Ringlinie Ade – ein scheußlicher Abschied

Das wars nun – Wien ist seit gestern um eine schönes Detail ärmer. Die Ringlinien 1 und 2, die gemütlichen roten Zirkuswürmchen gleich tagein tagaus rund um die Ringstraße kreisten – und so nicht zuletzt eine preisgünstige Ruhepause für Millionen fußleidender Touristen darstellten – gibt es nicht mehr.
Das allein wäre schon traurig genug – doch ein Straßenbahnfahrer hat es geschafft, den bitteren Abschied zur absoluten Widerwärtigkeit ausarten zu lassen. Er beendete die letzte Fahrt der (Ring-)Linie 1 mit der Durchsage „Sieg Heil!“

Auf Proteste reagiert der Mensch dann doch glatt noch mit den Worten „Versteht’s Ihr keinen Spaß?
Da bleibt eigentlich nur eine Frage: Wieviel gottverfluchte Scheiße kann man eigentlich im Kopf haben???

Ich würde jetzt tiefschwarz sehen für die Wiener Verkehrsbetriebe – reagierten sie nicht prompt und zuverlässig mit einer fristlosen Entlassung (und nein, das ist hierzulande nicht selbstverständlich). Die Wiener Verkehrsbetriebe „verstehen also keinen Spaß“ oder besser gesagt: derlei ‚Spaß‘ verstehen sie nicht.
Es gibt nämlich gottseidank auch jenen sympathischen U4-Fahrer, der seine Fahrgäste immer wieder mit humorvollen Durchsagen erheitert. Er erinnert sie an vergessene Schirme, kommentiert das Wetter („Liebe Fahrgäste, machen wir das Beste draus!“) oder philosophiert auch schonmal einfach drauflos.
So berichtet Nunu von einer reizenden Durchsage im Februar dieses Jahres:

„werte fahrgäste, wenn sie sich alle ganz brav dran halten, nach abfertigen des zuges nicht mehr waghalsige ein- und aussteigeversuche zu starten und wenn der junge mann im dritten waggon bitte seinen hund an die kurze leine nehmen könnte sowie ihm einen beißkorb anlegen könnte, dann verspreche ich ihnen, weder in eine andere ubahn hineinzufahren noch auf abschüssigem gelände auszusteigen. vielen dank für ihre aufmerksamkeit.“

Und ich erinnere mich an eine Durchsage, die mit den herzlichen Worten begann „Weil mich gerade ein Fahrgast gefragt hat, ob ich auf Drogen sei…“ Das könnte er ausschließen. Er müsste nur deshalb so langsam fahren, weil er eine Baustellenstrecke durchfuhr. Daraufhin erklärte er genau, welche Lichtsignale welche Höchstgeschwindigkeiten zulassen etc.
So wird die U-Bahn-Fahrt zum reinsten Vergnügen.

Dafür, dass die Wiener Verkehrsbetriebe an den richtigen Stellen unkompliziert reagieren und diese erfrischenden Freiräume zulassen und an anderer Stelle wiederum zu Recht ‚keinen Spaß versteht‚ – dafür danke ich Ihnen herzlich! Ob ich den Verlust der Ringlinien verschmerzen werde, wird sich jedoch erst zeigen…

8 Responses to “Ringlinie Ade – ein scheußlicher Abschied”

  1. Nachdem ich das Video bei Nirak gesehen und den Artikel einer Augenzeugin in der Jüdischen gelesen habe, denke ich, dass es sich bei der Aktion tatsächlich um keine ideologische Handlung, sondern schlichtweg um einen Griff ins Klo handelte. Der Mann wollte offenbar Satire a la Stermann & Grissemann aufführen, was ihm mehr als mißlang. Ziemlich dämlicher Fehlgriff, aber es beruhigt mich trotzdem (wenngleich das auch nur mein subjektiver Eindruck ist).

