Hamburg, St. Nikolai

Wenn ich das erste Mal eine neue Stadt bereise, will ich im Vorfeld nichts darüber wissen. Reiseführer werden bewußt boykottiert. Unvoreingenommen möchte ich sie entdecken, ohne vorgefasste Bilder und Informationen. Ich marschiere lieber drauf los und lass mich überraschen, was mich hinter der nächsten Häuserecke überrascht. Wenn ich dann diesen ersten Eindruck eingefangen hab und weiß, wie sich die Stadt für mich anfühlt, dann erst lese ich nach und vergleiche das Gelesene mit meinem Eindruck. Vieles entgeht mir dadurch sicher bei meinem ersten Besuch, aber das ist es mir wert.

Hamburg hab ich auch auf diese Weise kennengelernt und Hamburg fühlt sich verdammt gut an! Eine Stadt, in der ich mir gut vorstellen könnte ein paar Jahre zu leben. Die Stadt strahlt Größe und Selbstbewußtsein aus, ohne dabei zu prahlen. Und sie ist so vielfältig: Der Bogen spannt sich von weiten Grünanlagen über pittoreske, fast dörflch wirkende Ecken bis hin zu dem mondänen Flair der beeindruckenden Hafenanlage.
Auf einem meiner Spaziergänge bekam ich die Gelegenheit diese ganze Pracht auf einmal zu überblicken. Zarte Glockentöne, die aus der Ferne zu hören waren, leiteten meine Schritte zielsicher zum St. Nikolai Kirchturm. Entzückt stand ich davor und lauschte. Kein altbekanntes Kirchenglocken Bim-Bam-Bim-Bam, nein – ganze Lieder spielt dieser Kirchturm.


St. Nikolai Glockenwerk

Und erst, als der letzte Ton verklungen war, fiel mir der seltsame Anblick dieses Kirchenturms auf. Denn dort, wo ich stand, sollte doch eigentlich das Kirchenschiff sein. Nur die Umrisse und Teile der Seitenmauern waren davon noch zu sehen. Mittlerweile weiß ich, dass St. Nikolai erstmals im 12. Jhrd. erbaut wurde, 1842 beim großen Brand von Hamburg komplett zerstört wurde und nach ihrem Wiederaufbau sogar einige Zeit lang das höchste Gebäude der Welt war. Rund 100 Jahre danach wurde St. Nikolai durch die massiven Fliegerangriffe der Alliierten erneut zerstört. Statt eines Wiederaufbaus sollte nur der Kirchturm als Mahnmal gegen den Krieg bestehen bleiben.

Seit 3 Jahren kann man mit einem Aufzug auf die Aussichtsplattform hochfahren, die einen sagenhaften Rundblick über Hamburg bietet. Sehr spannend fand ich dabei, dass neben den einzelnen Aussichtsmöglichkeiten Schwarz-Weiß Fotos von Willi Beutler aus dem Jahre 1943 (aus dem Bildarchiv Denkmalschutzamt Hamburgs) zu sehen sind. Aufgenommen vom selben Standort zeigen sie das ungeheure Ausmaß der Zerstörung, dem Hamburg zum Opfer fiel.

Hamburg Panorama vom St. Nikolai Turm aus gesehen

Eine Texttafel zeugt von einem umsichtigen Umgang mit der Geschichte, also jenem Umgang, den ich mir in Österreich oft wünschen würde:

Hamburg gehörte zu den im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstörten Städten. Am folgenreichsten waren die Bombenangriffe vom 25. Juli bis 3. August 1943. Mit dem Ziel einer allgemeinen Demoralisierung der deutschen Bevölkerung bombardierte die britische Royal Air Force mehrere Nächte hintereinander die Wohnviertel Hamburgs, tagsüber griff die US Air Force U-Boot-Werften und Rüstungsbetriebe an. In der „Operation Gomorrha“ versanken große Teile der Stadt in Asche. 35.000 Menschen starben in den Flammen, unter ihnen auch Tausende ausländische Zwangsarbeiter udn Zwangsarbeiterinnen und über 5000 Kinder. Die Zehal der aus der Stadt Flüchtenden lag bei einer Million, dier der Verletzten und Schwerverletzten bei 120.000.

Besonders schwer betroffen war Hamburgs Osten. in Hammerbrook, Rothenburgsort und Hamm-Süd machte der Feuersturm alles zunichte. Diese Stadtteile wurden zum Sperrgebiet erklärt. Zur Bergung der Leichen, der Beseitgung der Trümmer und der Entschärfung von „Blindgängern“ wurden auch Häftlinge des KZ Neuengamme eingesetzt.
Insgesamt wurden 255.691 Wohnungen völlig zerstört. Bei Kriegsende hatten 902.000 Hamburgerinnen und Hamburger durch die Bomben ihre gesamte Habe, weitere 265.000 Teile ihres Besitzes verloren, die meisten während der „Operation Gomorrha“.
Die Bilder der Zerstörung erinnern an die Grausamkeit, die das nationalsozialistische Deutschland mit seinem Angriff- und Vernichtungskrieg in ganz Europa verbreitete. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass die Flächenbombardements auf die Zivilbevölkerung völkerrechtswidrig, grausam und im Bezug auf die erhoffte Brechung der Massenloyalität zu Hitler das falsche Mittel waren, doch die Lunte war in Deutschland selbst entzündet worden. Die Angriffe deutscher Jagdbomber auf Guernica (1937), Warschau (1939), Coventry und Rotterdamm (1940), London (1941) und weiterer Städte in West- und Osteuropa gingen der Zerstörung Hamburgs 1943 voraus.

Als 10 Jahre zuvor – 1933 – Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit innerhalb weniger Wochen von den nationalsozialistischen Machthabern mit Unterstützung durch weite Teile der Eliten und der Bevölkerung beseitigt wurden, ereignete sich die eigentliche Katastrophe, die die anderen nach sich zog: den Luftkrieg ebenso wie später die Vertreibung und die deutsche Teilung. Auch die Toten, Verletzten und durch die Luftangriffe Ausgebombten fielen letztlich der Aggressionspolitik der Nationalsozialisten, ihrem Weltmachtsanspruch und ihrer Barbarisierung des Krieges zum Opfer.


Hamburg Tropical – bei ungewöhnlichen 35°C

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11 Kommentare to “Hamburg, St. Nikolai”

  1. @NÖF NÖF: Ähem … bei Kulturkurzreisen ist Hamburg schon das beliebteste Inlandziele (laut Hamburg Tourismus.

    @joulupukki: Kurz nach der Ausnüchterung war ich ja schon wieder beim Notting Hill Carnival … 😉

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