Über den Umgang mit der Geschichte in Österreich

Wie sensibel mein Heimatland mit der Geschichte umgeht, zeigen derzeit wieder die Rattenfänger von der RechtVonUnsIstNurNochDieWand Abteilung FPÖ, die aktuell den ‚drohenden‘ EU Beitritt Israels zum Wahlkampfthema erheben. Ist ja auch ein schöner Köder um die antisemitischen Ressentiments der Österreicher und Österreicherinnen  einzufangen. Mir wird bei derlei Bedienung niedriger Beweggründe wiedermal nur schlecht.

Aber wo keine Geschichtsaufarbeitung, da darf man sich auch nicht wundern, dass „Politiker“ mit solchen Touren durchkommen und auch noch Erfolg haben. Ich lebe schließlich in einem Land, in dem keiner mit der Wimper zuckt, wenn z.B. nach wie vor der honorige Walther Kastner Preis ausgeschrieben wird, der als einer der bedeutendsten Preise im Bereich des Banken und Gesellschaftsrechtes gilt.

Walther Kastner kann wohl zurecht ‚Opportunist‘ genannt werden, er bediente alle Regierungen, ganz gleich welche politische Richtung sie vertraten. 1935 bis 38 Ministerialsekretär im Finanzministerium, wurde er gleich im Anschlußjahr zum Direktor der Kontrollbank. In diesem Amt vertrat Kastner, der 1942 spät aber doch der NSDAP beitrat, in der Ostmark das Amt des Arisierungsbeauftragten für Großindustrie. Er war somit verantwortlich für die gründliche Durchführung der Enteignung jüdischer ÖsterreicherInnen.

Es übertrifft wohl jegliche akzeptable Form des Zynismus, dass eben jener Walther Kastner nach der Befreiung durch die Allierten bereits im Juni 1946 wieder als Restitutionsbeauftragter im Ministerium für Wirtschaft und Vermögenssicherung tätig war. Dort führte er, wie er in seiner Biografie „Mein Leben – kein Traum“ schreibt „völlig selbstständig die Verstaatlichungsangelegenheiten“ der größeren Betriebe durch. Und als Profi  (wer wenn nicht der Arisierer selbst sollte auf diesem Gebiet Profi sein?) war es Walther Kastner, der das 5. Restitutionsgesetz schrieb.

Wen wundert es da, dass „Restitution“ in Österreich nicht mehr als billige Kosmetik blieb? Es wurde darauf gesetzt, die Fälle abzuschmettern oder einfach auszusitzen. Und nur in sehr seltenen Fällen und nach langem bürokratischen Hürdenläufen konnte der geraubte jüdische Besitz wieder den EigentümerInnen oder deren ErbInnen zugesprochen werden.

Wen wundert es da, dass Herr Kastner sich auch dafür stark machte, dass das Gesetz zur Rückgabe von Mietwohnungen nicht in den Nationalrat gelangte? Den ehemaligen Besitzer der Ferstelgasse 1/8 im 9. Wiener Gemeindebezirk wohl kaum, sofern er diese Jahre überhaupt noch erlebte. Die Wohnung in der Ferstelgasse wurde von Herrn Kastner nämlich vorsorglich für eigene Zwecke arisiert (vergl. dazu „Unser Wien“ von Tina Walzer und Stephan Templ, S. 200, Aufbau Verlag).

Und auch Kastners Kunstsammlung, die er 1975 dem Oberösterreichischen Landesmuseum vermachte, beeinhaltet Kunstobjekte, deren Herkunft oft zweifelhaft waren, wie z.B. das Objekt „Kinder mit Kochobjekten, Gmunden 1510/20“, das der enteigneten Kunstsammlung Gustav Schütz zugeordnet werden konnte. Laut Uni Linz wurde die Sammlung zwischen 2001 und 2004 untersucht. Über das Ergebnis der Untersuchung konnte ich bislang leider keine Veröffentlichung finden.

Ich lebe also in einem Land, in dem derlei Biografien nicht nur möglich sind, sondern obendrein nach wie vor in Form eines Walther Kastner Preises gewürdigt werden.

Prost Mahlzeit!

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17 Kommentare to “Über den Umgang mit der Geschichte in Österreich”

  1. Wunderbar, Jou…

    … das riecht nach einer Fortsetzungsgeschichte.

  2. Tja, die Leichen…
    Es scheint wohl allenthalben der Fall zu sein, dass der Wille, mit Unrecht so abzuschließen, dass es ein echter Neuanfang ist, nicht besonders ausgeprägt ist.
    Wie viele derartiger Biographien gibt es wohl?

