Mentalitäten & more

Morgen gehts los! Zur Einstimmung lese ich bei Dietrich Schwanitz nach, was er zur deutschen und österreichischen Mentalität so zu sagen hat:

Deutschland von Außen gesehen

(Auszug aus ‚Bildung‘ von Dietrich Schwanitz, 1999)

Würde man eine amerikanische Werbeagentur befragen, würde sie uns mitteilen: Deutschland hat gewissermaßen ein Image-Problem. Aber das hat es nicht erst seit der Herrschaft jenes Adolf, der dem Komiker Chaplin so ähnlich sah. Auch vorher war die Selbstvermarktung der Deutschen eher miserabel. Zu Zeiten Shakespeares galten sie als Trunkenbolde, die ihre Bäuche mit Bier und die Luft mit wüsten Gesängen füllten. Ungefähr zur Goethezeit entdeckte die Welt die deutsche Literatur, die deutschen Universitäten und die deutsche Gelehrsamkeit; jetzt entwickelte sich das liebenswerteste Bild, das man sich von den Deutschen je gemacht hat: in den Mittelpunkt rückte der versponnene Gelehrte, der in einer Provinzuniversität weltfremden Spekulationen nachhängt und eigenwillige metaphysische Systeme von origineller Unverständlichkeit entwirft, ein skurriler, aber uneigennütziger Wahrheitssucher mit einer Neigung zu den Dunkelzonen des menschlichen Geistes. Und einer der späteren Ableger dieses Typs wurde, unterstützt von der Popularität der Faustfigur, das Klischee vom „mad scientist“, der immer ein Deutscher zu sein hatte. Typisch etwa Mary Shelleys Frankenstein oder Carlyles Professor Teufelsdröckh aus Sartor Resartus.
Dieses Image änderte sich noch einmal radikal mit der deutschen Reichsgründung durch Preußen und dem säbelrasselnden Auftreten Wilhelms II. vor dem Ersten Weltkrieg. Nun wurde der Deutsche zum schnarrenden Monokelträger, ein bedrohlicher Maschinenmensch, uniformiert, hackenschlagend und pickelhaubenbehelmt, dem durch militärischen Drill alle normalen Regungen ausgetrieben worden waren und der die menschliche Sprache auf Kommandos und verbale Maschinengewehrsalven reduziert hatte. Die Massenpropaganda während des Krieges trug viel dazu bei, dieses Bild zu verbreiten und zu festigen, und als die Nazis an die Macht kamen, schien es durch seine Übersteigerung bestätigt zu werden.
Dabei fügten die Nazis ihm etwas Dämonisches hinzu, eine gehörige Prise Wahnsinn, die sich in der Kontrastierung von kältester Grausamkeit und sensibelster Musikalität zeigte. In dieser Form wurde der typische Deutsche als sentimentaler SS-Mann, der abwechselnd Wagner hört und Leute abschlachtet, zur Standardfigur des amerikanischen Kriegsfilms.1

Natürlich weiß ein kultivierter Ausländer, dass das Klischeebilder sind. Aber andere Bilder hat er kaum zur Verfügung. Dabei sind drei Ingredienzen in dieser Image-Tradition mit Bezug auf die Deutschen konstant geblieben: der Hang zum Irrsinn, das Provinziell Ungeschliffene und das Grobianisch-Machistische, das zur Zeit Wilhelm II. die Form des Militärischen annimmt.
Das erinnert daran, dass in Deutschland der Hof und die hauptstädtische Gesellschaft als tonangebende Society gefehlt haben, die anderswo die Umgangsformen, die Geselligkeit und die Manieren geprägt haben. Und das Charakteristische an dieser höfischen und urbanen Gesellschaft war in allen Ländern, dass sie gemischt war. In ihr begegneten sich ‚gleichberechtigt‘ Männer und Frauen. Der Standard der Zivilisation maß sich immer daran, wie zuvorkommend und rücksichtsvoll Frauen behandelt wurden.

In Deutschland dagegen, und besonders in Preußen, gab es 2 stilprägende Milieus, die beide frauenlos waren: das Militär und die Universität. Daraus entwickelten sich 2 machistische Milieustile, die nach der Reichseinigung auf die bürgerliche Verhaltenskultur durchschlugen: der militärische Kommandoton des Reserveoffiziers und die Gespreiztheit und Pomposität des deutschen Professors. Beide sind in der antiautoritären Gesellschaft untergegangen.
Soweit der Sozialcharakter der Deutschen sich bis 1968 an einer Form männlicher Selbsstilisierung orientiert hat, entspringt der Feminismus diesem Nachholbedarf an Zivilisiertheit: Mit einer gewissen deutschen Strenge unterwirft er die Männer einer „Erziehung des Herzens“ und bringt ihnen bei, dass der Anspruch einer Gesellschaft an Kultiviertheit daran gemessen wird, wie weit die Spielformen der Gesellschaft – die Umgangsformen – die wechselseitige Kommunikation für beide Geschlechter zu einem Vergnügen machen. Und darin haben die Frauen völlig recht, dass hier noch Raum für weitere Vervollkommnung ist.

