Die Kranke Grottenhasenfreakshow

Zur Zeit beutelts mich ja ordentlich durch. Der Stressfaktor Arbeit pendelt seit Wochen irgendwo zwei Zentimeter unter der Decke rum, zu 12 Stunden Arbeitstagen gesellen sich noch lustiger Baulärm und konzeptionelles Chaos. Es ist eine wahre Freude, die tagtäglich nur noch Zeit lässt erschöpft ins Bett zu fallen. Dabei stauen sich schon die geplanten Artikel im Kopf, hämmern an den Gehirnwänden und wollen raus, raus, raus. Zeit die Notbremse zu ziehen, mal einen Tag Pause zu machen und mich der Muse hinzugeben. Und die Muse führt nach Linz.

Linz - Kulturhauptstadt 09

Linz - Kulturhauptstadt 09

Linz, Kulturhauptstadt 2009. Stadt an der Donau, die sich von einer grauen Arbeiter&Industriestadt zur modernen Insel der Technologie gewandelt hat. Ars Elektronica und Lentos am Donauufer geben der Lieblingsstadt des Führers einen hippen Anstrich. Und heuer gesellen sich dazu noch eine ganze Menge sehens- und hörenswerter Kulturinitiativen in die Stadt.

Der kranke Hase“ ist eine dieser Initiativen. Sie lebt an den verschiedensten Stellen Linz‘ auf, mal ganz klein und kaum sichtbar in Form gesprayter Hasenicons, die durch die Straßen hoppeln, mal findet der Spaziergänger ein schrägbuntes Baumhaus des Hasen im Park. Der kranke Hase taucht überall auf.

Doch was hat es mit diesem Hasen auf sich? Und warum ist er krank? Dahinter versteckt sich ein lokales Phänomen. Jeder Linzer kennt den „kranken Hasen„. Sie kannten ihn schon immer. Für sie gehört er so klar zum Leben, dass sie sich keine Gedanken darüber machen ob Aussenstehende etwas mit diesem Begriff anfangen können. Des Rätsels Lösung finden wir in der Kindheit der Linzer Bevölkerung. Genauer gesagt in der Grottenbahn am Pöstlingberg. Dort wurde der kranke Hase seit Jahrzehnten von ein und demselben Zwergendoktor betreut. Ihm gehörten Generationen mitleidiger Linzer Kinderherzen.

Heuer geschah dann das Ungeheuerliche. Der kranke Hase verließ sein Krankenbett und streunte kulturneugierig durch die Stadt. Zurück blieb ein ratloser Zwergenarzt. Und eine Hasenvertretung.

Die Vertretung

Die Vertretung

Diese legendäre Grottenbahn wollte ich mir nun doch auch einmal zu Gemüte führen. So ganz ohne Kinder ist mir anfangs etwas mulmig zumute. Doch als ich den niedlichen Eingang der Grotte durchschreite, wird mir klar: diese Sorge ist unbegründet!

grotte_eingang

In der Schlange vor mir sehe ich graue Schläfen, geleckte Föhnwellen und Halbglatzen. Ich frage mich gerade, ob ich vielleicht doch die Jüngste in der Menge bin, doch nein – da hinten sehe ich noch einen kleinen Jungen mit großen Augen und dort wird ja wirklich noch ein goldlöckiges Alibi-Mäderl auf dem Arm getragen. Sie sieht nicht sehr begeistert aus …

Langsam keimt in mir ein Verdacht. Mag die romantische kranke Hasen Nostalgie vielleicht doch bloß ein unerkannter Fall kollektiver Kindheitstraumata sein? Werde ich gerade Zeugin unbewältiger Neurosen ganzer Generationen von Linzerinnen und Linzern, die dereinst im zarten Alter der Unschuld in diese Freak Show geschleppt wurden. War das süße Versprechen „Komm Kind, wir besuchen den kranken Hasen“ vielleicht doch nur das örtliche Äquivalent zum gängigen „Gusch, sonst geb I di bei da Polizei ab!„? Und zieht es die Opfer von damals nun an den Ort ihrer Kindheitsschrecken zurück, um nun ihrerseits zu Tätern zu werden?

Todestrauer hinter den sieben Bergen

Todestrauer hinter den sieben Bergen

Mit derlei Gedanken im Kopf setze ich mich in den kleinen Holzzug. Dunkel ists im Tunnel, als sich der Zug langsam und knarrend in Bewegung setzt; vollgepfropft mit dicken Erwachsenenhintern auf schmalen abgewetzten Holzbänkchen. Ich frag mich, ob sich „Grottenbahnfahrerin“ gut in meinem Curriculum Vitae machen würde? Doch, das hätte schon was.

Kinderarbeit inklusiver Züchtigungsanleitung

Kinderarbeit inklusive Züchtigungsanleitung

Auf der anderen Seite – stundenlang durch den dunklen Tunnel fahren, immer und immer wieder im Kreis. Mit dieser Fracht hintendran? Ich betrachte den blassen Studenten am Steuer … ob der mal durchdreht? Also, ich mein, so richtig? Schon klar, das „durchdrehen“ hier per se Teil der Job Description ist, bloß halt im Schritttempo. Und was, wenn ihm dabei mal die Sicherungen durchgehen? Vor meinem geistigen Auge breitet sich die Krone Schlagzeile aus: „Amoklauf in der Grottenbahn!„. Mit 120 km/h durch den Tunnel. Die Fliehkraft zerrt die Backen der Grottenbahnbesucher grotesk in die Breite. Gellende Entsetzensschreie unschuldiger Hausfrauen hallen durch den Grottentunnel. Dann springt der Amokläufer auf den ersten Wagon, reißt den Zwergendoktor vom Podest und schwingt ihn wutentbrannt über seinen Kopf. „Und da, meine Damen und Herren, da haben wir den Zwergendoktor! Na? Den wollten sie doch sehen. Deshalb sind sie doch hiiiier“ brüllt er wutentbrannt ob der geistigen Unterforderung saisonlanger Kreisfahrten…

Gib mir dein Fingerchen ...

