Ich hab das Christkind gesehen!

Es gibt Menschen, die haben die besondere Gabe Feste auf eine Art und Weise zu gestalten, dass noch Tage, Wochen, Monate später Bilder dieser Abende in meinem Kopf erscheinen. Details und Eindrücke tauchen auf wie gute Freunde, denen man immer wieder gerne die Hand schüttelt.

S. und ihr Freundeskreis schaffen es regelmäßig solche Feste zu feiern, und der Höhepunkt des Jahres ist das Weihnachtsfest in der Wohngemeinschaft P-Gasse 24, Tür 12.

Die Wohnung mit den unheimlich hohen Räumen, dessen Wände roh und unbemalt einen eigenen groben Reiz ausstrahlen, summt wie ein Bienenstock. Die Gäste, eine illustre Mischung aus KünstlerInnen und gemeinem Fußvolk, in reger Unterhaltung, Gelächter und Lebensfreude liegt in der Luft und zwischendurch immer die neugierige Frage: „Und wann kommt das Christkind?

Denn in die P-Gasse 24/12 kommt das Christkind noch zuverlässig, das ist bekannt. Da es jedoch ein zierliches Persönchen ist und so viele Geschenke nicht alleine schleppen kann, bringt jeder Gast ein Päckchen mit und so sammelt sich ein kleiner bunter Berg unter dem enormen Christbaum, dessen funkelnder Stern an der Spitze wie maßgefertigt an die Decke stößt.

Doch auch, wenn sich alle schon wie kleine Kinder auf die Bescherung freuen, wie kleine Kinder müssen sie sich auch noch in Geduld üben – das Christkind steht noch am Gürtel im Stau, wie der Hausherr aus sicherer Quelle zu berichten weiß.

Zur Überbrückung der Wartezeit wird noch ein weiteres Highlight des Abends verkündet. Im rappelvollen Salon werden von einer jungen Konzertpianistin und einem Sänger Lieder aus dem 19. und 20. Jahrhundert vorgetragen – ein bezauberndes Schauspiel

pianistin

– und auf der Treppe liest Peter Ahorner aus seinen Texten, die verblüffende Helmuth Qualtinger Qualitäten aufweisen. Urkomisch trägt er die Rollen in unterschiedlichen Stimmlagen vor und als er als alte Tante beim Silvesterfest in Aktion tritt, quietscht der Raum vor Vergnügen und mancher muss sich die Lachtränen von der Wange wischen.

lesung

Guten Rutsch (aus „Café Westend“, P.Ahorner, Verlag Edition Atelier)

Kurz vor Jahreswechsel. Neffe Edi, seine Frau Inge mit der hochbetagten, schwerhörigen Tante beim Festttagstisch. Inge sieht die eingeblendete Uhr im Fernsehapparat.

Inge: Jetzt is bald soweit, meine Lieben.
Edi: Na Tante, schmeckn die Marzipanschweinderln? – Jetzt hats glücklich alle zammgfressn.
Tante: Ohne dem Heinz Conrads is Sylvester nimmer des, was amoi war.
Edi: I tauschat die Oide glatt um gengan Heinz Conrads.
Inge: Halt die Pappn, ganz terrisch is no net.
Tant: Habts ihr no was Pikantes?
Edi: So ein Frißling, (brüllt) Nochn Bleigiaßn gibts a Gulasch!
Tant: Geh, bring ma an Rollmops.
Inge: A bißl später, Tante, im neichn Joahr dann.
Tant: Was hast gsagt?
Edi: Die gherat an die Pummerin anbundn, vielleicht hearts dann was.
Inge: Tua weiter, Papa. Hamma alle a Sektglasl?

Zwei Minuten vor Jahreswechsel.

Tant: I muaß aufs Klo.
Edi: Des mochts ma zfleiß. Na warte (brüllt): Wos manst, i vasteh di net!
Tant: Na, so helfts ma doch wer!
Inge: Hör auf, Edi! Bevor mas am Teppich ham!

Als der Neffe aufgrund der notwendigen Erleichterung seiner Tante erst gegen vierteleins bei Schlagermusik zum Pflichtwalzer ansetzen will, gleitet er auf einer feuchten Masse aus.

Edi: Na schau da des an, da hat doch de Gurkn a oglutschts Marzipanschweindl am Bodn ghaut!

Edi droht seiner Tante mit dem desolaten Marzipanschwein:

Edi: Du bist entlarvt, du sierige Hex!
Tant: Der Edi vertragt scho wieder kan Alkohol. – Mein Gott, früher warn die Männer no richtige Männer. Und was hab i Walzer tanzt bis in da Fruah.
Edi: Wanns wüll, tanz i mit der an Volley-Tango, daß nimma waaß, wo ihr der Schädl pickt.
Inge: Geht’s, tamma Bleigießn. Schau ma, was des neiche Joahr bringt.

Als dieser Brauch eine neue Variante erfährt, weil die Tante ihr flüssiges Blei auf einen Schuh ihres Neffen gießt, kann dieser seine kalte Wut nur dadurch erwärmen, indem er einen Rollmops über dem Kopf seiner Tante zerquetscht.

