Ireland needs Europe – Europe needs Ireland

3 Tage in Dublin, noch dazu als Geschäftsreise, sind eigentlich eine Schande für einen ersten Besuch auf der grünen Insel. Kaum was gesehen, kaum ein Eindruck von der Stadt gewonnen. Nur ein Hauch. Ein Hauch grau, ein Hauch naß, ein Hauch kalt. Ein Hauch Financial District mit Glas und Stahl und kühler Eleganz. Und ein Hauch Krise dazwischen …

Ein Hauch Dublin zwischen dicken Regentropfen ...

Ein Hauch Dublin zwischen dicken Regentropfen ...

Schon mit dem flinken, kleinen Taxifahrer, der mich vom Airport zum markanten Ulster Bank Building führt, gleitet das Gesprächsthema schnell hin zur Wirtschaftslage. Die des Landes und seine eigene. Er schätzt seine Umsatzeinbußen auf ungefähr 40% ein. Mit dem Rest muss er versuchen sein Auskommen zu finden. Ob die Banker („those gamblers!“ nennt er sie und ballt seine zarte Hand dazu zu einer irischen Faust) aus der Krise etwas lernen? Wir schütteln beide im stillen Einverständnis den Kopf. „It’s all about profit, profit, profit …„, murmelt er dabei traurig vor sich hin.

Ireland needs Europe!

Ireland needs Europe! Will Fianna fail?

Auch die EU-Frage ist spürbar in der Stadt. Von jeder Straßenlaterne springt ein dickes „YES“ dem Passanten ins Auge. YES zu Europa! YES zu Jobs! YES – und sags Deinen Freunden auch – YES, YES, YES! Der Eindruck ist zu offensichtlich: Hier muss sich einer große Mühe geben, die Bevölkerung zu überzeugen.

Erst letztes Jahr sprachen sich die Iren gegen den Reformvertrag von Lissabon aus. Ein dickes 53 prozentiges NO war das Ergebnis, dass der Europäischen Union große Bauchschmerzen bereitete. Dabei wurde schnell klar, dass die wenigsten Wähler dabei wirklich wußten wofür oder -gegen sie stimmten. Es war viel mehr die Arbeit der aktuellen Regierung, der sie ihr NO entgegenschleuderten. Europa ist weit weg, die Europäische Politik wenig transparent. Ob das nun, am 2. Oktober anders sein wird?

Yes for Jobs - das triffts wohl eher ...

Yes for Jobs - das triffts wohl eher ...

Noch vor ein paar Monaten, als Brian Cowen den 2. Abstimmungstermin zum Lissaboner Reformvertrag verkündete, war man optimistisch. Die Krise und das drohende Beispiel des konkursreifen isländischen Nachbarn stimmte das Volk ängstlich genug, der EU ihre Stimme zu geben. Doch Angst ist bekanntlich kein guter Berater. Heute sieht die YES Mehrheit bei Weitem nicht mehr so felsenfest aus. Die EU-freundliche Irish Times berichtet: Von 54% YES Stimmen Anfang Juni sind 8% ins Lager der Unentschiedenen abgewandert, die Seite der EU Gegner konnte hingegen ein Prozent zulegen und liegt nun bei 29%.

Irish Times - schon 35 nach Zwölf?

Irish Times - schon 35 nach Zwölf?

Was werden die irischen Zeiten also bringen? Ein knappes Monat noch bis zur Wahl, deren Ausgang auch maßgeblich die Entscheidungen Deutschlands, Polens und Tschechiens beeinflußen könnte. Ein Nein könnte aus mehreren Gründen fallen. Der Wahrscheinlichste ist, das auch diesmal wieder nationale Angelegenheiten statt der Europa Frage zur Wahlentscheidung beitragen. Der konservativen Regierung wird Unentschlossenheit vorgeworfen, zu zaghaft sollen Maßnahmen gegen die Krise getroffen worden sein.

Das Elend im Vordergrund, Ulster Bank Building am Horizont - ein Abbild der Zeit?

Das Elend im Vordergrund, Ulster Bank Building am Horizont - ein Abbild der Zeit?

Das wohl unverständlichste Argument gegen den Lissaboner Vertrag ist die Angst um die autonome Freiheit der Iren an ihrem Abtreibungsverbot festzuhalten. Aus unserer Sicht der helle Wahnsinn, dass irische Frauen noch immer ins Ausland fahren müssen, um ihre freie Entscheidung ein Kind groß zu ziehen – oder eben nicht groß zu ziehen – durchsetzen zu können. Die Reisekosten zusätzlich zu den Abtreibungskosten machen diese Möglichkeit für viele irische Frauen zur reinen Theorie.