    • Definitiv zu viele.
      Und du bringst es auf den Punkt: Es geht mir nicht um die moralische Verurteilung eines Menschen, der im Dritten reich dieses oder jenes getan hat. Wer weiß schon, wie man sich selbst verhalten hätte. Aber die Unfähigkeit dazu zu stehen macht mich so wütend. Das Verherende an diesen Geschichten ist, dass der Nachwelt so der Weg verwehrt bleibt aus den eigenen Erfahrungen und Fehlern zu lernen. Oder zumindest nur das Falsche …

      • Am Abend deiner Antwort sprach ich mit zwei Freundinnen darüber, dass viele Kriegsverbrechen aus der Nazi-Zeit immer noch unaufgeklärt und gar ungesühnt sind. Die eine meinte, ob man das nach solanger Zeit nicht ruhen lasen sollte. Meine Antwort dazu kam schnell und eindeutig. Die andere, eine Österreicherin sagte dazu, dass man in Österreich ja sehr viel lockerer mit diesen Geschichten umgehen würde. Mir blieb die Antwort im Halse zunächst im Halse stecken, denn genau das ist es, was Du in deinem Beitrag so beklemmend schriebst: der Wille fehlt znehmend, dieses Unrecht zu brandmarken, denn „das ist ja schon so lange her.“
        Davon wird es aber auch nicht ungeschehen!

        • Zuerst war es noch so schmerzlich frisch und niemand wollte sich erinnern. Jetzt ist es schon so lange her, jetzt kann mans auch vergessen?
          Was man aus der Distanz aber wirklich ruhen lassen kann, ist die Moral und Entrüstungskeule. Es geht nicht mehr um ein „Wie konntet ihr nur!“, es geht (mir zumindest) um ein einfaches interessiertes „Wie konnte es geschehen?“. Wie kommt es soweit, dass Menschen so aufgehetzt werden, dass der Blick für Recht und Unrecht derart verwischt werden kann?

  3. Tja…wir unsereins fragen uns, wie weit die BRD damals von der STASI unterwandert wurde bzw noch ist….

    Doch wenn es die STASI geschafft heute noch an einigen Strippen zu ziehen, wie viele Nazis schaffen dies? Nachdem es den Amis zu anstrengend wurde die Entnazifizierungsprozesse durchzuführen haben sie die Gerichtsprozesse von Deutschen durchgeführt wurden. Wieviel bei diesen Prozesses gekungelt worden ist, weiß keiner…ich vermute jedoch eine Menge. Denn es reichte Zitat Wikipedia: „Mutmaßliche nationalsozialistische Straftäter konnten durch Aussagen von Opfern oder ehemaligen Gegnern entlastet werden und erhielten somit einen positiven bzw. guten Leumund und genügten auf dem Meldebogen der Alliierten den Anforderungen des Entnazifizierungsgesetzes.“ – wer solch einen Persilschein hatte war fein raus….ich denke, dass dort einige Nazis gut weggekommen sind und noch heute an einigen Strippen ziehen.

  4. jaja, die landsleut‘ und die klüngelmechanismen eines kleinen landes.
    in den tälern der vergangenheit sitzten und herrschen immernoch die schrecken der kriege. die kastners sind die archetypen der getrennten welt, im schönen österreich haben sie ihr gutes auskommen, werden geschätzt und von vielen bewundert, leider finden ihre aktivitäten kaum das interesse öffentlich-rechtlicher anstalten.
    wäre ein schritt in richtung fortschritt, den artikel in der ZIB2 als abbinder zu bringen – nicht wahr? lieber armin wolf!

  5. Der „Herr Karl“ ist, scheint’s, unverwüstlich…

    • Der Herr Kastner war sicher kein Herr Karl, der ja den kleinbürgerlichen Alltagsantisemiten darstellt, der sich mit einem dicken Brett vorm Kopf irgendwie durch die braune Suppe wurschtelt.
      Kastner war hingegen ohne Zweifel ein sehr fähiger und hochgebildeter Jurist und braver Bürokrat mit Weitblick. Der wußte genau was er tat und wie er sich vor den Folgen schützen konnte. Das biegsame Rückgrat der Gesellschaft war dabei nüchternes Kalkül. Das haben ja vor allem seine Opfer zu spüren bekommen…

  6. Prost Mahlzeit zu deinem Beitrag zu Walther Kastner. Das ist von hier aus natürlich keine Kritik, sondern ein Kompliment an dich, Jou. Aber wir alle haben mit der Geschichtsaufarbeitung noch viel zu tun. Nicht nur in Österreich. Auch wenn wir Kinder der Nachkriegsgeneration sind. Der Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann, ein Schweizer, gehörte in meiner Jugend zu meinen beliebtesten Autoren. Siehe sein Werk „Die Hinterlassenschaft“.

  7. Schön, daß Du die Leichen aus dem Keller ans Licht ziehst, Jou.

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