
Janusmutter
Samstag, 7. November 2009Ich habe zwei Mütter. Eine ist ein liebens- wie bedauernswertes Geschöpf, eine Frau, die emotional irgendwo mit 13 hängengeblieben ist. Die mit 62 noch einem kleinen Mädchen gleicht, wenn sie eingeschnappt mitten auf der Straße stehenbleibt, die Arme verschränkt und die Unterlippe vorschiebt und so stundenlang verharrt. Ein armes Tschopperl, das sich nichts zutraut (man hat ihr zu oft gesagt, sie sei für alles zu blöd), aber davon träumt und dafür lebt, für andere da zu sein. Das funktioniert blöderweise schlecht, wenn man nie gelernt hat, auf sich selbst aufzupassen … Eine Frau mit großem Herzen und einem kindlichen Gemüt. Mit einem freundlichen Lachen und einem guten Wort für Jeden.
Das andere Wesen im Körper meiner Mutter ist die mit dem Silberblick und dem Zungenschlag. Die Psychopharmakahörige vor dem Altar der Männer in Weiß (der Herr Doktor hat studiert, der Herr Doktor hat immer recht, der Herr Doktor hat gesagt, ich muss das nehmen). Die Frau, der ich, seitdem ich sie kenne, keine 3 Monate Lebenszeit mehr zugetraut hätte. Jene, die ihr Leben lang versucht hat, sich zu zerstören, ihren gequälten Körper – abwechselnd aufgedunsen und abgemagert – vollgepumpt hat mit Chemie und Alkohol. (Hierzulande „Wiener Mischung“ genannt.) Die dann auch hässlich ausfallend werden kann. Dumm, hinterhältig und gemein. Die, die mir die Kindheit geklaut hat.
Was meine Janusmutter dabei glaub ich nie verstanden hat – sie zerstört dabei nicht sich selbst, sie zerstört meine Mutter. Die Zweite tötet die Erste. Und das nehm ich ihr übel. Dazu hat sie kein Recht.
Ich hasse die eine und liebe die andere. Ich hasse sie vor allem, weil sie mir dieses Gefühl – Hass – überhaupt erst beigebracht hat. Ein Gefühl, das ich nicht haben will in meinem Leben. Schon garnicht meiner Mutter gegenüber. Vielleicht hab auch ich kein Recht dazu, sie auseinanderzudividieren. Doch da kann ich mir genausowenig helfen, wie sie sich selbst.
Heute habe ich meine Mutter besucht. Nie weiß ich, wen ich antreffen werde. Doch ich hatte Glück, es war die liebe Mutter. Der Hass konnte ruhig begraben bleiben. Für heute …
Danke für die lieben Worte Euch allen.
Aber nur, damit ich nicht missverstanden werde – kein Drama, keine Tränen, kein Hilfeschrei. Im Grunde nur Business as usual für jene, die von solchen Umständen betroffen sind. Und von denen gibts viele, wie wohl überhaupt jeder seine eigenen schwierigen Aspekte im Leben hat. Mir war einfach nur danach, es auch mal zu benennen.
Und jetzt nochmal: Danke für die lieben Worte Euch allen.
Ein sehr zu Herzen gehender Beitrag, liebe Joulou… Die Mutter, die wir nie loswerden, egal wie sehr wir es wollen…
Drücke dich mal ganz feste..
Mir fehlen die Worte. Fühl dich gedrückt.
Weh.
Da ist ein bißchen sträflicher Leichtsinn wirklich nichts gegen.
Du bist sehr mutig.
Du bist sehr schön.
Beim Lesen stockt mir der Atem. Wie treffend beschrieben.
Das Schlimme an Suchtmenschen ist ja, dass sie gar nicht mehr merken, was sie bei anderen anrichten, dass sie ihre gespaltene Persönlichkeit gar nicht mehr wahrnehmen können oder wollen, dass sie jegliches Gefühl für die Gefühle anderer verloren haben.
Dir viel Glück bei deinen nächsten Mutter-Besuchen.