Das Arbeitsbuch meiner Großmutter

Ich hatte einmal 3 Großmütter, alle 3 grundverschieden. Die Übelste von ihnen, eine Furie der Extraklasse oder wie man bei uns sagt „a rechte Bißgurn“, starb als Erste. Da war ich noch klein. Die Zweite, eine wunderbar gütige, liebe- und humorvolle Frau verließ die Welt vor ein paar Jahren (und lebt in mir trotzdem ewig weiter … *hoch schau und ihr zuzwinker*) und die Dritte, … aus der ich nicht so recht schlau werde, die gibts noch. Im Grunde ein netter Kerl, doch bemüht sie sich redlich diesen hinter leidenden und mürrischen Gebärden zu verstecken. Unsere rituelle Begrüßungsformel lautet:

„Wie gehts Dir, Oma?“
„Na … MUSS gehen!“

Sonst unterhält sie sich, wenn überhaupt, am liebsten im Krone-Headline Stil. Mein Vater beherrscht diese Kommunikationsform nebstbei auch ganz gut und so sitzen sie bei Tisch und schieben Unterhaltungen … na eben, als würden sie sich die Kronen oder BILD-Zeitungs-Headlines der letzten 2 Monate vorlesen. Wenns ganz übel wird, steh ich auf und geh im Garten Unkraut jäten (zumindest ein Übel, das man bei der Wurzel packen kann). Das ist im Laufe der Jahre irgendwie zu unserem stillschweigenden Übereinkommen geworden das Thema zu wechseln, bevor die Fetzen fliegen.

Kürzlich jedoch zeigte sich meine Großmutter einmal von einer anderen Seite. Sie wurde richtig mitteilsam, begann geschäftig von der Familie zu erzählen, von ihren Eltern, die ein Milchgeschäft in der Kochstraße im 8. Bezirk hatten, von der Zeit im Krieg, als die Menschen mit den Bezugsscheinen Schlange standen vor ihrem Laden und in der Kochstraße ein erschossener Gaul lag, der in der Not … nun ja, auch ‚verwendet‘ wurde.
Sie packte alte Dokumente aus, den Ariernachweis und ihr Arbeitsbuch. Ein dunkelbraunes Büchlein mit großem Reichsadler auf festem Kartonumschlag, das Hitler in Deutschland bereits 1935 einführte und mit dem Anschluß auch zu uns kam. In dieses Buch musste jede Beschäftigung eingetragen werden, wodurch Staat und Wirtschaft permanente Kontrolle über den Arbeitnehmer hatte. So wurden Arbeitnehmer z.B. an einem Anstellungswechsel gehindert, indem der Arbeitgeber das Arbeitsbuch einfach zurückhielt.

Das Arbeitsbuch meiner Großmutter war für mich jedenfalls eine höchst spannende Lektüre, die auch einige Rätsel aufgab. Bisher war ich zum Beispiel der Meinung, die Aufarbeitung dieser Zeit war in Österreich eher … mangelhaft. Nun frag ich mich jedoch, ob es so etwas wie Aufarbeitung überhaupt in irgendeiner Form gegeben hat.

Die offiziellen Einträge der Arbeitgeber in diesem makaberen Büchlein, darunter 1938 das ostmärkische Filmtheater, heutiges Apollo-Kino, reichen nämlich bis ins Jahre 1956, da war der Ruf „Österreich ist frei“ schon lange verhallt. Darunter auch das Wiener Landesgericht, also eine öffentliche Stelle, die sich auch nicht scheute ihr Siegel auf das Hakenkreuz zu setzen, lange nachdem die Hitler-Diktatur beendet war.


