Wiener Sch***weiber und ihre Ausnahmen

Es ist wieder so weit. Wir stehen am Anfang der langen dunklen Phase. Und damit wird auch die Sauna wieder zum Zentrum der Joulschen Wochenendfreuden. Die schönste städtische Damensauna Wiens befindet sich im Amalienbad im Herzen des 10. Hiebs, dem klassischen Arbeiterbezirk Favoriten. Heimat des legendären Vorzeigeproleten Mundl:

Sauna, ein Ort der Ruhe und Erholung. Vorraussetzung dafür ist jedoch ein Diplom im Weghören. Denn in der Sauna lässt die Besucherin nicht nur die äußerlichen Hüllen fallen, auch jegliche innere moralische Schranke wird freizügig abgebaut. Zerebraler Fäkalienausfluß quasi Teil der Kneippschen Kur.

Da beginnt man locker flockig damit, die heute nicht anwesende Saunabekannte nach Herzen auszustalieren und ihr Liebesleben zwischen erstem und zweiten Aufguss mit Honig-Fichte-Eukalyptus Duftnote aufs pikanteste zu sezieren und geht nach dem Kaltbecken nahtlos dazu über Kinder zu beschimpfen und die Saunabediensteten zu tyrannisieren. Dann wird noch über die behinderte Dame im Infrarotkammerl gelästert, weil es ist ja gut und schön, dass sie behindert ist, aber so deppat muss sa se a ned anstöhn. Dann die „Früher war sowieso alles besser“ Leier. Und zu guter letzt trifft man sich zielsicher beim Lieblingsthema Nummer 1: die Ausländer!

O-Ton gestern:

„Jetzt scho wieda diese Arigona. A so a Gsindel. Warum geht de ned afoch ham und losst uns in Rua?“

Ja, warum wohl? Dass Arigonas „Daheim“ dabei das oberösterreichischen Frankenburg ist, in dem sie und ihre Geschwister voll integriert aufgewachsen sind, scheinen die Selbstherrlichkeiten dabei großzügig auszublenden.

„Genau! Und jetzt drohts a no mit Selbstmord, des Flitscherl. Na, sois do, sois! Is eh de erste gute Idee, die de hot!“

Und damit haben die honorigen Damen, die die Krone Ausgaben seit 1972 im Schlaf rezitieren können, aber von den Menschenrechten offensichtlich nicht mal die ersten 3 Grundsätze erahnen, meine Geduld für heute endgültig überstrapaziert. So viel menschenverachtenden Hass und Gift ertrag ich nicht und verlasse türeknallend die Institution der Ruhe und Erholung.  Jetzt geht den Damen zumindest der Gesprächston für heute nicht aus.

Es läßt sich nicht mehr leugnen, Wien versinkt im übelsten Stammtischniveau. In solchen Momenten rettet mich nur der Gedanke an die Ausnahmen dieser gesellschaftlich völlig akzeptierten Herz- und Gedankenlosigkeit vor dem Schritt, lieber selbst zur Ausländerin zu werden. Ausnahmen wie Ute Bock.

Ute Bock. Eine ältere Dame, wie sie hier in der Pensionistenstadt Wien haufenweise anzutreffen ist. Klassische graue Dauerwelle, klassischer Wollrock, klassische Bluse, klassische beige Strümpfe in klassischen Altdamenschuhen, hierzulande Hammerlschuh genannt. Äußerlich von den Damen typus Amalienbadsauna nicht zu unterscheiden. Angezogen versteht sich, denn nackt wird man Ute Bock in solchen Etablissements nicht antreffen. Dafür hat sie keine Zeit, denn sie arbeitet unermüdlich in ihrem Flüchtlingsverein, 7 Tage die Woche, von früh bis spät in die Nacht. Aus eigener Tasche finanzierte sie anfangs sogar unzählige Wohngemeinschaften, um Asylanten ein Dach über den Kopf und den für jeden Amtsweg notwendigen Meldezettel zu besorgen.

In ihrem Wartezimmer ein nie versiegender Strom an hilfesuchenden Asylanten. Schwangere Frauen, für die sich Frau Bock stundenlang ans Telefon hängt, um eine Unterkunft für sie zu finden. Ohne Ute würden sie auf der kalten Straße übernachten müssen. Und Frau Damensauna würde mit verbittert heruntergezogenen Mundwinkeln über sie hinwegsteigen. Afrikanischen Flüchtlingen geleitet Frau Bock durch die Wirren der Amtswege und trichtert ihnen streng ein zu den polizeilichen Terminen zu erscheinen. Sie ist das menschgewordene TomTom für die von der Gesellschaft Geächteten und Vergessenen durch die minimalen gesetzlichen Möglichkeiten, die für sie vorgesehen sind.

