Gut gebrüllt, Löwe!

Ich bin gestern beim good-night-zappen in die Rede des ehemaligen Deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt zur OSGAR Verleihung der BILD Zeitung gestolpert und war beeindruckt von der Eloquenz und der Ausstrahlung, die dieser Mann in seinem hohen Alter immer noch verbreitet.
Ich muss dazu sagen, dass ich als Österreicherin die Aera Schmidt, wenn überhaupt, nur sehr am Rande erlebt habe. Ich kenne seine Geschichte und sein politisches Wirken also nur mangelhaft und kann seine Worte auch nicht an seinen Taten messen (die Meinung der nördlichen Nachbarn würde mich dazu natürlich besonders interessieren).
Jedenfalls hat mich seine Rede bewegt.

Schmunzeln ließ mich dabei die diplomatische Raffinesse…

Der BILD-Zeitung möchte ich danken für den heutigen Abend und für den Preis. Ich sehe mir täglich die Seiten 1 und 2 der BILD-Zeitung an, um zu verfolgen, wie Sie, lieber Herr Diekmann, die Stimmen aus dem Volke als öffentliche Meinung interpretieren.

Gefallen hat mir seine Berufsauffassung…

Als Politiker und später als Herausgeber habe ich immer an die moralische Unverzichtbarkeit des wohlbegründeten Arguments geglaubt. Gleich ob als Rede oder Gegenrede vorgetragen oder ob gedruckt vorgelegt: Es ist immer das eigene Urteil, auf das es ankommt.

Und die klare Einstellung zu Konflikten…

Die unausweichliche Tatsache, dass wir immer weniger junge Leute und immer mehr Alte haben, verlangt realistischen Sachverstand! Und sie verlangt Mut!
Darüber wird es immer auch Streit und Auseinandersetzungen geben müssen und von Zeit zu Zeit auch Regierungswechsel. Denn Demokratie ist kein feststehender Zustand, sondern ein streitiger Prozess.

Und mit dem letzten Absatz seiner Rede hat er mir dann schlußendlich aus dem Herzen gesprochen…

Zum Schluss: Ob wir für BILD arbeiten oder für die ZEIT, ob wir nun Christdemokraten sind oder Liberale, ob Grüne oder Linke oder Sozialdemokraten, für jedermann gilt: Das gemeinsame öffentliche Wohl muss vorgehen vor dem Wohl der eigenen Zeitung oder der eigenen Partei – vor dem Wohl der Wähler oder der eigenen Aktionäre, vor dem Wohl der eigenen Bank oder der eigenen Gewerkschaft oder der eigenen Branche.

Jede Mehrung des eigenen Wohlstands ist eine schöne Sache. Auch jeder Beifall für einen eigenen Erfolg oder für eine eigene Leistung – das sind alles erfreuliche Dinge. Aber schon vor 2000 Jahren haben die alten Römer gewusst: Das gemeinsame öffentliche Wohl muss die oberste Richtlinie bleiben.

Diese Aussage hat mich an Arno Geigers „Es geht uns gut“ erinnert. Der Roman schildert eine österreichische Familiengeschichte über drei Generationen von den 30er Jahren bis 2001 anhand von einzelnen Tagen im Leben der Protagonisten. Sehr schlicht und undramatisch wird in der Spiegelung der Einzelschicksale Geschichte erzählt.
Z.B. in der Beschreibung des Großvaters, der die Staatsvertragsunterzeichnung als Minister erlebt und am Ende seiner politischen Karriere darüber siniert, wie Politik in dieser sehr jungen Republik im Schatten des Wiederaufbaues noch vom parteiübergreifenden Miteinander geprägt war. Ein Selbstverständnis, in dem auch Vorschläge von politischen Gegnern aufgegriffen und weiterentwickelt wurden und der gegenseitige Respekt stärker war, als Graben- und Machtkämpfe.

Diesen Geist würde ich im Heute gerne wiederfinden. Würde gerne sehen, dass miteinander, statt gegeneinander und zum Wohle der Gesellschaft, nicht der Wirtschaft gearbeitet wird.
Dabei darf und muss es natürlich hitzige Diskussionen geben, aber nicht per se. Wenn Vorschläge und Pläne mit der einzigen Begründung zunichte gemacht werden, dass sie von gegnerischen Parteien kommen, können doch nur alle verlieren.
Ist das wirklich so schwer?

Gesamte Rede Schmidts im Wortlaut (bild.de)

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4 Responses to “Gut gebrüllt, Löwe!”

  1. Damn, und wer bringt das Beispiel der Schmidt Rede im heutigen Hohen Haus? Der Wolfgang Schüssel. Das ich mit dem nochmal einer Meinung sein werde, hätt ich mir auch nicht gedacht…

  2. Ja, genau die Tatsache, dass er eine Dankesrede zu einem erhaltenen BILD-Preis hält, in die er fein verpackt einige Seitenhiebe und Denkanstösse wickelt – also ohne Gesichtsverlust, aber auch ohne den Preisverleiher allzu plump bloßzustellen – war doch ein ziemlicher Spagat. Ganz schön sportlich für einen 90 jährigen!
    Bleibt zu hoffen, dass Hr. Diekmann die Denkanstöße auch umzusetzen weiß und dazu gewillt ist.
    Doch ich fürchte … Nein!

  3. das dieses Mammut Deutscher Politikgeschichte, (auf den heute noch sehr viele hören), die Übergabe eines solchen Preises nutzt um „was zu sagen“. Hut ab, das nennt man „Fremdenfreundlich“, der redet sogar mit Bildredakteuren.

    Als er damals Bundeskanzler war, waren sogar die CDU Politiker von ihm begeistert, und so mancher sagte „Schade der ist in der falschen Partei“. Nicht das er so sehr am rechten Flügel der SPD war, nein das was der so sagte und tat, war einfach für alle einleuchtend gut.

    Aus meiner Sicht war es der beste Kanzler den wir je hatten. Vollkommen Integer, nicht so machtbesessen. Ein Mensch der es sich getraut hat, gegen seine eigenen Parteigenossen anzustinken, und dabei diese am Ende noch zu überzeugen. Es ist ja nicht sos chwer gute Idee zu haben :-), das schwere ist es, sie „der Masse“ zu verkaufen.

    Mir ist bis heute kein anderer so Volksnaher Politiker bekannt, der es so weit geschafft hat, und dabei so gradlinig geblieben wäre.

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