Und meine Großmutter führte ihre Eintragungen sogar noch bis 1967 munter weiter… Was mag in Ihrem Kopf vorgegangen sein? Unwissenheit? Überzeugung? Naivität? Das ist leider schwer aus ihr herauszubekommen. Auf Fragen wie „Erzähl mal, wo warst Du am Tag des Anschlußes?“ gibt sie ausweichende Antworten oder „kann sich nicht mehr erinnern„. Schade. Für Politik hätte sie sich ja nie interessiert… Aber wenn sie sich damals nicht dafür interessiert hat, wie kann sie das alles erlebt haben und die hetzerischsten Zeitungen von heute noch immer so unreflektiert wiederkäuen? Wenn sie erlebt hat, wie ganze Völker verhetzt und betrogen wurden, wie kann sie noch auch nur einem gedruckten Wort Glauben schenken, ohne zu hinterfragen? Wenn ich sie das frage, sieht sie mich entgeistert an und sagt dann in meiner Abwesenheit zu meiner Schwester „Die J. ist aber schon komisch, gell?“ Dabei will ich sie überhaupt nicht angreifen, nicht kritisieren. Wie käme ich auch dazu, schließlich kann niemand sagen, was man selbst in der Zeit getan hätte, wenn mans nicht erlebt hat. Ich wills nur verstehen. Das ist alles…

Aber abseits der Familiengeschichte gibt das Arbeitsbuch meiner Großmutter noch andere Rätsel auf. So gibt es am Ende des Buches eine eingeklebte Zusatzanmerkung, datiert mit Januar 1939 und gezeichnet mit „Der Reichsarbeitsminister Zweigstelle Österreich“. Österreich? Durfte der Reichsarbeitsminister das Altreich, die Ostmark, denn überhaupt so nennen? Da werde einer aus den Nazis schlau… Na, vielleicht findet sich ja unter den Blog-Lesern hier ein/e HistorikerIn, der/die mich aufklären kann. Würde mich wirklich brennend interessieren!

Außerdem drehen sich die Anweisungen zur Handhabung dieses Dokumentes im Anhang unerklärlicherweise häufig um Schiffe und Kapitäne und Binnenschifffahrt usw. Man möchte den Eindruck erhalten die halbe deutschsprachige Bevölkerung lebte in U-Booten… Was es damit wohl auf sich hat?

Aber am besten gefällt mir aus heutiger Sicht Punkt 11. der Zusatzbestimmungen:
In Todesfällen ist das Arbeitsbuch durch die Angehörigen dem Arbeitsamt zurückzugeben.
Ich seh mich schon (gottbewahre, hoffentlich in ferner Zukunft) vorm AMS stehen und zum Schalterbeamten sagen „Tschuidens, aber da steht, ich soll das hier abgeben.“ …

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25 Kommentare to “Das Arbeitsbuch meiner Großmutter”

  1. Dieser Beitrag paßt auch genau zu den Geschehnissen der letzten Tage (Haider Unfalltod)! Da hat auch so mancher Journalist (vom „Normal“bürger gar nicht zu sprechen) schon verdrängt, für was Jörg Haider wirklich gestanden ist !

    @joulu
    Zitat: „Wann wurde eigentlich das Wiederbetätigungsgesetz eingeführt?“

    Da kann ich helfen ! Ich glaube mich zu erinnern, daß man sich seit den Siebzigern wiederbetätigen darf !

  2. Jou,

    ich finde es ja auch nicht wirklich gut, dass Verdrängung passiert, wenn sie passiert. Und ja: Verdrängung lähmt! Andererseits kann sie auch rettende Funktion haben, sonst hätte sie sich in der Evolution nicht durchgesetzt.
    Es braucht wohl komplexere Prozesse, um einerseits Schutzmechanismen auszuhebeln, ohne aber andererseits zum Zusammenbruch zu führen.

    Deshalb finde ich es einen guten Weg von dir, Oma mal erzählen zu lassen, wie sie früher gelebt hat und interessiert zu sein. So kann m. E. peu à peu Erinnerung zugelassen werden und Schritt für Schritt Verarbeitung passieren.

    Du wohnst zwar in „Freudhausen“, aber vielleicht braucht es hier einen ganz anderen Ansatz. Leider bin ich keine ausgebildete Psychoteuse, deshalb ist dies ein Rat, der in der Tat mit „raten“ zu tun hat.