Daraus leitet sich die wichtigste Konsequenz im Umgang mit Bürgern unserer westlichen Nachbarländer ab: im Vergleich zu ihren Gesellschaften sind die guten Manieren bei uns noch im Zustand der jugendlichen Unreife, seien sie nun knorrig-provinziell mit einer Beimischung rauher Herzlichkeit oder protestantisch-authentisch mit einem Beigeschmack moralisch imprägnierter, als Ehrlichkeit getarnter Grobheit; auf jeden Fall sind sie nicht das, was man als urban, elegant und liebenswürdig bezeichnen würde.
Die Spielformen des Sozialen und die Tugenden wie Witz, Cahrme, Takt, Esprit, Eleganz sowie alle Künste geistreicher Konversation sind bei uns erst dabei entwickelt zu werden, und so leisten die Feministinnen Schwerstarbeit im Weinberg der Zivilisation. Aber bis die Arbeit vollendet ist, kann Deutschland sich für kultivierte Ausländer manchmal als Land erweisen, dessen Charme sich nicht auf Anhieb erschließt. Und so kann es vorkommen, dass ein kultivierter Franzose oder Italiener die Deutschen eher als Westgoten mit Handy erlebt. Da er nicht weiß, dass das ganze Land so ist, bezieht er den Mangel an Manieren auf sich persönlich und zieht schnell das Weite.

Deshalb gilt Regel Numemr 1: Erhöhe im Umgang mit Ausländern die Dosierung vn Liebenswürdigkeit in deinem Verhalten um das Vielfache bis zu dem Punkt, an dem Du es für wahnsinnig übertrieben hältst. Erst dann findet Dein Gesprächspartner es normal.

Österreich aus deutschem Blickwinkel

(Auszug aus ‚Bildung‘ von Dietrich Schwanitz, 1999)

Die Österreicher haben ein handfestes Identitätsproblem, das fast so groß ist, wie unser eigenes: denn sie sind praktisch Deutsche. Es fehlt wirklich nicht viel. Sie sind es immer gewesen – jedenfalls bis 1870 -, dann wollten sie es 1918 selber werden, haben es 1938 mit Hilfe ihres Landsmanns Adolf Hitler tatsächlich geschafft, und erst 1945 entdeckten sie, daß sie Österreicher waren und mit den Deutschen kaum je etwas zu tun gehabt hatten.

Solch ein Bewußtsein kränkt naturgemäß an Brüchen und Widersprüchen: Schließlich muß man damit leugnen, daß die Habsburger so lange deutsche (genauer gesagt: römische) Kaiser waren, dass die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen Wien war – wenn man überhaupt von Hauptstadt reden kann – und dass bis zum Ende des 2. Weltkrieges niemand auf den Gedanken gekommen wäre, in den Österreichern etwas anderes zu sehen als eine besondere Art von Deutschen. Darin unterscheiden sie sich aber nicht von anderen Deutschen , weil aufgrund der langen politischen Zersplitterung des Reiches alle eine besondere Art von Deutschen geworden waren – die Bayern, die Preußen, die Rheinländer, die Schwaben, die Hanseaten etc.
Nach 1945 erst kam die Scheidung. Österreich wollte für die Schandtaten nicht in Haftung genommen werden und büßen. Deshalb stilisierte man sich als erstes Opfer der Deutschen, das 1938, im sogenannten „Anschluß“, von einem brutalen Gegner besetzt und vergewaltigt worden war. Diese Selbststilisierung ist zwar historisch falsch – in Wirklichkeit wurde die besetzung bejubelt, und die antisemitischen Ausschreitungen waren sowohl besonders kraß als auch populär -, aber sie ist verständlich und bedeutet im Grunde, dass man sich geniert.
Aus diesem Grunde hat in Österreich eine „Vergangenheitsbewältigung“ im deutschen Sinne nicht stattgefunden. Damit hat es auch die „antiautoritäre Bewegung“ nicht gegeben.