Inge (beschwipst): Wannst as einmarinierst, kemma no lang warten.

Die Tante wischt sich den vermeintlichen Schweiß von der Stirn.

Tant: Da kummt ma ganz schön ins Schwitzen. Mei Edi hot a scho ganz rote Backerl.
Edi: Halt mi zruck, Inge, sunst kummt ma die Hand aus.
Tant: Liab, daß i mit eich ins neiche Joahr rutschn kann. A wann ihr manchmal a bißl komisch seids, mei Herz, des schlagt für euch.
Edi: Und hört net auf zum Schlagn.
Inge: Kusch, Edi!

Man schreitet zur Deutung der Resultate des Bleigießens. Die Tante nimmt ein Bleiobjekt in die Hand.

Tant: Des is a Schwammerl, was i da gossn hab.
Edi: Das Schwammerl muß erst gegossen werden, du Weh. Jetz is auf die Augn a scho terrisch.
Tant: Und als zweites hob i a Blume, manst net?
Edi: Na freilich, sicher. – Wias ewige Liacht schauts Gottseidank net aus.
Und was hat denn mein Neffe? Na, zeig scho her, Edi! – Meiner Seel, des schaut ja aus wia a Soargdeckel!
Edi: Na, des war deins, Tante, des gheart dir! Inge, sag, daß des der Tante gheart!

Der Neffe kollabiert.

Doch dann ist es soweit, ein Raunen geht durch die Menge: Das Christkind ist da!

christkind2

Alle drängen sich ins Nebenzimmer und tatsächlich: Da steht der blonde Engel im zarten weißen Kleid. Wie schön es ist, das Christkind!

christkind
Mir hat es eine ganz besondere Freude bereitet: Ich bin nun im Besitz der Original-Bong der sieben Zwerge (auch wenn ein Rüpel meinte, es wäre nur eine Plastik-Blumenvase).

Gegen 2h früh verlasse ich schweren Herzens als eine der Ersten die Feier, der nächste Tag schmeißt mich halt ungebührlicherweise schon wieder um halb Sieben aus dem Bett. Doch was mir bleibt sind die Bilder im Kopf. Dafür geht mein herzlicher Dank an die WG in der Weihnachtsstraße 24/12.

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19 Responses to “Ich hab das Christkind gesehen!”

  1. @Ken: Das Business mit dem schlechten Geschmack, da gehört auch der Weihnachtsmann dazu. Da kann man nix machen, bloß wegschauen. Oder vierteilen & abfackeln. Oder aber nach Flourn-Winzeln ziehen, dem Mainquarter der Antiweih.

    @Rich: Tausend Dank und nicht minder gute Wünsche auch für Dich! Und wir sehen uns, Krise hin oder her, komme was da wolle. ^^

  2. So ein wunderbarer Weihnachtseintrag, passend für die Weihnachtsfrau!
    Und ich wünsche Dir einen ebenso wunderbaren Start ins neue Jahr, schreib weiterhin so tolle Blogeinträge und verleihen wir der Hoffnung Ausdruck, dass wir uns dieses Jahr entweder hier oder da wieder treffen!

  3. Ich bin ja so froh, daß zu Euch auch noch das Christkind gekommen ist und nicht dieser abgefackte Weihnachtsmann ! Der hängt ja schon an fast jeder Hauswand ! Mit hängt er zum Hals heraus !

  4. Bekommt man von erfreulich in den Haarspitzen eigentlich Spliss? ^^
    Ja, Lakritze, Dir wünsch ich auch das Allerbeste fürs Neue Jahr, vor allem viel Muse und eine Prise Schreibwut!

    Und WdW, da schlag ich doch drauf ein – um Mitternacht wird angestoßen! ;o)

  5. Schööööön …!
    Ein entsprechendes Silvesterfest wünsch ich Dir, und alles Weitere erfreulich bis in die Haarspitzen.
    Bis Neujahr dann!

  6. Oops, liebste Joulu, erwischt 😳

    Ok, wir stoßen um Mitternacht an und sind dann per Du.

  7. Ts ts ts. Erkenn ich da einen zarten Anflug, sich so kurz vor Jahresende noch einmal in alte Gewohnheiten zu stürzen? Dabei ging das mit dem ‚Du‘ doch schon so flott von den Lippen… Also, liebe WdW, am 1.1. gleich nach dem Verklingen der Bumerin (oder entsprechendes Glöcklein in ihrer Gemeinde), gleich nach der letzten Walzerdrehung, bitte ich ein Glas Champagner auf mich zu leeren und sich als guten Vorsatz für 2009 das uneingeschränkte Duzen im Joulukraut vorzunehmen.
    Dafür stoß ich dann auch auf Dich an und wünsche viel Glück, Gesundheit, Frieden und Freude im Neuen Jahr! Aber kein Eierkuchen, der schlägt sich so unschicklich auf die Hüften. Ach, schmonses, Eierkuchen gibts auch dazu!

  8. Was für eine wunderbare Feier das gewesen sein muss. Ich beneide Sie ein bissel…

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