Berlin, Rote Rose

Nun komm ich langsam zum Ende meiner Berlin Berichte. Klar, es gäbe noch so viel zu sagen und zu zeigen …

Das jüdische Museum z.B. (ein absolutes Berlin-Muss) war natürlich ungemein beeindruckend. Beste Museumsarchitektur und -konzeption, die ich je gesehen habe. Schräge Böden, schmale Gänge, die 3 Achsen etc. – trägt alles dazu bei, das Unbehagen schier körperlich wahrzunehmen, ganz ohne voyeuristische Ekelhaftigkeiten. Aber zum Berliner jüdischen Museum gibt es ja bereits tausende Artikel…

Meine persönliche Achse ins Exil hingegen läutete stets der abendliche Standardsatz meiner Freundin Cl. ein: „Na, noch Lust auf nen Absacker ums Eck?

Oh, hütet Euch vor diesem Satz! Zuckersüß unschuldig mäandert er in Dein Ohr, leicht wie ein Schmetterling besetzt er die adäquaten Gehirnzentren … und hammerhart sind die Folgen!

Denn was noch schmuddelflauschig im queeren Dunst der Roses Bar beginnt, dolby surrounded in einer Flut rosa Plüschs, und dann gemächlich zum ‚wirklich letzten‘ im Trinkteufel übergeht (JA der Name ist hier Programm und trotzdem ist die Bedienung immer noch auf Zack, selbst wenn ihre Augenringe von 36-Stunden-Schichten erzählen) endet unweigerlich in der Roten Rose.

Die Rote Rose, 24h Kneipe und alteingesessene Institution in Kreuzberg. Hier hat mein Berlin Besuch begonnen und hier soll er auch enden. Aus der Jukebox dudeln Schlager, so schräg, dass selbst ich sie noch nicht kenne. Neben uns saßen zwei Frauen, die eine komplett durch den Wind, wirres Haar und verschwommenes Make-Up lassen Reste eines sonst wahrscheinlich sehr hübschen Gesichtes nur noch erahnen. Zwischen fahrig gerollten Zigaretten und hastigen Schlucken Bier röchelt ein immer wieder kehrendes ‚Und ik habe diese Frau geliiiiebt!‚ aus ihrer Kehle. Ihr Gegenüber hat die Rolle der gutmütig nickenden Freundin. Wir beobachten die Beiden aus den Augenwinkeln, sie amüsieren und dauern uns gleichzeitig.
Ein anderes Irrlicht versucht indes immer wieder mal ein wenig Tabak abzuschnorren. Höchst gewählt trägt Sie ihr Anliegen vor, nur um im nächsten Moment mit gleich hektischen wie eleganten Bewegungen blitzartig den ganzen Tisch umzuräumen und mit ihrem Häubchen manisch zu putzen. Auch sie offenbar mal hängengeblieben, wie eine Platte in der Schlußrille. Auch gut – passt hierher.
Und schon ist unsere Aufmerksamkeit von der nächsten Erscheinung gefesselt: Hereinstolziert kommt eine große schwarze Drag-Queen. Lange wohlgeformte Beine in High Heels ragen aus knappen Hotpants, die weder die festen Backen, noch den strassbesetzten Stringtanga zu verbergen vermögen und wohl auch nicht sollen. Und zwischen Hotpants und süßen Push-Up Brüsten … ein kugelrunder Bauch! Mon Dieu! Es gibt sie, die schwangere Transe! Lasziv tänzelt sie zwischen Barmann, Obdachlosen und dem Rest der männlichen Rosegäste jeglichen Coleurs hin und her. Für Jeden ein kokettes Lächeln oder ein einladendes Augezwinkern.
Ein genüßlicher Anblick, aus dem ich jedoch jäh gerissen werde, als mein Blick wieder zu meiner wirren Nachbarin schweift. Nanu? So grün im Gesicht? Sie wird doch nicht? Wie vom Blitz getroffen spring ich hoch, schiebe die Hängengebliebene zur Seite, um der Wirren Platz zu machen, die wie zu erwarten war wie ein Blitz zur Toilette flitzt. Puh … grad noch geschafft. Die Rosegäste bringt das natürlich nicht aus der Ruhe. Die Hängengebliebene nutzt den Moment, um sich erneut am Tabak zu bedienen (und ich auch. Auf den Schreck hinauf hab ich mir das redlich verdient) und der freigewordene Platz wird sofort von zwei Türken besetzt, die sich eifrig einer Runde Backgammon widmen und immer wieder laut berlinotürkisch fluchen. Bis die Tür sich erneut öffnet und ihre Konzentration kurzfristig von einem Mann unterbrochen wird, der hereinstürzt und kniend und winselnd vor einer Blumenverkäuferin am Boden kriecht, die ihn mit Flüchen überhäuft und mit ihren Rosen auf seinen Kopf eindrischt…

Ja, so gings dahin … ein ganz normaler Abend in der Roten Rose, gelebtes Psychodrama par Excellence!

Rote Rose
Kreuzberg, Adalbertstr. 90
U-Bahn Kottbusser Tor

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9 Kommentare to “Berlin, Rote Rose”

  1. @Cl: Solange Du Dir nicht auch ihren Knackbauch antrainierst ^^

  2. Du duscht doch nicht etwa nackt?

    SKANDAL!

  3. ^^ Mal wieder mit den Browsereinstellungen im Clinch gewesen – editier und lösch wie es dir gefällt (nicht dass ich dich dazu erst auffordern müsste :-P). So, jetzt aber duschen.

    Jou hats gelöscht 😉

  4. Ts – wie kommst du darauf dass ich mir einen Buchstaben aus deiner Feder entgehen lassen könnte?! Ich war übrigens heute endlich wieder Sport machen. Ich will so einen Knackarsch wie die Transe. 😉

  5. Mensch Joulu…jetzt hats meine Kaffeetasse vom Tisch gehoppelt…weil du in Wien so Freundenhüpfer gemacht hast…

    Abwer 🙂

  6. *hüpf*
    *hüpf*
    Cl hats gelesen! ^^
    Ich hab ja fest vor den teuflischen Satz noch öfters aus Deinem Mund zu hören, gelle?

  7. Hat sie nicht. Aber ich freu mich schon auf die Kleinen. 😀 Grandios J – bin schon vom Lesen besoffen!

  8. UN-BE-DINGT! Da musst Du hin! ^^
    Und berichte mir dann, ob die Drag-Queen schon geworfen hat, ok?

  9. Großartig – Atemberaubend – wasn Bericht !
    Berlin – Normalität,leicht hardcore. Und dieses gepflegte Gasthaus willst du mir tatsächlich für meinen (überwiegend dienstlichen) Besuch Ende September ans Herz legen. Also gut, ich werde es wagen…. und mal sehen, was die Kollegen am nächsten Tag im Hauptstadtstudio über die grün-bleiche Gestalt sagen werden, die da in den Konferenzraum reinschleicht.

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