Mein Cousin Friedel war der jüngste Sproß einer deutschsprachigen Familie, die mit den ersten Wiener Auswanderern nach der Niederschlagung des Krakauer Aufstandes 1846 nach Krakau kam. Es war jedoch weniger die Kaisertreue, die diesen Zweig der Familie nach Polen rief, als die Liebe zur Wissenschaft und die Ambitionen Friedels Vorfahren gegen die Schließung der ruhmreichen Jagiellonen-Universität tatkräftig einzustehen. Eine Leidenschaft, die in der Familie weitergegeben wurde und so kams, dass Friedel schon in vierter Generation die wertvollen Bestände der Biblioteka Jagiellońska archivierte und katalogisierte.

Fabelhafte Mischpoche II – Vetter Friedel und Vetterin Mitzi
Fabelhafte Mischpoche I – meine stoische Ururgroßmama Aurelia
Aurelia Dárekovás Leben begann mit einem Unfall auf der Mazzes-Insel der Unseligen, dem 2. Wiener Gemeindebezirk, anno 1857. Und zwar stolperte das weiche Herz ihrer Frau Mutter über den erbarmungswürdigen Zustand ihres Nachbarn, eines gewissen Herrn Reich, dem sie infolgedessen zum Herrn Vater meiner Ururgroßmama Aurelia machte. Ein Umstand, an dem sich mein Urururgroßvater nicht mehr erfreuen konnte, da er sich überliefertermaßen nur Tage später gen Heimat ins böhmische Adlergebirge zurückzog, um sich dort noch vor ihrer Geburt im trauten Horst das Leben nehmen. Grund hierfür war jedoch eher der miserable Gesundheitszustand sowie der finanzielle Moloch des künftigen Vaters, aus dem er sich nicht mehr zu retten wähnte, denn die Vaterfreuden von denen er garnichts wußte.
Fabelhafte Mischpoche
Meine Familie … ein schauderhaftes Kapitel. Zumindest jener Teil, dessen Blutes ich bin und mit dem ich aufgewachsen bin. Man werfe Sadisten, religiöse Fanatiker und Kerzerlschlecker, Antisemiten, Rassisten, Süchtler, Selbstmörder und Tyrannen in einem Topf, würze das ganze kräftig mit Bigotterie, Ignoranz und Falschheit und koche dieses Psychodrama auf kleiner Flamme, bis eine dicke schwarze Einbrenn am Topfboden klebt … et voilá je vous présente ma famille!
Aber keine Sorge, Klagemauern gießen und HoustonWirHabenEinProblemBlicke aufsetzen liegt mir nicht und so existentielle Fragen, wie jene woher ich komme, habe ich schon lange als müßig ad acta gelegt und mir statt dessen einen einfachen, aber effektiven Ersatz gebastelt. Eine Familie nach meinem Geschmack. Alle paar Wochen wird der Stammbaum bei einem Besuch am Flohmarkt ergänzt und ein neues Familienmitglied adoptiert. Natürlich kommt mir nicht jeder in meine Familie, das ist klar. Schließlich erkenne ich meine Mischpoche, wenn ich sie sehe! Und nun habe ich beschlossen, dass es Zeit wird, ihre Geschichten zu erzählen.
Hier ist der aktuelle Stand meines Stammbaumes:
Ich glaube, ich werde mit Ururgroßmutter Aurelia beginnen, das ist die gestrenge Dame im hochgeschlossenen Kleid in der Mitte des Bildes, eine Meisterin des stoischen Blickes. Selten sprach sie, aber wenn sie den Mund aufmachte, dann …
Nun, ich will nichts vorwegnehmen. Das folgt dann alles im nächsten Kapitel.

