Strandbad Gänsehäufel

Das Strandbad Gänsehäufel, eine Insel zwischen Kaiserwasser und der Alten Donau, ist für mich und einer Vielzahl WienerInnen voll der süßesten Kindheitserinnerungen. In Gedanken schmecke ich noch das Jolly auf der Zunge und sehe meine Fingerkuppen, die nach Stunden um Stunden im grünen Donauwasser aussehen wie kleine Barbiepuppenhirne. Ich spüre meine Zähne im Staccato zwischen blauen Lippen klappern und höre noch immer die Badewaschl pfeifen, vor denen ich als Kind immer ein bisserl Angst hatte, weil sie so schrecklich brüllen konnten. Die Luft roch nach Sonnencreme und Knackwurstsalat und die Tage waren angefüllt mit Herumtoben, Lachen und Weinen, Sachensuchen im Schilf, Schwäne und Enten füttern (oder jagen – je nach Tagesverfassung) und Wetttauchen mit anderen Kindern. An solchen Tagen kam man am Abend nach Hause, todmüde und vollkommen fertig und doch bis zum Nasenspitzel voller Leichtigkeit und trunkener Glückseligkeit …

Gänsehäufel 1916 - © Wien Museum

Schwimmen an der Leine, Gänsehäufel 1916 – © Wien Museum

Und auch heute gehe ich noch gerne ins Gänsehäufel. Am Wochenende oder einfach nach der Arbeit, um den Tag ausklingen zu lassen. Das Areal mit seinen 270.000 m2 fasst rund 30.000 Besucher und doch ist die Insel so weitläufig und verzweigt, dass sich die Massen selbst an den heißesten Sommertagen gut verstreuen. Es gibt Tennis- und Volleyball Plätze, einen Fußballplatz, Tischtennistische, Trampoline, einen Minigolfplatz, Freiluft Schach und Mühle, Boccia und Street-Basketball sowie ein reiches Kinderangebot vom Piratenschiffspielplatz bis zu Kasperltheater und Hüpfburgen, Wellen-, Sport- und Kinderbecken, einen großen FKK-Bereich für die ganze Familie, 5000m² natürliches Biotop und und und.

Gänsehäufel Umkleidekabinen 1950 - (c) Wien Museum
Umkleidebaninentürme im Gänsehäufel, 1950 – © Wien Museum

Das Bad wurde nach schweren Bombentreffern im zweiten Weltkrieg im architektonischen Stil der 50er Jahre von Max Fellerer und Eugen Wörle neu aufgebaut und steht seit den 90er Jahren unter Denkmalschutz. Besonders prägnant ist der Uhrturm um den sich eine Wendeltreppe rankt. Rauf darf man da aber leider nicht – zu schade.
Am Weg zum Ost-, West- oder Südstrand kommt man an kleinen Schrebergartenhäuschen vorbei, die die Jahresmieter wunderbar ausschmücken. Da darf auch der Gartenzwerg und die Plastik-Hawaii-Palme nicht fehlen, schließlich will Herr Travnicek und Frau Pospisil sich in ihrem Zweitwohnsitz fühlen, wie der Duce am Lido. Städtische Urlaubsidylle trifft Sozialstudie – Es ist eine wahre Freude! Nicht umsonst sang Reinhard Fendrich schon in den 80er Jahren “I steh aufs Gänsehäufel, auf Italien pfeif i

Gänsehäufel, Florian Berndl
Florian Berndl, Ausstellungsstele vorm Gänsehäufl

Doch die Geschichte des Gänsehäufels beginnt bereits lange vor den 50er Jahren, nämlich im Jahr 1900, als der legendäre Florian Berndl – ein Non-Konformist und Querdenker erster Güte, ein wahrer Jahrhundertwendehippie – die Schotteranhäufung der Insel von der Niederösterreichischen Donauregulierungskommission pachtete. Offiziell wollte er hier Edelweiden kultivieren. Inoffiziell jedoch gründete er inmitten der sittenstrengen gutbürgerlichen Wiener Gesellschaft ein “Körperpflegeheim”. Dazu diente eine Strohhütte und ein alter Tramwaywagen als Umkleidekabinen. Berndls eigenes Massage- und Körperertüchtigungsprogramm zog rasch neugierige BürgerInnen an, die mutig der strengen Moral der Zeit trotzten und sich den Bade- und Strandkuren hingaben. Derartige leichtbekleidete geschlechtliche Vermischungen verbreiteten natürlich auch ein dementsprechend erotisches Flair – sehr zum Missfallen der Sittlichkeitswächter – doch der Naturapostelboom war bereits im vollen Gange.

