Berlin, Friedhofscafé Finovo

Wer in Schöneberg bei der U-Bahnstation Yorckstraße aussteigt findet den so pittoresken wie ungewöhnlichen evangelischen Friedhof St.-Matthäus. Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt, wurden hier zahlreiche wohlhabende und berühmte BerlinerInnen in Mausoleen bestattet, die selbst den König Mausolos von Karien neidisch gemacht hätten. Die Gebrüder Grimm ruhen hier genauso wie dereinst die Hitlerattentäter vom 20. Juli 1944, bevor ihr Grab von den Nazischergen wieder entweiht wurde (eine Gedenktafel erinnert noch an sie).

Der Sinn fürs Außergewöhnliche hat hier spürbar Tradition, eine Tradition, die auch in der Gegenwart gepflegt wird. Ein neuerer Teil des Friedhofs zeigt moderne und unkonfessionelle Grabstätten, wunderschön phantasievoll nach dem Geschmack des Verstorbenen gestaltet. KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und einige Berliner Schwulen und Lesben liegen hier begraben. Stolz bis in den Tod! So wie das Berliner Enfant Terrible der Schwulenszene Napoleon Seyfarth, der wohl wie kaum ein anderer den Verlauf seiner HIV Krankheit lauthals zelebrierte und dokumentierte. Auf seinem Grabmahl findet sich die schöne Inschrift:

Lebenssatt! Todestrunken!
Lust will Ewigkeit, Tod hat sie!

Seit 2006 glänzt der St. Matthäus Friedhof mit einer weiteren Perle in der Idylle, dem Friedhofscafé Finovo.

Bernd Boßmann, der Gründer des Cafés, wurde in den 80er Jahren als politische Trash-Tunte Ichgola Androgyn in zahlreichen Filmen bekannt. Zum Andenken an seine Freundin Ovo Maltine, einer legendären Berliner Tuntenikone, benannte er das Café. Es ist ein Ort, der inmitten liebevoller Einrichtung und Dekoration keinerlei Pietät entbehrt und Besuchern und Angehörigen Verstorbener die Möglichkeit gibt in Ruhe und Trauer zusammenzufinden. Auch von älteren Damen der Nachbarschaft wird das Café gerne besucht. Alte Damen wissen halt immer, wo es die besten Torten gibt und die gibts hier! Selbstgebacken versteht sich!. Und einem netten Pläuschchen mit Ichgola lässt sich doch auch nicht widerstehen…

Das Friedhofscafé Finovo lädt zum Verweilen im Moment ein. So gings auch uns hier, als wir den ganzen Nachmittag lauschig plaudernd verbrachten und garnicht mehr weg wollten. Danke für diesen wunderbaren Ort!

Café Finovo
Alter St.-Matthäus -Kirchhof
Großgörschenstr. 12–14
10829 Berlin Schöneberg
täglich 9-17 Uhr
http://www.cafe-finovo.de

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2 Kommentare to “Berlin, Friedhofscafé Finovo”

  1. Guter Satz! Der käme dem argentinischen Freund von mir zugute, der aus Prinzip nie auf Beerdigungen geht – mit der etwas unorthodoxen Begründung: „Ne, der kommt ja auch nicht auf meine!

  2. Was für ein schöner Platz und was für ein lebensfroher Umgang mit dem Sterben.

    Da fallen mir Zeilen von Weissnichtmehrwem ein, der/die sich drüber mokiert, dass alle Gräber so schön und blitzblank hergerichtet sind. Es endet ungefähr so: „Lass mein Grab verwildern – und schenk mir die Blumen zu Lebzeiten“

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