Straßburger Fenstergucker

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Durch fremde Städte flanieren und sich vorstellen, was vor und hinter diesen Fenstern passierte – gestern, letzte Woche, vor zwei Jahren, vor Jahrhunderten …

Zum Beispiel das kleine grüne Fenster da mit den Holzlamellen: Da lebt Isolde, Studentin im zweiten Semster, Jus … oder doch Biologie? Jedenfalls ist es gestern spät geworden. Nun hat sie vor einer halben Stunde das erste mal ein Auge aufgemacht. Höllische Kopfschmerzen, Mannomann! Schnell schlingt sie das Leintuch um die Schultern, steht etwas wackelig auf, aber nur um die Läden leicht zu schließen. Für sie beginnt der Tag heute erst später.
Und da die kleinen Dachfenster unter den Schindeln? 1770 hauste hier der junge Bäckergeselle Jean. Den Großteil seines mickrigen Lohns, den der Bäcker, der mit der aufallend rot geäderten Nase, ihm wöchentlich auszahlte, musste er für die kleine Kammer ablegen. Ein Strohsack als Bettlager, eine kleine Holzkiste und ein Kerzenständer drauf – mehr war nicht drin, aber es war sein kleines Reich. Wenn der Mond noch am Horizont durch die Dachlucke blinzelt, muss er Tag für Tag aus den Federn, todmüde, hungrig und fröstelnd. Aber bis der fremde deutsche Student, der sich neuerdings sein tägliches Baguette im Bäckerladen besorgt, ist er wieder hellwach und flink beim Verkauf. Und sein freundlich einnehmendes Gemüt kommt bei der Kundschaft gut an. Sogar dieser Student nimmt ausnahmsweise die Nase aus den Büchern, die er stets dabei hat, um mit ihm ein Schwätzchen zu halten. Er soll ihn Johann Wolfgang nennen, sagte er letztens beim Abschied, nachdem er ihm ausführlich und in schillernden Farben seine Sehnsucht nach dem kommenden Frühling schilderte und ihn energisch aufforderte doch endlich sein Joch abzuschütteln. Kopfschüttelnd blickt Jean ihm nach … Joch abschütteln, so ein Träumer.
Jean bleibt Bäcker, er lebt sparsam und schafft es Jahre später den Bäckerbetrieb von seinem Chef zu erstehen, der sich nach und nach heillos in den Ruin soff.

Sein Urenkel Henry wohnt noch heute ein paar Gassen weiter. Er ist heute Portier im europäischen Parlament. Als er heute morgen durch die hohe Glastür des Parlaments trat, wunderte er sich über das Touristenpärchen, das gerade ihre Spiegelung vor den Fahnen fotografierte. Pfff … Touristen.

Ja, so – oder anders – könnte es sein.

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2 Kommentare to “Straßburger Fenstergucker”

  1. schönes ensemble! portraits einer geschützten welt hinter den bildern..

  2. Fleißiges Lieschen ! Eine wunderbare Bildersammlung, jedes Bild lässt Raum für eine eigene Geschichte.

    Zum Beispiel von Philippe, der sich lange aber vergeblich dagegen gewehrt hat, dass die Sicherheitsbehörden die Fenster seines Häuschens schlichtweg zugemauert haben (Nr. 24), nur weil es dummerweise im Sicherheitsbereich des NATO-Gipfels lag.Eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wurde erst gar nicht angenommen.
    Oder von…

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