Die Aspanggründe – Ein Requiem für die Gstetten!

Das Wörtchen ‚Drahtesel‘ kommt nicht von irgendwoher. Meiner findet zwar immer wieder nach Hause, störrisch wie er ist, nimmt er aber nie denselben Weg (das Luder!). Heute führte er mich durch die Aspanggründe, ein großes wild verwachsenes Areal im dritten Bezirk, eine wahre Gstetten mitten in der Stadt.

Staunend ob der blühenden Schönheit dieser Wildnis, die sich zwischen Betonresten und Schotterhalden ihr Land in der farbenprächtigsten Kriegsmontur zurückerobert, landete ich beinahe in dem Bauzaun, der das Gebiet begrenzt – doch… kein Zaun, ohne Öffnung! Das weiß ich seit meiner Kindheit am ‚Schelli‘.

Das ‚Schelli‘ war ein ähnliches Gelände in Floridsdorf, dass hinter unserem Haus begann.
Dass ‚Schelli‘ von Shell stammt – dem Ölkonzern, dem dieser Grund gehörte – war mir damals noch lange nicht bewußt. Für uns war es die Prärie! Die kontaminierten Tankstellenruinen aus den 50ern waren unsere Burgen, die wir besetzten und umkämpften, wie Ronja Räubertochter gegen Prinz Eisenherz. Wer zuerst das Dach erkletterte, hatte gewonnen. Wir haben Tierfriedhöfe angelegt und verendete Feldhasen begraben (die die gegnerische Bande dann über Nacht wieder ausgegraben haben, die Grabschänder, die elenden…), Baumhäuser gebaut
bis spät in die Nacht und Schätze gesucht und gefunden. Es war herrlich! Dort haben wir erfahren, was frei sein bedeutet und wie gut es sich anfühlt wild zu sein.

Dazu gehörte natürlich auch die regelmäßige Schwerarbeit Löcher in Zäune und Plakatwände zu hauen, um unser Paradies zurückzuerobern, wenn Shell wieder mal meinte, uns fern halten zu müssen. Eine Ansicht, die bei uns jedes Mal schiere Fassungslosigkeit ob der Ungerechtigkeit der Erwachsenenwelt hervorrief. Eben jene Erwachsenenwelt, die das Shellgelände missbrauchte, um ihren Sperrmüll dort abzuladen. Das war uns nämlich auch nicht recht, war schließlich unser Spielplatz! Jawoll!

In meiner kindlichen Naivität schrieb ich auch sofort einen Beschwerdebrief an den Bürgermeister. Der sollte doch gefälligst was gegen diese üblen Müllablader unternehmen, ist schließlich seine Stadt und er ist der Häuptling, nicht? Er hat mir auch prompt geantwortet, und versprochen, dieser Angelegenheit höchste Priorität zu zollen. Guter Häuptling! Ich war zufrieden…
Dazu muss ich vielleicht anmerken, dass ich zu jener Zeit überhaupt Gott und der Welt Briefe schrieb, vom Papst (hat nicht geantwortet) über Lady Di (hat geantwortet ‚Her Royal Highness was most touched by you kind thought…‚) bis hin zu einem Brief ‚To anybody at King Street who has children‚. Da Lady Di nicht gewillt war eine dauernde Brieffreundschaft aufzubauen und ich sonst niemanden in England kannte, hab ichs halt so versucht und mir gedacht „Eine Kingstreet wirds schon geben…“. Hat übrigens funktioniert: Die persische Gattin des Postboten, Tracey Hussain, hat mir dann über lange Zeit ganz reizende Briefe geschrieben. Ganz reizende! Ich hab bloß leider die Hälfte nicht verstanden – so gut war mein Englisch halt auch nicht… 😦

Aber ich schweife ab… Wo war ich? Ach ja! Gerade als unsere hart erarbeiteten Pforten ins Paradies wiedermal mutwillig geschlossen wurden, und ich drauf und dran war, mich erneut empört beim Bürgermeister zu beschweren – wo kommen wir denn da hin, wir Kinder tun uns da die Arbeit an und die? Machens einfach wieder zu! Geht doch nicht! – flatterte der zweite Brief des Häuptlings ins Haus…
Was soll ich sagen – das war das Ende einer wunderbaren Freundschaft, der Tag, an dem meiner Gutgläubigkeit ein herber Schlag versetzt wurde. Der Tag, an dem die Obrigkeit zum Feind wurde und ich beschloß in den Untergrund zu gehen!

Ja so war das.
Die Aspang Gründe werde ich wohl auch nicht retten können. Die werden nun verbaut. Wo bereits Gräber aus der Bronzezeit gefunden wurden und vor 70 Jahren die Wiener Züge in den sicheren Tod abfuhren (an den Aspang Bahnhof gedenkt heute nur ein kleines verstecktes Schild) wird bald ein strahlendes blitzblankes hypermodernes Wohn- und Büroviertel entstehen und sich urwienerisch Eurogate nennen.

Dann hat sichs ausgeblüht!

Die prächtigen mannshohen Distelsträucher kommen in den Baucontainer, die bunte Pracht wird plattgewalzt, die Nager werden fliehen und die Falken werden sich ein neues Jagdgebiet suchen müssen.

Schade – die Gstetten wird mir abgehen…

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2 Kommentare to “Die Aspanggründe – Ein Requiem für die Gstetten!”

  1. na ja, heut schreib ich keinem Bürgermeister mehr ;o)

  2. Und immernoch wild im Herzen.

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