke für die Info. War mir völlig unbekannt! Jetzt mit dem Zusatz Milch hab ichs doch geschafft den richtigen Trösch zu ergoogeln. Wurde von Nöm 1993 aufgekauft und hatte ihre Zentrale in der Paulusgasse.
      Gut – aber das Lokal steht nach den Blumentöpfen zu urteilen nicht seit 93 leer, irgendeinen Nachfolger wird es gegeben haben. Oder lief das Milchgeschäft unter „Trösch“ weiter?

      An die Zeitungskolporteure kann ich mich eigentlich immer nur auf Bahnhöfen und in U-Bahn Stationen erinnern. Die Zeitungsständer gabs aber schon immer. Zum Gaudium meiner ausländischen Gäste mit freiwilligen Geldeinwurf. Das finde ich eigentlich ziemlich lässig, hat was von pädagogischer Massenschulung zur Ehrlichkeit. 🙂

      • Die Zeitungsständer wurden von der Krone „erfunden“. Das war die erste Sonntagszeitung. Früher sind die Leute bei Nacht Zeitung stehlen gegangen, weil sie geglaubt haben, da steht ein Detektiv und fotografiert den unlauteren Zeitungsleser, der sich da bedient. Mittlerweile greift jedermann ganz ungeniert in den Zeitungsständer. Wobei die meisten Blätter würde ich nicht einmal als Klopapier verwenden.

        Btw. In London kann (konnte?) man die Zeitschriften auch einfach aus der Kiste nehmen. Da gab es früher keinen Sperrmechanismus, soweit ich mich erinnern kann.

  3. Unsere Metzgereifiliale hat geschlossen, weil sie wohl wegen einer neuen EU-Verordnung Investitionen tätigen hätte müssen, die sie nicht für lohnend/ihr finanziell nicht möglich waren. Mit ein Grund?

    Interessanterweise habe ich – von Berlin – aus dasselbe über Paris gedacht. Hier greifen Discounter und Ketten nur so um sich, und man sieht manch altes Ladenschild, das Sehnsucht weckt. Ich sehe das Hauptproblem aber schon im Konsumenten, der viel und billig möchte, der sich im kleinen Fachhandel informiert, um im Internet das billigste Angebot zu ergattern.

    • Wahrscheinlich hast Du recht. Und das macht mich noch pessimistischer. Je weniger sich die Menschen leisten können, desto mehr wird der Trend in die Richtung ungebremst bleiben. Was könnte da noch helfen? Steuererleichterungen für Kleinhändler?

  4. Gedankenübertragung ?

    Trösch III in … Bad Cannstatt ? In meiner Straße gibt es ein ähnliches Gebäude, mit fabigen Kacheln und Säulen, verklebten Fenstern, schöner Architektur – aberseit Jahren leerstehend. Keine Ahnung, was da jemals drin war. Und immer wieder spickel ich ins Innere und denke – WOW, das wär ein Kaffeehaus mit angeschlossener Galerie !

    • Was für eine Verschwendung, dass solche Lokale leer stehen! Aber woran liegts? Sicher auch an der Lage und daran, dass einfach nicht das richtige Publikum in der Gegend lebt. Aber wieso funktioniert das in anderen Städten scheinbar besser? Oder liegts nur daran, dass man in diesen anderen Städten auch nur die „lebendigen“ Stadtviertel kennenlernt? Fragen über Fragen…

  5. „Das erzeugt Einheitsmenschen, beliebig, austauschbar und so fade wie das Billa Angebot.“

    Es könnte durchaus sein, dass das – wenn nicht sogar beabsichtigt – zumindest gern in Kauf genommen wird.
    Einheitsmenschen sind leichter zu verwalten.
    Einheitsmenschen sind leichter zu manipulieren.
    Einheitsmenschen stören nicht das Profitstreben.

    Einheitsmenschen lassen sich zu Konsumenten degradieren, die sich über ihre gekauften materiellen Besitztümer definieren, die ihre werblich oktroyierte vermeintliche Individualität durch immerwährenden Konsum zu stabilisieren suchen und dabei nicht merken, wie sie immer einheitlicher werden. Gefangen im Hamsterrad von abhängiger Erewrbsarbeit und abhängiger materieller Versorgung mit Fernsehern, Autos, Modebekleidung, eingeschweißte Fleischkonservern aus Massentierhaltung, Popmusik aus Werbestationen mit angeschlossenem Radiobetrieb, schon in der Schule zu Stillhalten und Unterordnung (v)erzogen, durch TV, Internet, Zeitungen (oder was sich als solche geriert) indoktriniert und unfähig zu eigener, unabhängiger Meinungsbildung, geschweige denn der öffentlichen Artikulation derselben – gefangen in diesem Teufelskreis des (post)modernen Kapitalismus (hah! Hier zeigt sich die demagogische Fratze des Kommunismus nun endlich! – Das wird dieser Suada des Dystopismus, dieser Realitätsinterpretation nun entgegengeworfen) triumphiert die Verwaltung des Menschenmaterials über die Selbstbestimmung des Individuums, siegt die Kontrolle über die Aufklärung, kommt der Humanismus unter die Räder der globalisierten Entmenschlichungsmaschinerie.

    Warum also sollten „die Verantwortlichen“ etwas dagegen tun? Sie profitieren doch davon.

    Grüße, HR.

    P.S.: Manchmal überkommt es mich einfach…

    • Ganz so einfach geht die Rechnung nicht auf. Eine japanische Freundin hat mir mal erzählt, dass die großen Konzerne in Japan (das ich mal als Vorreiterland der Zureiterphilosophie ansehen würde) schön langsam Probleme bekommen Führungskräfte zu finden, da es ihnen an Individualisten fehlt. Wo findet man in einer Herde stummer Ausführer noch Vordenker?
      Ob das stimmt, kann ich natürlich nicht sagen, aber der Gedanke hatte etwas ungemein beruhigendes 🙂

      • Die Geschichte zeigt ja auch auf, dass alle Versuche, die Menschen gleichzuschalten scheitern. Es wird wohl immer abweichendes Verhalten (in Bezug auf irgendeine vorgegebene Norm) geben, selbst wenn es kriminalisiert und verfolgt wird.
        Die Globalisierung, vor allem die weltweiter Vernetzung durch das Internet birgt ja auch große Chancen für das gesellschaftliche Zusammenleben in sich, anstatt alle gleich zu machen kann es auch positiv wirken, indem der oder die einzelne durch die Bekanntschaft mit bislang fremden Verhaltensweisen und anderen Kulturkreisen für sich selbst neue Ausdrucksmöglichkeiten seiner/ihrer Individualität entdeckt, und vor allem Toleranz und Verständnis für als fremd empfundene Verhaltensweisen erlernt. Und wenn man sich z.B. den Bildungsstreik und die Uni-Besetzungen (gerade in Wien!) ansieht, dann wird die Einschätzung, die Menschen würden sich nicht auch wehren, wenn ihnen etwas nicht passt, zumindest relativiert.

        Aber ab und zu muss man die Menschen dafür wachrütteln. Ab und zu muss ich mich selbst wachrütteln. Und dann entsteht auch mal ein Post wie der obige 🙂

        Grüße, HR.

  6. . . . ist ein lager und wird es noch länger bleiben –
    sofern es die finannzen zulassen würden:
    Ideen hätte ich ja genug 😉

  7. Hallo Hans! Gratuliere zu diesem wunderschönen Lager. Und die nötigen Finanzen mehr daraus zu machen wünsche ich dir wirklich von Herzen. Gib bescheid, wenns soweit ist!
    Jou

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