  3. Huhu, das mit dem Newsletter funktionuckelt immer noch net :-(( . Nu habe ich schon begriffen dass da auch ne Bestätigungsmail kommt (die im Spamordner landet), und habe die auch zurückgesandt, aber nix mit Mail. Schneuz

    interessante Arbeit auch zu dem Thema Mythos Autobahn/Hitler
    http://www.uni-giessen.de/~gg1042/forschung/download/Reichsautobahn.pdf

  4. Meine mutige Jou, pass auf Dich auf!

  5. @buchstäblich: Das wäre natürlich eine Möglichkeit. Eine schlechte halt… Mit Verdrängung wird man das Vergangene ja doch nie los und drängts nur nach innen, wo es schwelt und langsam vergiftet.

    @gargano: auf die zeithistorischen Fakten bin ich gespannt. Gerade zur Schiffs- und Österreich vs. Ostmark Frage. Und dann würde mich noch interessieren, wann dieses Arbeitsbuch denn eigentlich offiziell abgeschafft wurde. Wann wurde eigentlich das Wiederbetätigungsgesetz eingeführt?
    Hach … Fragen über Fragen.

    @Zorro: Ja, dass der Muttertag immer noch gefeiert wird, finde ich jedes Jahr aufs Neue makaber. Aber, hm, die Autobahnen wurden ja auch nicht abgerissen. (<= natürlich nicht ernst gemeint) Weiß schon, dass der „der Hitler hat uns die Autobahn gebracht“ ein übler Mythos ist. Irgendwo hab ich sogar mal gelesen, dass die NSDAP gegen die Köln-Bonn Autobahn 1929 gestimmt hat ^^

  6. Bei deiner Oma scheint zu greifen, was beim Rest der Menschheit auch und immer wieder greift: Verdrängung. Weil man es sonst nicht aushalten würde.

  7. @jou: großartige Spurensuche, Respekt, Verbeugung, Hochachtung.

    Wenn ich die nächsten Tage mal mehr Luft habe, liefere ich noch einige zeithistorische Fakten oder Interpretationen dazu

    @zorro:irgendwie schaffst du immer die Kurve. Vom Mutterkreuz zu qype…. suuuper !!!!

  8. Es gab noch andere Auswüchse der Staatlichen Kreativität, zum Beispiel das Mutterkreuz.
    Wiki…
    Das Ehrenkreuz der deutschen Mutter, kurz Mutterkreuz diente in der Zeit des Nationalsozialismus als Auszeichnung für kinderreiche Mütter, die nach der Rassen-Ideologie der Nationalsozialisten eine „arische“ Abstammung nachweisen konnten. Nach der Wiedereinführung des Muttertages wurde das Mutterkreuz am 16. Dezember 1938 von der Parteileitung der NSDAP als neuer Orden eingeführt. Er wurde in drei Stufen verliehen: Stufe 3 in Bronze ab vier, Stufe 2 in Silber ab sechs und Stufe 1 in Gold ab acht lebend geborenen Kindern. Im Jahre 1939 erhielten drei Millionen Frauen das Mutterkreuz. „Stifter“ des Mutterkreuzes war Adolf Hitler.

    Irgendwie braucht man als guter Deutscher sowieso immer irgendwelche Orden, Punkte (siehe Qype)und Ränge, wodurch man sich von anderen Absetzen kann. Der absolute Mehrwerteffekt entsteht natürlich wenn man auf „breiter Front“, sich auf den vordersten Plätzen aufhält. Also Bowlingverein, „Unsere Strasse sollschöner werden“ Verein, Schützenverein, Freiwillige Feuerwehr, etc. pp … Es ist nun mal beruhigend, wenn man immer noch etwas findet, worauf man herabschauen kann, dann befindet man sich ja selbst in der Position ²mehr wert“ „besser“ zu sein.

    Ich denke mal bestimmte Grundlagen werden sich wohl nie ändern.
    in diesem Sinne …

  9. … und wie wenig sauber sie dabei wurden 😦

  10. Spannend und rätselhaft ists in der Tat. Schon gruselig mit welcher Immenz die Hirne der Leute gewaschen wurden.

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