Nach Angaben der staatlichen Beratungsstelle für Konfliktschwangerschaften wurden 2005 fast 2500 irische Jugendliche zu Müttern. Im gleichen Jahr ließen etwa 700 irische Mädchen in Großbritannien abtreiben, 50 von ihnen waren unter 16.
ZEIT online – 2007

In Wien stehen vor der Abtreibungsklinik am Fleischmarkt regelmäßig jene Fanatiker, die Wolf Haas so treffend Rosenkranzrowdys nennt. Schlimm genug, dass sie Frauen (denen die Entscheidung zur Abtreibung meist ohnehin in eine schwere Krise stürzt) mit Bildern von Föten terrorisieren und ihnen „Mörderin“ zurufen dürfen.
In Irland wird dieser katholisch konservative Moralterror von allen Parteien des Landes gestützt. Arme irische Frauen!

Look right, look left - weit und breit keine Unterstützung für ungewollt schwangere Frauen.

Look right, look left - weit und breit keine Unterstützung für ungewollt schwangere Frauen.

Nun, ein schlagkräftiges Argument haben die EU Befürworter jedenfalls in der Tasche: die EU-weite Drogenbekämpfung. Drogenkriminalität ist ein massives Problem im 1,6 Millionen Einwohner zählenden Dublin. Meine irischen Arbeitskollegen erzählen mir bei meinem ersten Glas Ale im gemütlichen Porterhouse von der bedrohlich gestiegenen Mordrate. Jeden Tag soll laut ihnen jemand in Dublin ermordet werden. Meist geht es dabei um Opfer rivalisierender Dealergangs, die sich in ihren Quartieren in die Quere kommen.
Ob die EU dieses Problem beseitigen oder zumindest erleichtern kann, weiß ich nicht. Das wird die Zukunft zeigen. Zumindest, wenn der Glaube daran ausreicht ihr ein YES und somit eine Chance zu geben.

Sonnenaufgang über Dublins River Liffey

Sonnenaufgang über Dublins River Liffey

Nun, meiner bescheidenen Meinung nach könnte man allein schon mit so simplen Maßnahmen wie besserer Straßenbeleuchtung und vernünftiger Informationspolitik viel beitragen, sich in Dublins Straßen sicherer zu fühlen. Viele dunkle Straßenzüge laden geradezu dazu ein, Raub und Totschlag Gelegenheit zu bieten. Und das Beispiel der Schweinegrippehisterie, die an allen öffentlichen Plätzen mit Warnschildern und Desinfektionsspendern für möglichst viel Angst sorgt, zeugt von einem Umgang mit Problemen, der der self fulfilling prophecy Tür und Tor öffnet. Ich weiß nicht, wie lange ich gesund bleiben würde, wenn ich diesem Aufklärungsterror ausgesetzt wäre.
Angst ist ein schlechter Berater. Auch hier.

Ein bisschen Straßenbeleuchtung hilft oft mehr, als alle Heiligen zusammen. Selbst im katholischen Irland ...

Ein bisschen Straßenbeleuchtung hilft oft mehr, als alle Heiligen zusammen. Selbst im katholischen Irland ...

3 Tage Dublin – gerade genug Zeit für einen Hauch Einblick in irisches Lebensgefühl. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein YES am 2. Oktober. Für Irland UND Europa. Und die Hoffnung, dass Irland (und jedes andere EU-Land) sich trotzdem seine Identität erhält, selbst wenn mir manche Aspekte nicht schmecken. Gute Entwicklungen müssen ohnehin von Innen kommen – hoffentlich ist die Zeit bald reif dafür.

Irland auf den Hund gekommen? Noch nicht ...

Irland auf den Hund gekommen? Noch nicht ...

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10 Kommentare to “Ireland needs Europe – Europe needs Ireland”

  1. Hallo nach Wien,
    ganz unpolitisch möchte ich speziell den ersten Teil kommentieren, weil er mir so vertraut ist. Schöne Städte auf Geschäftsreisen. Flughafen, Meeting, Hotel, müde, Flughafen. Und die schönen Seiten rauschen an einem immer vorbei. Wahrlich ein Schande. Man sollte sich immer etwas Zeit für sich und die Stadt -wo immer sie auch liegt- reservieren. Leider vollkommen unrealistisch…. Liebe Grüße aus Hamburg!
    PS: Schöne Bilder

    • Hallo nach HH!
      Immerhin bleibt genug Zeit, um zu ahnen, ob man nochmal wiederkommen möchte. In Ruhe und fernab des Geschäftes.
      Und Dublin bzw. den Rest der Insel möchte ich auf jeden Fall nochmal genauer inspizieren.
      Lieben Gruß zurück und
      p.s. danke! ^^

  2. Sehr feiner Artikel!
    Mir ist folgendes Bild gleich zu Beginn besonders hängen geblieben: „und ballt seine zarte Hand dazu zu einer irischen Faust“ Ich hatte sofort die Verwandlung von Dr.Banner zu Hulk im Kopf… 😉

  3. Für so wenig Zeit hast Du ganz schön viel mitgenommen – und weitergegeben an uns. Merci.

  4. Schön, dass du uns an deinen irischen Eindrücken (und Überlegungen) teilhaben lässt.

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