Friedhof St. Marx

Man sagt den Wiener Bürgerinnen und Bürgern ja einen gewissen Hang zum Morbiden nach. Und auch wenn nicht jeder in dieser Stadt den Tag mit dem fröhlichen Liedchen “Schau, da liegt a Leich im Rinnsal, s Bluat rinnt in Kanal … ui des is makaber, da liegt ja a Kadaver!” auf den Lippen beginnt, ganz abzustreiten ist es halt doch nicht.
Ich kenne zum Beispiel keinen idyllischeren und romantischeren Platz in Wien, als den St. Marxer Friedhof. Besonders jetzt im Mai, wo hunderte Fliederbüsche zwischen den verwitterten Grabsteinen blühen.

Begraben wurde hier jedoch schon lange niemand mehr – die Gräber stammen ausschließlich aus den Jahren 1784 bis 1878 – es handelt sich um den letzten der 5 kommunalen Biedermeierfriedhof in Wien, die Joseph II im Zuge der Seuchen- und Hygieneverordnung vor die Stadtmauern verlegte.
Seither steht der Friedhof so da, wie er ist – erst in den letzten Jahren wurden einige Gräber restauriert und das Stadtgartenamt kümmert sich (gottseidank nicht allzusehr) um die Grünflächen. Aber gerade die wild verwitterte, dicht bewachsene Atmosphäre mit hie und da umgefallenen, moosbedeckten Grabsteinen und wunderschönen Steinengeln zwischen wildwuchernden Gehölz und Sträuchern verleihen diesem Platz einen einzigartigen zauberhaften Flair.

Der uninteressanteste Teil des Friedhofes ist übrigens das Mozartgrab. Wolfgang Amadeus wurde zwar hier nach seinem Ableben im 35. Lebensjahr begraben, allerdings ohne Kreuz und ohne Grabstein – war also bald unauffindbar. Also stellte die Stadt Wien 1950 ein Ehrendenkmal auf, das eigentümlich aufgeputzt und sauber steril heraussticht inmitten der verfallenen Pracht.
Abgesehen von Mozart liegen hier aber noch einige andere Berühmtheiten begraben, wie Josef und Anna Strauß (Johanns Bruder und Mutter), Alois Negrelli (der Planer des Suez Kanals), Ida Pfeiffer (Forscherin und Weltreisende), Joseph Georg Kornhäusel (Architekt), Basilio Calafati (berüchtigter Ringelspielbesitzer im Prater) und mein Liebling, dem ich jedesmal einen Besuch abstatte, Josef Madersperger (Erfinder der Nähmaschine).

Wer sich die Zeit nimmt die Inschriften der Gräber zu entziffern, wird auf einige amüsante Zeilen stoßen – viele kuriose k.u.k. Titel werden hier aufgelistet, einige so lang, dass die Inschriften mit etc. etc. enden, wie bei dieser: Hier ruhet seine Excellenz der hochwohlgeborene Herr Johann Limbeck Freiherr von Lilienau, Comandeur des öst. kais. Leopold-Ordens, wirklicher geheimer Rath und Vice Kanzler der k.k. vereinigten Hofkanzlei etc. etc. etc.
Einige Berufsbezeichnungen haben mir schon wahre Rätselfreuden bereitet, außerdem stehen auf den meisten Gräbern die Adressen der Verstorbenen (allesamt aus dem 3. Bezirk). z.B. bürgerlicher Lust- und Ziergärtners-Sohn auf der Landstrasse No. 142

Etwas seltsam scheint, dass unmittelbar neben diesem verschlafenen Ort die SüdostTangente steht – man hört den Autolärm zwar nur peripher, trotzdem ist der Anblick etwas störend.

St. Marxer Friedhof

Leberstraße 6-8, 1030 Wien

Öffnungszeiten:

April, Oktober: 7h – 17h
Mai, September: 7-18h
Juni – August: 7h – 19h

Tel: +43 1 7963613

Web: http://www.wien.gv.at/umwelt/parks/anlagen/friedhof-st-marx.html

Ein Artikel aus dem Joulupukki Qype Archiv
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3 Kommentare to “Friedhof St. Marx”

  1. schöne Bilder, hast auch den von mir versprochenen Zwerg gebumpt bekommen

  2. Ich habs gesehen und war ganz hin und weg vor Rührung ob der fabelhaften Grabrede. Das war die schönste Grabrede meines Lebens 😉
    Und der Gartenzwerg macht sich auch ganz famos!

  3. Ah, da isser wieder 🙂 auf Qype gibts den auch wieder, von Gletscherkälbchen, da bist Du Qypetechnisch begraben 🙂

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