Ute Bock macht das freiwillig. Sie macht das, weil man diese Menschen nicht einfach hilflos ihren Schicksal überlassen kann. Sie macht das, weil sie es als ihre menschliche Pflicht erachtet, nicht wegzuschauen und anzupacken, wo es was zu tun gibt. Der alltägliche Lohn dafür sind die „anständigen“ Menschen, die sie für ihr Engagement beschimpfen, aber auch einige hundert Afrikaner, die sie liebevoll Mama Ute nennen.

Ute Bock müsste nicht bis zur Selbstaufgabe arbeiten, wenn der Staat seinen Pflichten nachkäme. Sie könnte sich auch ihrem wohlverdienten Ruhestand widmen, wenn wir alle etwas mehr aufeinander schauen würden. Im Künstlerhauskino nach der Premiere der Dokumentation „Bock for President“ drückt sie es mit diesen Worten aus: „Nach dem Krieg ist des doch auch gegangen. Da haben die Leute auch zusammengehalten und keiner hat gefragt ‚Woher kommst Du?‘. I was ned, warum das jetzt nicht mehr gehen soll. Jetzt, wo es uns gut geht.

Danke Ute!

Ute Bock
A-1020 Wien :: Große Sperlgasse 4
+43 1 929 24 24 – 24
info@fraubock.at
www.fraubock.at

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19 Kommentare to “Wiener Sch***weiber und ihre Ausnahmen”

  1. Heftig, ich habe never ever fur moglich gehalten, dass dies in der Tat so umsetzbar war 😉

  2. Endlich komme ich dazu, Deinen Beitrag zu lesen, auch wenn es natürlich tausendmal interessanter war, von Dir selber erzählt zu bekommen, wer denn Ute Bock eigentlich ist…
    Und die Saunatanten, ich habe nach ihnen am nächsten Tag noch einmal Ausschau gehalten…..

  3. Sehr schöne Laudatio für eine Frau, die ich sehr bewundere: Für ihr Engagement und ihre Leistung.

  4. Was biittschön heißt „ausstalieren“ auf deitsch?

    • ausstalieren heißt über jemanden herziehen, schlecht über jemanden reden, vorzugsweise arschseitig. Hab mir eh überlegt ein anderes Wort zu nehmen, aber eigentlich gibts kein treffenderes, als ausstalieren.

  5. Ich hoffe so sehr, die Damen aus der Amalienbadsauna lesen mal Blog. Würde ihnen gut tun.

  6. Danke für diesen Bericht.

  7. Ute Bock ist eine tolle Frau: gradlinig, konsequent und stark – eine Menschenmögerin, ein Vorbild !

  8. ein sehr stimmiger Rundumschlag ,danke Jou !

    • Bitte gern. Den Qype Artikel hab ich übrigens gelesen. 😀 Sehr gletschi authentisch amüsant! Auch danke!
      Mal schauen, wie lange er erhalten bleibt.

      • So lange war es nicht,diese Nachricht habe ich glatt übersehen :

        „ich schreibe dir wegen deines Beitrags zu Kosmetik Amalienbad und muss dir
        leider mitteilen, dass wir ihn löschen werden.

        Der Grund dafür ist, dass er, wie du ja selber schon anmerkst, gegen unsere
        AGB verstößt: Du bewertest einen Platz an dem du selber noch nicht warst,
        außerdem bewertest du weniger den Platz als die Tatsache, dass die Person, die
        einen Beitrag dazu geschrieben hat, aus verschiedenen Gründen nicht mehr bei
        Qype aktiv ist. Und somit bewertest du an dieser Stelle uns, was aus meiner
        Sicht der falsche Ort ist.
        Ich weiß, dass es dich und auch einige andere Leute frustriert, dass viele
        alte Qyper abwandern und ihr eigenes Ding woanders machen. Und ich finde das
        ebenfalls schade. Aber mehr oder weniger wahllos an irgendeiner Stelle
        rumzunörgeln bringt uns in dieser Sache nicht weiter.
        Wir arbeiten dran und ich selber hoffe, dass Qype es im nächsten Jahr besser
        machen wird als in diesem.

        Ich hoffe, meine Nachricht wird bei dir eher positiv aufgefasst und wünsche
        dir ein schönes Wochen-Ende (Ist ja bald soweit)

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