Schubhäftling für einen Abend

Der Wiener Justizpalast stand bislang in meinem Leben zwei mal im Mittelpunkt von Berichten, die mich tief bewegt haben. Bis vorletzte Woche war mir dabei – ein schändliches Geständnis! – noch nicht einmal bewußt, wo sich dieses Gebäude in Wien befindet. Aber dazu später …

Meine erste Begegnung mit dem Justizpalast fand in Elias Canetti Beschreibung der Ereignisse um den 15. Juli 1927 statt. Der Tag, an dem das legendäre Fehlurteil der Schattendorfer Prozesse (die Mörder zweier Sozialdemokraten wurden freigesprochen) den Brand des Justizpalastes durch eine wutentbrannte Arbeitermasse zur Folge hatte. Canettis Erlebnis mit dem ureigenen Charakter der Masse an diesem Tag mündete später analytisch in seinem Werk „Masse und Macht„.

„Ein für alle Mal hatte ich hier erlebt, was ich später eine offene Masse nannte, ihre Bildung durch das Zusammenfließen von Menschen aus allen Teilen der Stadt, in langen, unbeirrbaren, unablenkbaren Zügen, deren Richtung bestimmt war durch die Position des Gebäudes, das den Namen Justiz trug, aber durch den Fehlspruch das Unrecht verkörperte. Ich hatte erlebt, daß die Masse zerfallen muß und wie sie diesen Zerfall fürchtet; daß sie alles daransetzt, nicht zu zerfallen; daß sie sich selbst im Feuer sieht, das sie entzündet, und um ihren Zerfall herumkommt, solange dieses Feuer besteht. Jeden Löschversuch wehrt sie ab, von der Lebensdauer des Feuers hängt ihre eigene ab. Sie lässt sich durch Angriffe in die Flucht schlagen, zersprengen und vertreiben, aber obwohl Getroffene, Tote und Verwundete vor aller Augen auf den Straßen liegen, obwohl sie selbst keine Waffen hat, sammelt sie sich wieder, denn das Feuer brennt noch und sein Schein erleuchtet den Himmel über Plätzen und Gassen … Wenn es etwas Herausragendes gab, das die Masse entfachte, so war es der Anblick des brennenden Justizpalastes. Die Salven der Polizei peritschten sie nicht auseinander, sie peitschten sie zusammen. “

Elias Canetti, Die Fackel im Ohr

Beim Wiederlesen dieser Zeilen bekomme ich erneut dieselbe Gänsehaut wie vor 20 Jahren. Es ist wohl die Mischung aus Urangst vor entfesselten Massen auf der einen Seite und die ansteckende Euphorie des kollektiven Wunsches nach Gerechtigkeit auf der anderen.

iustitia

Die zweite Bekanntschaft mit dem Justizpalast machte ich vor einigen Jahren in Form der Dokumentation „Operation Spring„. Und wieder stand der Bau im Fokus des Unrechtes. Der Film behandelt den größten Justizfall der Nachkriegsgeschichte, in dem rund 100 Schwarzafrikaner auf einem Schlag verhaftet und der Prozess gemacht wurde. Himmelschreiende Verfahrensmängel wurden dabei schlichtweg ignoriert, war doch Sinn und Zweck des Prozesses schließlich ein Politischer. Der erste Einsatz des Lauschangriffes sollte zum durchschlagenden Erfolg manifestiert werden, dafür wurde das „Un“ vorm „Recht“ gern ausradiert.
„Operation Spring“ hat mich zutiefst verunsichert. Dass es innerhalb der Exekutive immer wieder zu rassistisch motivierten Übergriffen kommt war mir natürlich bewußt. Doch dass die österreichische Justiz ein derartiges Ausmaß an Ungleichheit vor dem Gesetz nicht nur billigt, sondern sogar lebt, empfand ich wie einen Schlag in die Magengrube.

Was dabei im Übrigen übersehen wird, ist die zynische Tatsache, dass ich mich durch derlei Machtmissbrauch auch als Inländerin nicht mehr vom Gesetz geschützt fühlen kann. Zu spüren bekam ich das, als ich mich im darauffolgendem Jahr der Frage stellen musste, ob ich mich in einer Straftat, die meinem Sohn widerfahren ist, ruhigen Gewissens an das Gericht wenden kann. Der Täter war ein Ausländer. Ein Strafverfahren, das jedoch mehr auf der Hautfarbe des Angeklagten denn auf der Faktenlage basiert, hätte niemanden geholfen. Dem Täter nicht, der dadurch gleichzeitig zum Opfer wird, und meinem Sohn und mir als Anklägerin nicht. Denn wie hätte ich die Augen davor verschließen können? Wie hätte ich mit der Frage umgehen müssen, bis zu welchen Punkt ich Mittäterin am entstandenen Unrecht bin. Das Urteil wäre gesprochen gewesen, der Fall für uns jedoch nie beendet.
Nun, ich klagte natürlich trotzdem, keine Frage – in erster Linie muss ich meinen Sohn schützen. Und das Urteil wurde im Endeffekt halbwegs fair gefällt. Doch allein, DASS ich mir im Vorfeld diese Frage stellen musste ist ein Armutszeugnis für etwas, das sich „Rechtsstaat“ nennt.

Vor dem Gesetz

Im Namen des Gesetzes

Dieser Tage fand nun mein drittes Erlebnis mit dem Justizpalast statt. Anfang des Monats wurde das imposante Gebäude erstmals zur Bühne eines Theaterstückes: Vor dem Gesetz von Markus Kupferblum. Ein kafkaeskes Stück, das mich nicht nur erstmals einen Fuß in dieses Haus setzen ließ, nein – es jagte mich gleich 3 Stunden lang treppauf treppab durch alle Stöcke, Gerichtssäle und Kellerräume, vorbei an verschrobenen Winkeladvokaten und Arien singenden Richtern.
Zu Beginn des Stückes wurde den Besuchern verschiedenfarbige Aktenmappen in die Hand gedrückt. Die Farben wurden in Gruppen eingeteilt, die von je zwei Aufsehern mit den Worten „Sie sind verhaftet!“ begrüßt wurden. So begannen meine 3 Stunden als Schubhäftling. Ein erschreckend überzeugendes Erlebnis …
Für andere dauert es länger.
Für andere gibt es auch kein Happy End.

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4 Kommentare to “Schubhäftling für einen Abend”

  1. Deine Bilder zeigen, wieso es Justizpalast heißt. Sehr altväterisch; paßt gar nicht in eine Zeit, wo sich Justitia nicht zu schade ist, sich vor den politischen Karren spannen zu lassen. Unter den Augen aller.

    Das Theaterstück hätte mich enorm interessiert! (Hier gab es auch gerade etwas mit Publikumsbeteiligung; psychologisch sehr erstaunlich.)

    • An und für sich mag ich ja sowas wie unfreiwillige Publikumsbeteiligung nicht so sehr. In diesem Fall wars gut aufgezogen und hilfreich.

      Vor den politischen Karren spannen ließ sich Justitia ja auch dereinst, bevor ihr Palast in Flammen aufging. Nach Operation Spring hat jedoch kaum jemand protestiert. Das Unrecht betraf ja „die“, nicht „uns“. Richtig grauslich ist das …

  2. Danke Jou, ich kann alles nachvollziehen und werde Masse und Macht, das ich vor 30 Jahren gelesen habe, jetzt suchen. Das Theaterstück hätte ich auch gerne erlebt.

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