Der Unermüdliche…

Als 14-Jährige führten mich die zarten Anfänge meiner Sturm- und Drang Phase in warmen Sommernächten oft in die Innenstadt. Ich stahl mich dann unbemerkt aus unserer Wohnung an der Peripherie der Stadt, schwang mich aufs Rad und entfloh dem heimischen Wahnsinn. 20 Minuten bis zur Donau, eine weitere halbe Stunde bis zum Zentrum, der Fahrtwind in der Nase roch wie nie zuvor nach unendlicher Freiheit. Und dann stundenlang durch die menschenleeren Gassen, jeden Winkel erkundend und der Faszination erlegen, die diese Einsamkeit und Menschenleere mitten im Herzen Wiens auf mich ausübte. Die Stadt gehörte in diesen Momenten mir allein!
Damals entdeckte ich auch das erste Mal das Phänomen der Pflückgedichte. Überdimensionalen Fliegenfallen gleich waren rund um Bäume oder zwischen zwei Straßenlaternen dicke Klebestreifen gespannt, vollgespickt mit kleinen bunten Zettelchen. Auf jeden Schnipsel in der typografischen Unregelmäßigkeit alter Schreibmaschinen ein Gedicht oder Sinnspruch. Und immer dabei Name und Adresse des Autors:
Helmuth Seethaler, Wasnergasse 43, 1200 Wien

Über zwanzig Jahre sind seither vergangen, aber den Herrn Seethaler gibt’s immer noch und unermüdlich verziert er die Stadt mit Zettelchen oder macht sich Baustellen zur Projektionsfläche. Ich erinnere mich an den Tag vor 2 Jahren, als der Bahnhof Praterstern umgebaut und somit zur Bretterbude wurde. Der Zugang zum Bahnsteig war eine wahre Erscheinung: Bis zur Decke füllten sich die Wände mit Seethalers krakeliger Schrift – tausende kleine Sinnsprüche, mittlerweile zeitgemäß mit Handynummer und Webpage unterzeichnet.
seethaler_landstrasse_2007
Es ist nicht die große Poesie, nicht die große Erkenntnis, die Seethaler verbreitet – es sind simple einfach gestrickte Wahrheiten. Macht er sich’s zu einfach, wenn er Sätze, wie „Immer mehr wollen immer mehr, weil immer mehr immer mehr wollen. Immer mehr haben immer weniger, weil immer weniger immer mehr haben.“ in die Welt hinausträgt? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.
Aber eines weiß ich: Herr Seethaler schafft es seit Jahrzehnten eine unerhörte Konsequenz aufzubringen auf seinem Weg gegen den Strom. Dafür hat er meinen Respekt!

Letzten Sommer hatte ich einmal Gelegenheit mit dem Zettelpoeten ins Gespräch zu kommen. Es war, wies der Zufall so will, nur ein paar Meter von jenem Platz entfernt, an dem ich als Jugendliche meine erste Begegnung mit den „Fliegenfallen“ machte. Er erzählte von seinen unzähligen Kämpfen mit Gerichten und Bürokratie, von den Anfängen, als der kürzlich verstorbene Bürgermeister Dr. Zilk ihn ins Rathaus zitierte und jovial meinte „Schau, Helmut, jetzt reichts ma mit Dir. Do host zwa Bam und gib a Rua!“. Wie er sich dann einige Zeit mit seinen zwei Bäumen auf der Kärntnerstraße begnügte und dann nach zwei Jahren dachte ‚Ja und was ist mit den Hietzingern und Ottakringern? Die darf ich nicht versorgen?’ und wie er es später nach über Tausend Anzeigen geschafft hat, als Künstler anerkannt zu werden und alle offenen Klagen niedergeschlagen wurden. ‚Ja, jetzt hab Ichs schriftlich, dass die, die mich immer noch anzeigen unzurechnungsfähig sind!
seethaler_kaerntner_str_2008
Ob Helmut Seethaler ein Künstler ist kann ich nicht einschätzen, jedenfalls ist er ungemein mitteilungsbedürftig. Und er regt zum denken an, das kann nie schaden. Vor allem dann nicht, wenn es einem die Wartezeit auf den nächsten Zug verkürzt…

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13 Kommentare to “Der Unermüdliche…”

  1. Hm? Heißt das, das meintest du ohnehin? Sorry, war mir nicht klar (wollte jetzt bei Gott nicht belehrend wirken…)

  2. Ah, ich kannte bisher nur Grafeneck im schwäbischen ‚Hoch’land, Sitz der berüchtigten psychiatrischen Anstalt mit unrühmlicher Vergangenheit.

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