Schlom. So hieß der Urvater der Wiener Juden, der sich um 1190 in der Stadt ansiedelte und von Herzog Leopold V zum Münzmeister ernannt wurde. Einfach nur Schlom, grad so als hätte man ihm – aller Kürze zum Trotz – zur Erlangung des jüdischen Friedens auch noch das “a” geklaut. Schlom hatte die Aufgabe Silber für die Münzherstellung zu beschaffen, wurde aber bald obsolet, als der gute Leopold fette 23 Tonnen Silber als Lösegeld für Richard Löwenherz erbeutete. Um seine Arbeitslosigkeit musste sich Schlom jedoch nur kurz Gedanken machen, dafür sorgte das geklaute “a” im Namen und ein Haufen mordlustiger Kreuzfahrer, die ihn und 15 Mitglieder seines Haushaltes schon 1196 töteten.
Kurz war das Wiener Leben des ersten Wiener Juden. Und das geklaute “a” schien auch über Schloms Nachfahren wie ein Damoklesschwert zu hängen. Immer nur allzu kurz währten die friedlichen Epochen jüdischer Hochblüte in dieser Stadt – die erste und längste zwischen Ende des 12. Jahrhunderts und der ersten Verfolgung 1420, die letzte endete im Desaster, das wir alle kennen. In diesen kurzen Epochen bereicherten sie das kulturelle und geistige Leben Wiens in erstaunlichem Maße. Entlohnt wurden sie dafür in regelmäßigen Abständen mit Mord und Vernichtung. Zurück blieben Lücken. Zum einem in der Gesellschaft, in der ganze Generationen nicht das Licht der Welt erblicken durften (und manchmal hänge ich wirklich der müßigen Frage nach, welche Menschen in meinem Leben einen Platz hätten, hätte es den 2. Weltkrieg nicht gegeben), zum anderen aber auch im Stadtbild.
Eine Gruppe von Architekten der TU Wien um Bob Martens hat es sich nun zur Aufgabe gemacht diese Lücken im Stadtbild sichtbar zu machen. Mit ungeheurem Aufwand arbeiteten die Architekten an der Erforschung alter Baupläne, Zeitzeugenberichten und alter Fotografien und schafften das beinahe Unmögliche – eine komplette virtuelle 3D Rekonstruktion der in der Pogromnacht zerstörten Synagogen Wiens. Oft stießen sie dabei auf planabweichende Umsetzungen der Bauten, die sie in ihre Modelle einbezogen. Mit ungeheurer Liebe zum Detail bis hin zu tagesabhängigen Licht- und Schattenwirkungen geben diese Rekonstruktionen nun Einblick in die verschollenen Bauten. Und es gibt verblüffend überzeugende Bilder der Straßenzüge, in denen anstelle dieser Synagogen nun meist sehr einfallslose Wohnbauten stehen:
Das Ergebnis des Projektes, das in über 10 Jahren Arbeit betrieben wurde, ist nun einsehbar in dem kleinen feinen Stadtführer “Die zerstörten Synagogen Wiens“, herausgegeben im Mandelbaum Verlag.
Ich bin begeistert von dieser Arbeit. Und es erschüttert mich, dass die einzige Ausstellung, die Einblick in die Modelle gibt eine schier jämmerliche ist. Wir hätten hier nun Material für die prächtigsten 3D Projektionen wiederauferstandener Kulturgüter und virtueller Spaziergänge. Gezeigt werden stattdessen gerade mal zwei handvoll banaler Schautafeln an der Wand, zu sehen in der Gebietsbetreuung 20. Das wars. Nichts gegen die Gebietsbetreuung, denen mangelt es wahrscheinlich auch nur am nötigen Geld und Raum diese Ausstellung fachgerecht zu gestalten. Aber dass das alles ist, was die Stadt Wien dieser hervorragenden Arbeit der Architekten der TU Wien entgegenzubringen hat, ist erbärmlich.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurde in Wien erbarmungslos gewütet. 27 Juden wurden getötet, 80 schwer verletzt, rund 4000 jüdische Geschäfte mussten schließen, rund 1950 Wohnungen wurden beschlagnahmt und rund 100 Andachtsstätten und Synagogen zerstört. Sprich: Alle bis auf eine – die in der Seitenstettengasse, die von eben jenem eingangs erwähnten Schlom gegründet wurde.
Und auf noch ein anderes Denkmal hat der wütende Mob vergessen. Es ist fast schon grausam skurril, wenn man sich die Szenerie vorstellt: Während rundum geplündert, gemordet, gebrandschatzt, Bücher verbrannt und Lieder verboten werden, steht mittendrin im Herzen der Stadt ein überlebensgroßer Rabbi in Stein gehauen, Maria und Josef unter einer Chuppa in jüdischer Zeremonie trauend. Aus schierer Unwissenheit ist der den Nazis in ihrer teutonischen Gründlichkeit schlichtweg entgangen.
Klar, das ist jetzt ein schwacher Trost angesichts des maßlosen Unheils, das in jenen Jahren angerichtet wurde, aber den Schwejk hätts gfreut. Und mich auch.




