Archive for November 4th, 2009

Mittwoch, 4. November 2009

Der alltägliche Rassismusquotient …

U1. Heimfahrt nach einem der in letzter Zeit so unendlich frustrierenden Arbeitstage. Müde vertiefe ich mich in Klaus Manns Mephisto. Die Lektüre fesselt mich und hilft mir dabei die Umwelt versinken zu lassen.
Will niemanden sehen, für heute reichts.

ubahn2

– Nestroyplatz  –

… Menschen, die früher seine Schüler gewesen waren und nun in der Emigration oder verzweifelt in Deutschland saßen, wandten sich an ihn um Zuspruch und geistigen Rat. „Ihr Name bleibt für uns der Inbegriff eines anderen, besseren Deutschlands“ …

ubahn3

– Schwedenplatz –

… Solche Geständnisse und Treueschwüre las der Geheimrat halb mit Rührung, halb mit Bitterkeit. ‚Und all diese, die so empfinden und schreiben, haben mit-geduldet-mit-verschuldet, dass unser Land zu dem werden konnte, was es heute ist‘ …

ubahn1

– Stephansplatz –

Ein seltsam vertrauter Geruch steigt mir in die Nase. Das ist doch? Unverkennbar! Gras! Frisches würziges duftendes Gras! Verwirrt blicke ich um mich und treffe mitwissende und ebenso verwunderte Blicke so mancher Mitreisenden. An der Mimik meiner (tschetschenischen? russischen?) Sitznachbarn erkenne ich – auch sie haben den Ursprung der Duftwolke vor ihrem geistigen Auge. Ebenso viele andere. Schneidende Aufmerksamkeit liegt in der würzigen Luft. Blicke, die wissen und wissen wollen irren suchend und prüfend durch die U-Bahn und alle landen sie wie magisch angezogen … im Gesicht des Schwarzafrikaners schräg vis-a-vis.

Auch meine Blicke landen dort. Ich ertappe mich dabei. Scham und Wut überkommt mich. Schwarze Haut = Drogendealer? Wie vergiftet auch ich schon von Headlines und Hetzreden bin. Schleichend setzt es sich fest, das Gift, tröpfchenweise krallt es sich in den stolzen – ich steh da drüber, mir kann das nichts anhaben – Hinterkopf.
Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch!
Wie schwierig es ist, eine so lachhaft simple Tatsache zu verinnerlichen im Dunst des alles umgebenden Alltagsrassismus, geschwängert von tief verankerten und täglich frisch genährten Vorurteilen.
Es widert mich an!

– Karlsplatz –

Der Schwarzafrikaner hat es natürlich auch gerochen. Spürt er die Blicke, die auf ihm ruhen? Oder ist er das ohnehin gewohnt? Der gewöhnliche Alltag, dort, am anderen Ende der mal latenten, mal massiven, aber immer spürbaren Rassismusfront? Ja, er spürt sie. Doch wo ich Ohnmacht und Wut verspüre, breitet sich über sein Gesicht ein strahlendes Grinsen. „Wo-hoo! What a whole lot of Shit in the air!„, ruft er und spricht aus, was wissende und wissen wollende Blicke zu verheimlichen versuchen. Lachend steht er auf und verlässt den Wagon.

– Taubstummengasse –

mit-geduldet-mit-verschuldet …

Ein Platz ist leer. A whole lot of Shit liegt immer noch in der Luft. A whole lot of Shit bleibt auch ungemindert in unseren Hirnen. Wo ist bloß das Fenster, dass uns von diesem Geruch befreit?