Urbanalitäten

bim2

Die letzten Tage einer alten Bim vor einem alten Südbahnhof

Das Stadtbild verändert sich. Noch nicht mal zum Schlechten. Neue Bahnhöfe werden gebaut, groß, weit und licht. Mit glänzenden Böden, spannenden Höhen und raffinierten Lichteinfällen. Das ist doch gut! Die potthäßliche Station Praterstern sieht heute wirklich beeindruckend aus. Als Kind hatte ich dort immer schreckliche Angst vor den bösen „Kindervazahran„. Dunkel und dreckig wars. Kein guter Ort. Heute kann sich der Praterstern sehen lassen. Genauso wie die Schnellbahn Station im Arbeiterbezirk Floridsdorf, in der Genosse Gorbatschow knapp nach der Eröffnung einen Perestroika Werbespot für die ÖBB drehte. Kein Vergleich zu der düsteren Halle, die völlig von einem miefigen Bahnhofsbeisl vereinnahmt wurde, als mich mein Schulweg dort noch vorbei führte.

Und jetzt geht es eben West- und Südbahnhof und der Landstraße an den Kragen. Stahl und Glas wird dort dominieren, wo seit einem Jahr Baustelle herrscht und vorher auch keine Pracht war. Und doch … doch … sie werden mir abgehen. Jetzt, wo ich nicht mehr klein und ängstlich bin hab ich mich an die düstere Atmospäre gewöhnt, hab sie irgendwie lieb gewonnen, diese seltsame Ostblockaura in ihrer bezaubernden Hässlichkeit. Saublöd ist das. Die Welt wird schöner und mich stimmts melancholisch. Na ja, vielleicht werd ich auch einfach nur alt

Baustelle Südtiroler Platz

Baustelle Südtiroler Platz

Als Südtiroler Platz und Westbahnhof dereinst die Glanzbauten der Moderne darstellten, stellten sie die Filmkulisse der Hauptszenen in dem fast vergessenen Film „Abenteuer in Wien„. Ein schönes Exemplar Österreichischen Cine Noirs der Nachkriegszeit. (Mein DVD Exemplar hab ich ja leider jemanden geborgt. Keine Ahnung mehr, wem.) Wenn man das DVD Menu dieses Films im Dauerloop laufen lässt, sieht man immer dieselbe schwarz-weiß Szene der Verfolgung durch die Südtiroler Platz Passage (Mein unbekannter Ausborger kann das ja nun mal versuchen, ist wirklich nett). Stolz war man auf die neue Architektur, das ist spürbar im Film. Irgendwie auch keine Kunst, wenn der Rest der Stadt in Trümmern liegt, aber egal.

Gestern hab ich in gewohnt mieser Jouluhandyqualität eine Szene über dieselben Treppen gedreht.

Ein bescheidener Abschied …

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Nachtrag, 22.9.09: Wer hätts gedacht. Der liebe Ausborger hat diesen Artikel gelesen und mir prompt das Objekt der Begierde zurückgebracht. Und ebenso prompt hat sich mein miserables Gedächtnis erneut bestätigt. Abenteuer in Wien birgt nämlich nicht die schöne Fluchtszene am Südtiroler Platz. Bloß jene am Westbahnhof. Die Südtiroler Platz Szene gehört dem „Mann im Schatten“ (Wien 1961 mit Helmuth Qualtinger). Das sei nun aber eisern festgehalten und im Kleinhirn verankert, gell, Jou?

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15 Kommentare to “Urbanalitäten”

  1. Was wird eigentlich aus dem Westbahnhof, wenn der Zentralbahnhof da ist? Abriss?

    • Der wird aufgelassen, die Halle bleibt aber stehen. Ich tippe auf ein armseliges Überbleibsel als Shopping Mall …

      • Ich liebe Sackbahnhöfe…eine Modernisierung wäre viel schöner gewesen 😦

        • Ja, der Sinn dieses Durchzugsbahnhofhype entzieht sich mir eigentlich auch. Hatte jetzt nicht das gefühl, dass wir mit Süd- und Westbahnhof nicht das Auslangen gefunden hätten…

          • Man denkt – und nicht nur dort – dass der Zug kürzer im Bahnhof bleiben könne. Man muss eben keine Lok ans andere Ende ankuppeln, sondern kann schnurstracks weiterfahren…nach Budapest zum Beispiel…
            Somit würde sich die Reisezeit verkürzen, es würden weniger Loks benötigt, weniger Personal zum Umkoppeln, keine Raucherpause mehr fürs Bahnpersonal ;-)…kurzum nur Vorteile (für die Unternehmen)

            das Ganze versuchen sie ja in Stuttgart auch… 😥

  2. Wird höchste Zeit, dass modernisiert wird. Nostalgie schön und gut. Der Praterstern war vorher einfach eine Katastrophe. Wenn sie die Pläne des Südbahnhofes halbwegs umsetzen und nicht wieder überall den Rotstift ansetzten, um ihren Willen an verblödeter Sparpolitik zu demonstrieren, dann wird der sicher auch recht ansehnlich werden. Aber ich hab sicherheitshalber auch ein paar Vorher-Fotos gemacht, um hinterher vergleichen zu können, natürlich aus schrecklichen Perspektiven, damit meine Hoffnung zumindest auf den Bildern aufgehen wird 😉

  3. Ganz schön herbstlich – melancholisch.

  4. Und dann ist auch noch Herbst, und alles wird flüchtig und vergeht.

  5. Ich werde auch alt. Ich finde es schade, daß man alte Bahnhöfe nicht sammeln kann.

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