Gegenstimmen für Menschlichkeit

Der Bassist der Gegenstimmen, im Freundeskreis zärtlich Müsli genannt (aber das hört er nicht so gern), informierte mich, dass der Chor heute auf der Mariahilferstraße auftritt. Die Eigendynamik und „We are family“ Aura, die diesen und wahrscheinlich auch jeden anderen Chor umgibt, ist mir zugegebenermaßen heimlich ein wenig unheimlich, doch das mindert meine ungeheure Hochachtung vor ihrem sozialen Engagement und ihrer Zivilcourage keineswegs. So hauten sie den Herren und Damen Abgeordneten der noch taufrischen blau-schwarzen Regierung 2002 die vertonte Regierungserklärung des Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel um die Ohren – und benötigten dabei für eine schöne Portion Zynismus nicht mehr als die Tonleiter und den genauen Wortlaut der Schüssel Rede. Und so treten sie auch immer wieder unentgeltlich für den Augustin, der Wiener Obdachlosenzeitung, auf.

Auch heute lud der Augustin zu einer F13 Aktion ein. F13 steht für Freitag, den 13 und soll aufzeigen, dass es Menschen unter uns gibt, deren Anzahl der Pechtage sich nicht auf drei im Jahr beschränken.

Der Titel der heutigen Veranstaltung „100 Stunden Polizeiarrest wegen Füße-Ausstreckens„. Der Hintergrund: Herr H. wurde letzten Oktober wegen „Aufdringlicher Bettelei“ mit ausgestreckten Füßen auf der Mariahilfer Straße vor der BAWAG Filiale zu €200.- Strafe oder 100 Stunden Arrest verdonnert. Im korrekten Juristendeutsch heißt das dann: „Aufdringliche Bettelei“ gemäß § 2/1 WLSG, „Vorschriftswidriges Verhalten auf Gehsteigen im Ortsgebiet“ gemäß § 78/c StVO und „Benützung von Straßen zu verkehrsfremden Zwecken ohne Bewilligung“ gemäß § 81/1 StVO.

Aus der Anzeige:

„… Seine Beine hatte er, ca. 1 Meter quer auf den Gehsteig ragend, ausgestreckt. Die Arme ausgestreckt und die Hände übereinander gelegt bettelte er vorbeigehende Passanten unverkennbar an. Eine ca. 10 cm im Durchmesser große Schale stand in etwa 1,5 Meter von der Hauswand entfernt auf dem Gehsteig. Darin befand sich Münzkleingeld. Durch das Verhalten des H. waren die Passanten, zu diesem Zeitpunkt (15. Oktober 2008, 12.50 Uhr – die Red.) herrschte reger Fußgängerverkehr, an der ordnungsgemäßen Benützung des Gehsteiges gehindert. Passanten mussten ausweichen, um nicht über die ausgestreckten Beine des Angezeigten zu stolpern. …“

200.- Euro. 200.- Euro für einen Menschen, der sich gezwungen sieht, zu betteln. Vor einer Bank, deren Teile der Führungsebene erst unlängst noch Schlagzeilen wegen Veruntreuung in Milliardenenhöhe machte und nun wieder eine Milliarde aus dem Steuerpot benötigt, um nicht pleite zu machen. Und auch, wenn die beiden Aspekte nicht unmittelbar miteinander zusammenhängen, so erscheint es doch mehr als bitter.

Dagegen sangen die Gegenstimmen heute an, an derselben Stelle, am Boden sitzend mit ausgestreckten Beinen versteht sich. Hektische Passanten mit dem obligatorischen Handy am Ohr hetzen vorbei, kaum einer bleibt stehen. Nur die Mahü-Punks und einige Augustin Verkäufer setzen sich dazu und malen demonstrativ eine 1m Abstand Kreidelinie auf den Boden. Mitten in der Darbietung der südafrikanischen Hymne (weils so schön ist) stürzt ein Hagelschauer auf die Sänger und Sängerinnen, dem sie unverdrossen trotzen und grad noch ein bisschen mehr Herzblut in ihren Gesang legen. Der Anblick macht mich in seinem dieser Tage so unpopulär gewordenen Gutmenschentum etwas traurig. Und gleichzeitig bin ich ihnen dankbar, dass es sie noch gibt.

Ich höre einen Passanten mit einem Augustinler diskutieren „Ja, aber was ist mit der organisierten Bettelmafia!…“ Ja, was ist mit ihr? Reicht sie als Freilos zur Rücksichtslosigkeit? Können wir uns jetzt locker zurücklehnen und haben keinen Grund mehr zu differenzieren? Auf dem Flyer lese ich „Ich will nicht betteln. Aber dürfen muss ich„. Nun, dieser Meinung sind nicht alle.

Die Menschlichkeit hats offenbar schwer dieser Tage…

Mangels Fotomaterial von heute eine Aufnahme eines anderen F13 Gegenstimmenauftrittes im Augustin TV.

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6 Kommentare to “Gegenstimmen für Menschlichkeit”

  1. Doch, das süße Gegurgel der Gegenstimmen („Offthen if ropth“, Phpaniens Fimmel“) hätte schon was.

    Aber mit vollem Mund Hungerstreik-Lieder singen? Wäre das der kontrafaktischen Ironie nicht fast schon so viel? Nicht, daß das Prolezariat das in den falschen Hals kriegt…

  2. Oder der „Diktatur der Mozartkugeln“? Die soll ehemaligen bekennenden Kampfproletariern ja über die Zeit der schlimmsten Entzugserscheinungen ganz gut hinweghelfen. Kaum kitzelt das erste „Völker hört die Signale“ im Hals – schwupps rein mit der Kugel – und schon das „aupf pfum lepffen Beffeff“ erstickt im süßen Gurgeln.
    Marzipanallergiker können alternativ auch auf die „Diktatur der Sachertorten“ umschwenken, aber die gibts leider nicht in der handlichen Akutanfalls-Portionierung.

  3. @ kraska: Wien wäre es mit «Diktatur der Gegenstimmen» ???

  4. Als ich noch für die „Diktatur des Proletariats“ eintrat, hab ich das Lied nicht nur gehört, sondern auch geschmettert – ebenso wie die Warschawianka, Spaniens Himmel, Partisanen vom Amur, Brüder zur Sonne, Osten ist rot sowie:
    „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“,
    welchletzteres sich aber leider als starke Übertreibung erwies…

  5. Mir gehts wie Dir – man schwankt zwischen Rührung, Sympathie und .. einem ganz, ganz leichten Hauch von melancholischen Spott. – „Arbeiter von Wien“ – mein Gott, wie lange habe ich DAS Lied nicht mehr gehört….

    • Ich bin erstaunt, dass du es überhaupt jemals gehört hast. Aber ich muss gestehen, es gibt diese seltenen enthuasiastischen Sonntage, an denen ich gleich nach den Aufwachen dieses Lied mit Inbrunst zu singen pflege. Herrlich herzerwärmend! Frag meine Nachbarn.

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