Postkarte Strandbad Gänsehäufel 1910 © Wien Museum
Postkarte “Strandbad Gänsehäufel. Familienbad”, um 1910
© Wien Museum

Der Kampf der Beamtenschaft gegen Florian Berndl ging schlussendlich doch zu ihren Gunsten aus: Die gastronomische Verpflegung der Gäste überführten Berndl als unkonzessionierten ‘Gastgewerbetreibenden’. Und Aus die Maus.
Hurtig kaufte die Stadt Wien nun ihrerseits die gesamte Insel und machte sich selbst zum Strandbadbetreiber. Im gleichen Jahr der Einführung des allgemeinen Wahlrechts in Österreich – 1907 – eröffnete die Stadtverwaltung das ‘Strandbad der Commune Wien am Gänsehäufel’ und somit das erste städtische Sommerbad Europas – mit getrennten Frauen- und Männereingängen versteht sich! Florian Berndl durfte jedoch als domestizierter Oberbademeister bleiben.

Strandkabinen Gänsehäufel, 1910 © Wien Museum
Strandkabinen im Gänsehäufel, um 1910 – © Wien Museum

Strandbad Gänsehäufel

Moissigasse 21, 1220 Wien

Öffnungszeiten:

Sommersaison 2008: 2. Mai bis 14. September

Kassaschluss: Eine Stunde vor Betriebsschluss
Badeschluss: Eine halbe Stunde vor Betriebsschluss

2. Mai bis 16. Mai 2008
Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr
Samstag und Sonntag von 8 bis 19 Uhr

17. Mai bis 24. August 2008
Montag bis Freitag von 9 bis 20 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertage von 8 bis 20 Uhr

25. August bis 14. September 2008
Montag bis Freitag von 9 bis 19 Uhr
Samstag und Sonntag von 8 bis 19 Uhr

Bei Schlechtwetter kann der Badeschluss vorverlegt werden.

Tel: +43 1 2699016-0

www.gaensehaeufel.at

Ein Artikel aus dem Joulupukki Qype Archiv

16 Responses to “Strandbad Gänsehäufel”

  1. Ich werde mich bemühen, lieber Ken. Aber neue Artikel gibts erst Mitte nächster Woche, bis dahin bin ich rundum ausgebucht ^^

  2. Mein Gott seid Ihr in Wien phantasiemäßig was von versaut ! Da kommt ja unsereiner hinterm Semmering schon gar nicht mehr mit ! Is eh die Realität schon schlimm genug !

    Bitte wieder so schöne Geschichten wie die vom Gänsehäufl ! Bitte !

  3. Nüsch da! So viel Realitätsnähe erträgt mein kindliches Gemüt nicht.
    Wo kommen wir denn da hin?
    Demnächst kommen dann vielleicht noch Obdachlosen Barbies auf den Markt (mit kleinen Plastikläusen) oder Contagan Barbies mit kleinen Ärmchen? Dann hätten wir noch die Alk-Barbie im Angebot mit der roten Säufernase und die Junkie-Barbie mit der kleinen Plastikspritze in der linken und dem Löffel in der rechten Hand (dazu gibts in der Sonderausstattung noch eine hübsche Bahnhofstoilette), Somnabene Barbies mit blauen Lippen, weichen Knien und Schlafzimmerblick, Junkfood Barbies mit dem pikanten NabelzwischenTitten Detail und jetzt BRANDNEU: Der Krocha Ken!

    tz tz tz – ne, ne so gehts nicht!

  4. Nein nicht monogam ! Monobarbie !

  5. Wie jetzt? Ken ist nicht monogam? Herrjeh, ich spüre meine letzten Kindheitsillusionen zerbröseln…

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