Rasen am Ring

Heute war ein ausgesprochener Blaumachtag. Pfeif auf die Arbeit! Sogar die Sonne knallte vom Himmel, als wäre sie just zum Herbstbeginn noch auf die Idee gekommen den Hochsommer auszurufen. Armes verwirrtes Ding das…

Schon das köstliches Schwertfischmenu am Naschmarkt versetzte mich in angenehm müde Trägheit. So radelte ich im Zeitlupentempo über die Ringstraße – gegen die Einbahn. Ja, denn heute konnte ich mir erlauben, was ansonsten eine sichere Notfall OP nach sich gezogen hätte. Heute gibt die Ringstraße nämlich ein ungewöhnliches Bild ab:

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4 Spuren und weit und breit kein Auto

Die Stadt Wien sperrt auch heuer wieder zum „Autofreien Tag“ den Ring. Alle 4 Spuren gehören den Fußgängern und Radfahrern. Wie verzaubert wirkt das Zentrum ohne dem Lärm der Motoren.

Greenpeace und diverse andere Organisationen rufen zu dieser Gelegenheit nun schon seit einigen Jahren zum Picknicken auf der Ringstraße auf und diesen Aufruf folgen die WienerInnen gerne.

Picknick auf der Ringstraße

Picknick auf der Ringstraße

Ein paar Stunden Straßenbesetzung, Hedonismus und lukullische Genüße gegen den Rest der Stinkkübel, die der autofreie Tag kein bisschen schert. Auf der parallelen Zweierlinie rasen sie wie eh und je. Aber hier, hier! Auf der wichtigsten Straße Wiens wird ihnen heute der Kampf angesagt. Auf der karierten Decke bei Sandwich und Wurstsalat.

Ein paar Meter weiter wurde die Straße mit Rollrasen belegt – Wiese auf der Ringstraße. Rasen gegen Raser. Eine nette Idee, bloß viel zu kurz – Jeder Quadratmeter ist dicht besetzt mit Picknickern aller Altersgruppen und sozialer Schichten.

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Ich ergatter noch einen freien Liegestuhl und vertiefe mich in mein Buch. Das Gesumms und Gewurrl rundherum irritiert mich nicht, die Stimmung ist fröhlich und entspannt. Hier fühl ich mich wohl. Nach einer Weile gesellt sich ein Pärchen zu mir. Ich schätze sie aus den Augenwinkeln auf Mitte sechzig, doch junggeblieben. Er trägt eine Baseballkappe, sie ihr langes ergrautes Haar offen, ein zauberhaftes Jungmädchenlächeln im Gesicht. Die zwei sehen verliebt aus, denke ich mir noch. Zwei Krimikapitel später liegen sie wild knutschend zu meinen Füßen. Jetzt staune ich doch ein wenig … doch dann rechne ich nach. Ah ja – wilde 68er Generation. Alles klar … von denen können wir immer noch was lernen.

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Alle paar Minuten schiebt sich eine rote Bim im Schritttempo durch die Picknicker. Der Anblick erinnert mich fern an das Youtube Video des Thailändischen Marktes auf der Zugstrecke. An den Fensterscheiben drücken sich japanische Touristen die Nase platt und winken recht freundlich. Man winkt recht freundlich zurück und freut sich auf neue Urban Legends, die Szenen wie diese hervorbringen dürften.

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Rasen am Ring. Eigentlich ein Fragment der städtebauischen Tagträume, denen ich mich gerne mit meiner Freundin Sitikus hingegeben habe. Damals, als sie noch nicht Mutter zweier Lausejungs war und noch nicht den „wirmüssenjetztsofortaufsLandziehen“ Wahn städtischer Jungfamilien verfallen war. Damals wohnte sie noch ums Eck in der Fasangasse und gerne saßen wir beisammen und formten uns die Welt nach gutdünken. Wenns nach uns gegangen wäre, gäbe es nur Wiese, wo jetzt Straßen sind. Mit gummierten Geh- und Fahradwegen aus geschredderten Plastikflaschen unter denen Stromgeneratorenplatten eingebaut sind, die die Erschütterung in Energie umwandeln und die Straßenbeleuchtung speist. Durch die ganze Stadt verlaufen Sessellifte über den Dächern und Seilsysteme, in denen man Fahrräder einhängen und durch die Lüfte radeln kann. So und so weiter stellten sich die Mädchen die Welt vor. Schöne Utopien. Ein Fragment davon finde ich nun hier wieder – Gras auf der Ringstraße. Zumindest einmal im Jahr ein Hauch Traumerfüllung …

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Ein schöner Tag mit eindrucksvollen Augenblicken. Alt und jung, hemdsärmelige Businesstypen neben Augustin Verkäufern, Damen im Dirndl einig neben Rastafa-Rays, Backgammonspieler neben Tingel-Tangel Turntable Rockers. So könnts doch öfter sein?

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14 Kommentare to “Rasen am Ring”

  1. Also prust, prust. gut gemacht.
    und das mit dem Rasen statt autos: geht klar, öffentlicher Platz zum urbanen Leben, der nicht durch Fahrbahnen ersetzt wird.

    genau daran wird grad gearbeitet. bei interesse:

    http://www.kurzpark.at/jart/prj3/kpark/main.jart?rel=de&content-id=1170848987156&reserve-mode=active

    bzw.

    http://www.kurzpark.at

    liebste grüße

  2. Wow! Was für ein bezaubernder Tag, wunderbar eingefangen.

  3. Ich erinnere mich auch an autofreie Abenteuer auf der Stadtautobahn, bei der Ölkrise 73. Ein irgendwie euporisierendes Gefühl zurückeroberter Souveränität!
    Schöne Reportage, ja.
    Und in Japan wird es nun heißen, dort wo der Osten Europas anfängt, essen die Menschen auf der Straße…
    Vielleicht wirds in Tokio nachgeahmt? Und dann ein Welttrend? Ach, das Träumen…

  4. Eine schöne Utopie. Wieder mal hervorragend geschrieben.

  5. sehr schön, jou !

  6. Das gefällt mir. Ich glaube, so etwas habe ich hier zum letzten Mal bei der Ölkrise 1973 gesehen.

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