  2. Wie kommt einer auf sowas? Mit „ewiggestrig“ läßt sich das nicht erklären.

  3. Ich bin froh, dass die Wiener Verkehrsbetriebe da keinen „Spass“ verstehen. Wie abscheulich ist das denn!

  4. Und solche Arschgesichter subventioniere ich auch noch mit meinem 72-Stunden Ticket !!! Jou, halt mich auf dem Laufenden (im Wortsinn… für den nächsten Wien-Besuch)

  5. Nachtrag: Hab noch einen alten Falter Artikel über den netten U-Bahn Fahrer gefunden:

    Michael Pulai heißt der Mann hinter der U-Bahn-Stimme. er ist weder Schauspieler noch Profisprecher, sondern u
    U-Bahnfahrer, Stellwerkwärter und Schulungsleiter bei den Wiener Linien.
    „Vielleicht hat sich mein Abteilungsleiter ja schon daran gewöhnt, dass es da jemanden gibt, der sprechen kann“, meint Pulai, fast 40, Oberlippenbart und die Freundlichkeit in Person. „Ich rede halt irrsinnig gern.“ Das bekommen seine Fahrgäste regelmäßig zu hören, wenn er ihnen über die Bordlautsprecher einen „wunderschönen guten Morgen“ zuflötet.
    Die U4 ist Pulais Lieblingslinie, weil sie fast nur überirdisch verläuft: „Es gibt nichts schöneres, als an einem Wintertag, wenn der Schnee frisch gefallen ist, mit dem 1. Zug Richtung Innenstadt zu fahren.“ Dann erheitert er die Passagiere mit Durchsagen wie dieser: „Sehr geehrte Fahrgäste, ein Blick nach rechts und sie wissen, wieso sie heute ihr Auto nicht freigeschaufelt haben und stattdessen die Wr. Linien benutzen.“
    Am 11. November um 11:11 heißt es bei Pulai: „Sehr geehrte Fahrgäste, es ist Faschingsbeginn.“ Wenn er mit seiner U-Bahn bei der Endstation ankommt, wünscht er immer einen schönen Tag oder ein schönes Wochenende, bei etwaigen Störungen informiert er ausführlich: „Es ist mir ein Bedürfnis. die kunden haben das Recht, informiert zu werden.“ Während Kollegen zu bestimmten Zeiten verbotene Fahrradtransporte mit Schimpferei ahnden, glaubt Pulai an das Gute im Menschen: „Ich nehme an, die Leute wissen nicht Bescheid, und bitte um Verständnis.“ Nicht ohne Grund wurde Pulai vor 7 Jahren zu „Wiens freundlichstem U-Bahnfahrer“ gewählt. Seit 1998 trägt er den Titel unangefochten, allerdings gab es auch keine Wahl mehr – wohl mangels geeigneter Nachfolger.
    […]
    In der Silvesternacht, wenn die Station Stephansplatz überfüllt ist und die U-Bahnen dort nicht mehr halten, sorgt Pulai, unerstützt von 2 Kollegen, für internationales Flair mit 3-sprachingen Ansagen. Seine Spezialität ist englisch, das er angeblich mit Bostoner Akzent spricht. In Boston hat der U-Bahn-Fahrer nämlich als Bub erstmals englisch parliert, damals war er mit den Wr. Sängerknaben auf Amerikatournee.
    Der U-Bahn-Chauffeur spricht übrigens niemals oberflächlich, seine Ansprachen sind nur im U-Bahnbereich zu hören. Und bei jedem Dienstantritt macht er einen Soundcheck und testet das Mikrofon im zug „Da gibt´s nämlich Unterschiede“.
    Der Mann hat Entertainerqualitäten. In jeder anderen Stadt hätte Michael Pulai seine eigene Radioshow, in Wien bespricht er bislang nur den Untergrund. vielleicht lassen sie ihn ja wenigstens eines Tages die Stationsbänder in den Öffis neu besprechen. Kein Schaupieler könnte das besser.
    (C. Wurmdobler, Falter 9/05)

  6. Habe es gerade in den Nachrichten gesehen:“Live aus dem FühReRstand!“ 😦

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