Nun war Österreich von allen deutschen Ländern das Einzige, das mit seinem imperialen Hof und seiner Hauptstadt Wien so etwas ausgebildet hatte wie eine „gute Gesellschaft“ mit aristokratisch eingefärbten Manieren. Zugleich hat Österreich im Gegensatz zum Rest Deutschlands die nationale Bewegung während der Befreiungskriege gegen Napoleon nicht mitgemacht und wurde deshalb, in seinem Selbstverständnis, auch nicht so anti-französisch. Und in den 70er Jahren hat es auch die „anti-autoritäre“ Bewegung nicht mitgemacht, die auf den Nationalsozialismus mit einer Kulturrevolution reagierte.

Das Ergebnis ist, dass in Österreich die Manieren zivilisierter geblieben sind: Man ist wesentlich liebenswürdiger als bei uns, zugleich hat man sich einige Obsessionen und neurotische Fixierungen erspart – und das mit einer Anpassung der historischen Erinnerung an die gegenwärtigen Bedürfnisse bezahlt. Kurzum, man ist der Theorie des großen Landsmanns Freud gefolgt und hat kräftig verdrängt, mit sehr ermutigenden Ergebnissen. Allerdings konnte man es sich auch leisten: Wenn man wissen wollte, was man verdrängte, brauchte man nur üer die Grenze nach Norden zu schauen, um zu sehen, wie der große Bruder von seinen Alpträumen in den Wahnsinn getrieben wurde.

Für den Umgang mit Verwandten kann man nur eine Empfehlung geben: Wenn man sich mit ihnen streiten will, soll man sie als Verwandte behandeln; wenn man gut mit ihnen auskommen möchte, sollte man sie gemäß den Höflichkeitsregeln behandeln, die unter zivilisierten Fremden gelten.
Nur eins sollte man nicht tun: die Österreicher als eine Art komischer Vorstufe zum vollentwickelten Deutschen behandeln, so als ob sie es bei der Evolution zum Vollzeitdeutschen nicht ganz geschafft und auf einer Ötztaler Entwicklungsstufe stehengeblieben wären. Trotz des Dialekts sehen sich die wenigsten Österreicher als professionelle Komiker, und sie empfinden es als Herablassung, wenn man sie in diesem Licht wahrnimmt.

2007er Fischer Weltalmanach Zahlenbäder:

Deutschland
Österreich
Fläche
357.030 km²
83.871 km²
Einwohner
82,5 Mio. (231/km²)
88% Städter
8,1 Mio. (97/km²)
66% Städter
Amtssprache
Deutsch
Deutsch, Slowenisch (reg.), Kroatisch (reg.), Ungarisch (reg.)
Bruttonational-
einkommen/EW
30690$
32300$
Landesstruktur
16 Bundesländer
9 Bundesländer
Hauptstädte
Berlin
891km²
3,3 Mio. EW (3799/km²)
davon ohne dt. Staatsbürgerschaft: 13,7%
Wien
415km²
1,6 Mio. EW (3919/km²)
davon ohne öst. Staatsbürgerschaft: 18%
Arbeitslosigkeit (2005)
11,7%
5,2%
Inflation (2005)
2,0%
2,3%
Religion
2003:
Röm. Kath: 32%
Evang. 31%
Islam 4%
Orthodoxe 1%
2001:
Röm. Kath: 73,6%
Evang. 4,7%
Islam 4,2%
Energie:
Erneuerbar: 14,2%
3,4% Wasser
6,4% Wind
3,9% Biomasse
17 AKW’s
Erneuerbar: 66,2%
58,3% Wasser
2,7% Wind
5,2% Biomasse
0 AKW’s
CO2 Emmission
/ Kopf
in t. (2002):
10,3
7,9
Bildungsausg.
in % BIP (2004):
4,8
5,7
Gesundheitsausg.
in % BIP (2003):
11,1
7,5

Gut, das wäre geklärt, dann kann ich ja jetzt schön langsam beginnen meinen Rucksack zu packen… ^^

Advertisements

4 Kommentare to “Mentalitäten & more”

  1. Ja, da freu ich mich drauf! Und vergiss ja Deine Pickelhaube nicht, mein Weltbild soll ja nicht schon beim ersten Zusammentreffen über den haufen geworfen werden ;o))

    Aber jetzt: 3 – 2 – 1 … ich verlasse meinen Arbeitsplatz für die nächsten 2 Wochen. Jucheeee!

  2. Wunderbar!
    (klatscht mit)

    Wir werden über unser gegenseitiges Bild nächste Woche mal diskutieren 😉

  3. Dank Herrn Schwanitz und dem Fischer Weltalmanach wohlgemerkt. Will mich ja nicht mit fremden Lorbeeren schmücken ;o)

  4. (steht applaudierend auf)

    Ganz groß! Toller Artikel – saugut!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: