Vor isländischen Nationalspeisen wurden wir gewarnt. Von Gammelhai, fermentierten Wal und Robben und halben geschmorten Schafsköpfen, die einem vom Teller weg noch vorwurfsvoll anglotzen war da die Rede. Ich habe mich also auf Schmalhansküche und Hungerdiät eingestellt. Ganz umsonst, wie sich bald herausstellte. Die Auswahl an Fisch und Lamm Delikatessen war so exquisit, dass wir eine einfache Hausmannskost manchmal richtig vermissten. Halbe Schafsköpfe standen nur einmal, in unserem ersten Hotel, dem 4th Floor in der Snorrabraut, am Speisezettel. Zu Gesicht bekamen wir ihn nie. Und der Gammelhai ließ auch bis zuletzt auf sich warten.
Nein, die isländische Küche hat sich zum Gourmetparadies gemausert. Mein absoluter Favorit ist der isländische Hummer, der kleine Scampibruder der Homarusgattung, auch Kaisergranat, Kaiserhummer, Schlankhummer oder schlicht Nephrops norvegicus genannt. Gefangen wird er in Südisland erst seit den 1950er Jahren. Als der Hummerfang aufgenommen wurde, prangte ein Exemplar sogar auf dem Titelblatt des Morgunblaðið, um die isländische Bevölkerung an den ungewöhnlichen Anblick zu gewöhnen.
Als Best Icelandic Lobster Restaurant wird unisono das Fjöruborðið in Stokkseyri genannt. Keine Frage, das muss getestet werden! Als wir zu der eher unscheinbaren Welblechhütte kommen, sind wir dann doch ein wenig skeptisch. Das ist das beste Lobster Restaurant Islands? Na, isländisches Understatement ist uns ja gottseidank bereits seit der Brötchenbeschriftung der Icelandair bekannt, also nichts wie rein.
Obwohl das Fjöruborðið innen schlicht, aber sehr geschmackvoll eingerichtet ist, verlässt mich doch nie das Gefühl in einer Fisch Lagerhalle zu speisen. Die schmalen Luckenfenster unter der Decke lassen nur wenig Licht herein, wir essen bei dämmrigen Kerzenlicht. Meine Freunde stört das etwas, mir gefällt die schlichte Lageratmosphäre eigentlich ganz gut. Die Speisekarte ist ähnlich spartanisch: Lobstersoup und Lobster 250gr., 300gr. oder 400gr. stehen zur Auswahl. Es lässt sich nicht leugnen: Das Fjöruborðið konzentriert sich ausschließlich auf das Wesentliche!
Was bleibt zu sagen: es schmeckt! Wir knacken die leckeren Tierchen mit den Fingern und schlecken sie uns dann genüßlich ab. Der Tisch des Gelages spricht eigentlich für sich:
Und trotzdem war der Genuß noch zu toppen. Sorry, Fjöruborðið, mangels Auswahl bleibt ihr sicher das beste Lobsterrestaurant Islands. Den besten Lobster hab ich jedoch am nächsten Tag im Rauða Húsið in Eyrarbakka serviert bekommen:
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Meine Güte, mir läuft beim Schreiben dieser Zeilen noch immer das Wasser im Munde zusammen!
Im Rauða Húsið wurde aber offenbar schon immer auf Engagement und Qualität gesetzt. Das rote Haus gleich neben der Kirche von Eyrarbakka wurde 1919 von der ehrwürdigen wie streitbaren Frau Guðmunda Nielsen gegründet. Hier richtete sie ihren Gemischtwarenladen ein, im ersten Stock ein Restaurant. Das blieb Eyrarbakka erhalten und noch posthum überwacht die aktive Frauenrechtlerin mit strengem Blick das Service des sympathisch eingerichteten Gastraumes.
Das allgemeine Ergebnis dieses Abends: Stimmige Atmosphäre, sympathisches Service, noch nie so gut gegessen, wie hier!
Kugelrund zufrieden brechen wir nach einem ereignisreichen Tag noch zum Abendspaziergang auf. Spät ist es geworden, die Sonne steht tief, schiebt sich unter die dicken schwarzen Wolken und wirft lange scharfe Schatten auf die Straßen Eyrarbakkas. Die Gräser der Vorgärten leuchten grellgrün, eingetaucht in ein zauberhaftes Licht.
Ein Dünenweg am Strand entlang führt uns zum alten Hafen.
So tief die Sonne auch steht, bleibt sie doch wie festgeklebt am Horizont stehen. Warten zwecklos.
Der langweiligste Sonnenuntergang meines Lebens! (O-Ton Telemach aka Cave Diem)