Gib mir dein Fingerchen ...

Kurz bevor er dem nächstbesten Pensionisten mit dem mottenzerfressenen kranken Hasen das Maul stopfen kann, schüttle ich die Phantasiebilder von mir ab und widme mich wieder der Realität. Aha, in der ersten Runde wird die linke Seite beleuchtet, in der zweiten Runde die rechte Seite. Kleine Nischen zeigen das Leben der Zwerge im Wald. Hier „der Philosoph„, dort „die Waldandacht“ und da „der Photograf„. Nun ja, der Zwerg posiert vielleicht doch mit etwas auffällig lasziv gespreizten Beinen vor dem Fotografen. Doch das schiebe ich jetzt kurzerhand auf meine vielleicht noch nicht gänzlich erlöschten Phantasiebilder ab.

Die Bestie im dunklen Wald

Die Bestie im dunklen Wald

Die dritte Runde führt dann durch den gänzlich erleuchteten Tunnel, der von allen Besuchern mit einem lauten AAAAaaah begleitet wird. Wohl so eine Art Grottenbahnkultbrauch. Manchmal ist die Realität halt doch grausamer als die Phantasie …

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15 Kommentare to “Die Kranke Grottenhasenfreakshow”

  1. Gruselige Grottenbahn, besonders der „gute pförtner“. Brr.

  2. Das macht eine ganz große Lust auf Linz, auf den Spuren des kranken Hasen. Und wenn du ihn siehst, liebe Jou, den kranken Hasen, und er hat Angst davor, zum Doktor reinzugehn, dann zeig ihm das Büchlein von Ernst Jandl und Norman Junge „Fünfter sein“: http://www.kat.ch/alilum/j01.htm .

    • Sehr goldig! Vor allem die beschwingte Deckenlampe hats mir angetan. Die sollten sie für ärztliche Wartezimmer in Serie herstellen.
      Ich bestell mir gleich ein Exemplar. Wer weiß, ob der kranke Hase animiert von seinen kulturellen Ausflügen nicht die Wanderslust befällt. Und dann muss ich doch vorbereitet sein, wenn er frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit um die Ecke hoppelt. ^^

  3. Armes Häschen, bist so krank / daß du nicht mehr hüpfen kannst./ Häschen hüpf, Häschen hüpf, Häschen hüpf!

    Ist das schön, Jou. Und schön weit weg von Disney und allem, was dazugehört. Das muß man auch erst mal hinkriegen.

    • Wie konnte mir dieses Kinderlied in meinen Assoziationen nur entgehen?
      Ich glaube die fehlende Disney Stimmung basiert darauf, dass die Grottenbahn 1906 das Licht der Welt erblickte. Da war Bambi noch garnicht geboren 🙂

      • Die fehlenden Disney-Anklänge könnten natürlich auch der Grund dafür sein, dass Deine Mitfahrer und -innen eher der 50 als der 5 zuneigten. Das ist übrigens auch ein Problem der Augsburger Puppenkiste, zumindest, was ihre Fernsehpräsenz angeht: die Sehgewohnheiten der Kinder haben sich so verändert, dass die Marionettentheaterästhetik da nicht mehr reinpasst.

      • Ja, das wär möglich. Die These ließe sich aber nicht so effektvoll in einem Wolf Haas verarbeiten 😉

  4. Bald ist das Jahr vorbei und ich hab die Kulturhauptstadt 09 nicht besucht.
    Aber der Pöstlingberg und die Grottenbahn bleiben ja erhalten, so werde ich dann in 2010 die Grotte besuchen und meine alten Linzer Wirkstätten wiedersehen.
    Schöner Beitrag

    • Alte Linzer Wirkstätten? Bist du ein ausgewanderter Linzer?
      Aber wirklich schade, wenn Du’s heuer nicht mehr schaffst. Es gibt wirklich einen ganzen Haufen sehenswerter Initiativen.

  5. pöstlingberg und der ganze märchenschas ist irgendwie voller psychotik, lars von trier-mäßig, deix pur. die assoziation in sachen blasser student liegt schon sehr nah..

  6. Jou, gestatte mir, dass ich bekenne, dass ich selten so gelacht habe. Das hat nicht unbedingt mit dem Inhalt des Beitrags zu tun, sondern mit deiner Schilderung der Grottenbahn. Aber zum Inhalt: Linz muss eine wohl großartige Stadt sein. Und das Prädikat „Kulturhauptstadt“ hat sie wohl verdient.

    P.S. Ich wünsche dir weniger Stress und Baulärm.

  7. Erst dachte ich ja, die Linzer haben einen in der Waffel.
    Aber mit welcher Zuneigung sie die Story vom kranken Hasen während der Kulturhauptstadt-Kampagne 09 und wohl auch drüber hinaus kultivieren – das hat schon was.

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